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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

224. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Jegorowitsch Schtscherbakow
Russland
Oskarowka
Region Krasnojarsk.

[Es schreiben zwei Freunde, S. Sadowskaja und W. Koltowitsch]

(…) Iwan Jegorowitsch hat Ihren Brief bekommen und dankt Ihnen dafür, dass Sie ihn, den russischen Soldaten, im fernen Deutschland nicht vergessen haben, und mit ihm wahrscheinlich viele andere, die in der Gefangenschaft waren.

Iwan Jegorowitsch kann selbst nicht schreiben, in seinem Auftrag antworten Ihnen deshalb wir, seine Freunde. Er ist sehr krank; Entbehrungen, Krankheiten, Hunger und Gefangenschaft haben die Gesundheit unseres Veteranen ruiniert, aber sein Gedächtnis ist noch sehr gut, hat den ganzen Alptraum, den er durchleben musste, nicht gelöscht. Was kürzlich passiert ist, daran kann er sich nicht oder nur selten erinnern, dafür weiß er noch genau, was damals war. Er war ja erst 20 Jahre alt, als er in Gefangenschaft geriet, ein junger Bursche vom Land. Immer, wenn er von seinem Leben, oder besser seinem Dasein in dieser Hölle erzählt, muss er weinen. Viele tausende solcher junger Männer wie er lagen neben ihm unter freiem Himmel, hinter Stacheldraht, bei Regen, Sonne; schrecklicher Hunger und dazu noch Typhus, all das raubte Tausenden das Leben. Er hatte Glück, blieb am Leben, ertrug Angst, Hunger, Schläge und Demütigungen.

Er ist 1942 in Gefangenschaft geraten, an der Südwestfront in der Gegend um Belgorod. Sie gerieten in einen Kessel, zusammen mit einem anderen Soldaten lag er zwei Tage lang im Sumpf, sie hatten sogar Angst, die Köpfe zu heben. Nachts explodierten ununterbrochen Raketen, tagsüber wurde der Sumpf beschossen. Am dritten Tag sah er beim Aufwachen, dass er alleine war; bis heute weiß er nicht, wo sein Kamerad abgeblieben ist. Er stieg auf eine Anhöhe, nachdem er dort Frauen hatte sprechen hören. Sie gaben ihm etwas zu Essen und erklärten ihm, wie er zum nächsten Ort kam, in dem, wie sie dachten, keine Deutschen waren. Aber sie hatten sich getäuscht. Er wurde schrecklich verprügelt, sie schlugen ihm die Feldmütze mit dem Stern ins Gesicht.

Das Lager bei Rowno [Stalag 360] war ein nacktes Feld mit Stacheldraht und Tod, Tod, sie schliefen aufeinander, so eng war es, erdrückten sich gegenseitig. Entsetzlicher Hunger. 1945 wurden sie von der amerikanischen Armee befreit. Es folgten noch lange weiteres Leid und Qualen.

Heute lebt Iwan Jegorowitsch zusammen mit seiner Frau Jekaterina. Ihre drei Söhne sind früh verstorben, ihnen ist noch eine Tochter geblieben. Sie lebt in Krasnojarsk, kommt manchmal und hilft ihnen im Haushalt. Iwan Jegorowitsch hat nach dem Krieg in der Kolchose gearbeitet, hat vier Kinder großgezogen. Er kennt viele Lieder und singt bis heute oft, er singt und weint.

Iwan Jegorowitsch hofft darauf, dass sie eine Wohnung in der Nähe seiner Tochter bekommen, denn sie können sich in ihrem kleinen alten Holzhaus nicht mehr selbst versorgen. Wir hoffen, dass er diesen freudigen Tag noch erleben wird. Seine Frau pflegt ihn, so gut sie kann. Iwan Jegorowtisch würde sehr gerne wissen, wie Sie von ihm erfahren haben, von einem alten Soldaten, der weit weg in Sibirien lebt, in einem gottverlassenen Dorf, das mehr als die Hälfte der alten Bewohner schon verlassen hat?

Vielen Dank an alle, die ihn nicht vergessen haben, und wahrscheinlich noch viele andere. Möge Gott denen verzeihen, die damals Untaten vollbracht haben, die getötet, angezündet und geplündert haben. Vielleicht schämen sie sich, wir aber schämen uns nicht für unsere Väter, Großväter und Bekannten wie Iwan Jegorowitsch, wir sind stolz auf unsere Alten.

Wir alle, aber vor allem Iwan Jegorowitsch, erwarten mit Ungeduld Ihren Antwortbrief. Wir schicken Ihnen ein Foto, das ist er am Tag des Sieges, so sieht er heute aus, ein Soldat seines Vaterlandes.

Mit den besten Grüßen,
die Bekannten und Freunde von Iwan Jegorowitsch
S. Sadowskaja und W. Koltowitsch

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