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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

222. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Per Email vom Enkelsohn Muchametschin Irek
Betr.: Islam Garifsjanowitsch Saripow
Datum: 15.10.2010
An: KONTAKTE-KOHTAKTbI.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „KOHTAKTbI“. Unsere Familie erhielt von Ihnen einen Brief, das war für uns völlig unerwartet, die Eindrücke sind nicht zu beschreiben, zum ersten Mal interessiert sich eine internationale gesellschaftliche Organisation für das Schicksal meines Großvaters. Sofort strömten die Erinnerungen an den grausamen Krieg auf ihn ein, einige Tage musste er innehalten und hat nun beschlossen, Ihnen zu antworten. Es folgen seine Worte. In Gedanken, mit dem ganzen Körper, jeder Zelle, kehrte er in seine bittere Jugendzeit zurück und begann wieder diese Jahre zu erleben, sich an Episoden zu erinnern, die für immer in seinem Gedächtnis fixiert sind:

Ich bin geboren und aufgewachsen in einem Dorf, wie die Mehrheit der sowjetischen Soldaten. Der Vater verstarb früh, mit 33 Jahren durch Typhus, ich war damals 11 Jahre alt, hatte 3 Klassen absolviert. Wir blieben mit der Mutter und fünf Kindern, davon zwei Invalide, als Ältester musste ich alle Mannespflichten auf meine Schultern nehmen. Wir lebten, wie wir es schafften. In 12 km Entfernung vom Dorf haben wir gepflügt, Korn gesät, von Hand geerntet, das Heu für unsere Ernährerin, die Kuh, bereitet. Das Lernen musste natürlich aufgegeben werden, jedoch nicht ganz. Ich besuchte Abendkurse, besondere Bildung habe ich so nicht erhalten, aber die Erfahrungen des Lebens lehrten dem Kopf und den Händen manches, man musste arbeiten. Ich sage meinen Kindern und Enkeln: „Lerne bei der Arbeit, jetzt wird dir niemand so viel beibringen, wie der, der sie beherrscht. Diesen Schatz schleppst du nicht auf einem Wägelchen hinterher, sondern er bleibt für immer in deinem Gedächtnis, im nötigen Augenblick kannst du ihn abrufen! So haben wir gelebt, bis der Krieg begann.

Am 24. Dezember 1941 wurde ich eingezogen in die Stadt Krasnojarsk, es gab keine Transportmittel, so ritten wir 300 km zu Pferde. Dann wurde ich zur Ausbildung in das Dorf Saosernoje im Gebiet Krasnojarsk geschickt. Nach der Ausbildung kam ich in das Gebiet Rostow in die 228. Division, Regiment 775, in eine Panzerabwehrkompanie, womit die Kriegserlebnisse begannen. Die Tage schleppten sich endlos dahin, nachts quälte das Heimweh, denn bis dahin hatte ich noch nie für längere Zeit mein zu Hause verlassen. Vom 6. bis 24. Juli 1942 gerieten wir in feindliche Umzingelung, dort geriet ich auch in Gefangenschaft mit einer Schädelprellung durch eine Fliegerbombe. Das erste woran ich mich erinnere ist, dass man uns zwei Tage lang in Schachtinsk gefangen hielt. Die quälendsten 7 Tage waren in der Stadt Stalin, man gab uns nichts zu essen, kein Wasser, kein Brot, um uns auf die feindliche Seite zu ziehen. Ich kam von einem Lager in ein anderes, Perwomaisk [Stalag 305Z] (Gebiet Nikolajewsk), Konstantinow [Dulag 172?], das nach meiner Erinnerung beste Lager, denn es gab 300 gr. Brot und 300 gr. rote Bete, die Suppe war mit Kürbis, wenn auf 2 Liter im Kessel 30-40 gr. Kürbis kam, war das ein Feiertag. So lebte ich bis Oktober 1942, dann schickte man uns nach Deutschland ins Lager 302 [Stalag IIA (302) Barkenbrügge/Pommern], wo ich die Nummer 34530 als Gefangener des faschistischen Deutschlands erhielt. Wieder Lager, in der Stadt Stiten [Stettin], der Stadt Amerstein [Hammerstein], in dem man uns mit Brot aus Sägespänen verpflegte. Dann verschlug mich das Schicksal in die Stadt Stoleb [Stolec], wo ich von 1943 bis 1945 in einer Möbelfabrik als Handlanger arbeitete. Dort traf ich einige Unteroffiziere mit menschlicher Seele, die sich uns gegenüber nicht wie zu Vieh verhielten. Im April 1945 schickte man uns in eine Vorstadt 12 km vor der Hafenstadt Rostock.

Am 1. Mai 1945 wurden wir von Soldaten der Sowjetarmee befreit, danach sofort zu einem Sammelpunkt gebracht zum Verhör durch Sondereinheiten. 15 Tage bekamen wir Sonderverpflegung zur Kräftigung, vier Mal täglich wurde verpflegt und 2 Stunden gab es Politinformationen. Danach wurde ich wieder in die Reihen der Sowjetarmee als Soldat aufgenommen und in die Stadt Brig in der DDR in den Truppenteil 41035, Schützenregiment 1320, Granatwerferkompanie 82 mm, als Richtkanonier geschickt. 1946 wurde ich nach Tscheljabinsk -- 40, Truppenteil 0516 geschickt, wo ich bis Mai 1950 diente, dann war mein Militärdienst vorbei und fuhr nach Hause, bis Krasnojarsk mit dem Zug, von dort nach Hause auf dem Pferd. Zu Hause kam ich Mitte Juni an.

Bei Großvater sammelten sich Tränen und er schämte sich und ging ins Nachbarzimmer, weil er sich an die Emotionen, die er auf der Seele nach den vielen Jahren auf der Seele hatte. Nun setzen wir den Brief fort.

Meine Verwandten hielten mich für tot, da sie den letzten Brief erhielten als wir uns im Kessel bei Rostow befanden, ich hatte wahrheitsgemäß geschrieben, dass wir nur wenige sind und der Feind uns von allen Seiten bedrängt. So hat mich die Mutter, als ich nach Hause kam nicht erkannt und konnte lange nicht zu sich kommen. Im Dorf sah man mich wie einen Gefangenen an, es gab viel moralische Erniedrigung. Nach einem Monat konnte ich diesen Druck und die Arbeitslosigkeit nicht mehr aushalten und fuhr zum Uranbergwerk in die Siedlung Strelka Gebiet Jennisejsk. Dort habe ich 3 Jahre gearbeitet, habe mir die Hand gebrochen und bin in mein Heimatdorf Soloucha zurückgekehrt, habe mich an meinen Schwur erinnert, den ich während des Krieges Allah gegeben habe, dass ich nach der Heimkehr von der Front der Mutter und dem Bruder, der Invalide ist, helfen werde.

1953 habe ich eine Familie gegründet, meine Frau stammt aus dem Nachbardorf Dolgowo. Im gleichen Jahr wurde ich nach Pirowsk geschickt, um den Beruf des Imkers zu erlernen, danach wurde ich im heimischen Kolchos Imker. Vom vorherigen Imker waren 23 Völker geblieben, bis 1983 habe ich die Zahl der Völker bis auf 118 erhöhen können und bin dann auf Rente gegangen.

Großvater hat seinen Bericht beendet, sagte, dass er noch viel zu tun hat, man muss die Bienen auf den Winter vorbereiten, er hält zu Hause einige Dutzend Völker und versorgt alle Verwandten mit Imkereierzeugnissen. Ich habe beschlossen für ihn weiter zu schreiben, was er uns manchmal erzählt hat. Gut, dass Stalin gestorben war, sonst hätte man alle ehemaligen Kriegsgefangenen erschossen, sicher hat auch sein Sohn eine Rolle gespielt, der auch in Gefangenschaft war. Er beschwert sich nie, sagt Danke, dass sie mich in Gefangenschaft nicht getötet haben. Er führt und führte sein Lebtag ein gesundes Leben, trinkt nicht viel Alkohol, raucht nicht, hat an der Front allerdings Beutezigarren probiert, aber nach einer Woche beschlossen, dass die Gesundheit wichtiger ist. Die heutige Regierung unterstützt er, sagt dass der Kurs gut ist, die Jugend nicht vergessen wird und die Alten auch nicht, kürzlich hat er in der Stadt eine komfortable Wohnung bekommen. Sein ältester Sohn, d.h. mein Onkel ist seinem Beispiel gefolgt, er ist auch Imker. Nun versuchen wir schon 3 Monate lang vom Staat ein Hörgerät für den Großvater zu bekommen, da er durch die Schädelprellung schlecht hört und es im Alter ganz schlecht geworden ist. Ihre finanzielle Hilfe werden wir vielleicht verwenden, um ein solches Gerät zu erwerben. Wir haben uns bemüht, seinen guten Frontkameraden und Landsmann zu finden, aber an der alten Adresse wohnt er nicht mehr, vielleicht ist er umgezogen oder nicht heimgekehrt. Es handelt sich um Leutnant Lawrentjew Nikolai, geb. 1926, mit dem er gemeinsam im Truppenteil 41035, Schützenregiment 1320, in der Stadt Brig gedient hat, wo er einen Granatwerferzug geführt hat. Das letzte Mal haben sie sich im Mai 1946 gesehen im Gebiet Kursk, in der Stadt Demitrow. Vor dem Krieg hat er im Rayon Rybinsk, Gebiet Krasnojarsk gewohnt. Danke, dass Sie uns nicht vergessen haben, danke für die Hilfe. Würden uns freuen, von Frontkameraden zu hören.

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Wir können Herrn Garifsjanowitsch einen Wunsch erfüllen: Wir fanden einen belorussischen Kriegsgefangenen, der mit ihm zusammen in der Möbelfabrik von Stolic Zwangsarbeit leistete, und schickten ihm dessen Adresse. Es ist Herr Muraschko, siehe 185. Freitagsbrief. (Sibylle Suchan-Floß)

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