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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

221. Freitagsbrief (vom November 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wladimir Pawlowitsch Chodarew
Russland
Kemerowo.

(…) Auf Ihre Bitte hin möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich am 30.9.2010 Ihren Brief aus Berlin vom 14.9.2010 bekommen habe. Einige Tage später haben ich einen Brief ähnlichen Inhalts von der Russischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ erhalten. Aus diesen Briefen habe ich erfahren, dass mir, einem ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, auf Initiative Ihres Vereins und mit Hilfe deutscher Bürger sowie unterstützt von der Russischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ über die Russische Sberbank eine humanitäre Hilfe in Höhe von 12162,48 Rubel (300 Euro) überwiesen wurde. Ich möchte Ihnen dafür meinen Dank aussprechen und Ihnen, den deutschen Bürgern sowie den Mitgliedern der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ danken und Ihnen Erfolg wünschen bei Ihrer wohltätigen Arbeit mit dem Ziel, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Menschen ungeachtet ihrer Nationalität oder ihres Wohnortes zu fördern. Die humanitäre Hilfe, die ich bekommen habe, empfinde ich nicht nur als materielle Unterstützung, sondern auch als Zeichen dafür, dass Ihr Verein und viele Deutsche die Ungerechtigkeit, die den sowjetischen Kriegsgefangenen zur Zeit des Nazi-Regimes zugefügt wurde, anerkennen.

In Ihrem Brief bitten Sie mich, Ihnen von der Zeit, die ich in Nazi-Gewahrsam verbracht habe, zu schreiben und zu erzählen, wie mein Leben danach verlaufen ist. In einem Brief lässt sich das schwer erzählen, deshalb möchte ich folgendermaßen vorgehen: zuerst werde ich in Kürze mein Leben beschreiben und später werde ich dann ausführlicher über einzelne, besonders wichtige Ereignisse berichten.

Vor dem Großen Vaterländischen Krieg lebte ich mit meinen Eltern in der Ukraine, in Dsershinsk im Gebiet Donezk, wo ich auch die Mittelschule abgeschlossen habe. Nach der Schule begann ich ein Studium am Geologischen Institut in Moskau. Als der Krieg begann, musste ich das Studium unterbrechen und als technischer Zeichner im Bergwerk arbeiten. Im Oktober 1941 wurde ich in die Sowjetische Armee eingezogen und kam zur Ausbildung in eine Militärschule für Funker. Im März 1942 kam ich zum Armeedienst und wurde an die Westfront geschickt, wo ich Schütze und Telefonist einer Stabsbatterie in einer Schützendivision war. Unsere Division war im Bezirk der Bahnstation Schtschigra westlich von Kursk stationiert. Bald kam ich wegen einer Krankheit ins Feldlazarett im Bezirk Staryj Oskol.

Im Juli 1942 sollte ich vom Lazarett zu einer Armeeeinheit in Staryj Oskol verlegt werden, als deutsche Truppen Richtung Woronesh vorstießen. Zusammen mit unseren Truppen, die aus Staryj Oskol den Rückzug antraten, geriet ich zuerst in einen Kessel und dann in Gefangenschaft, als wir versuchten, den Don zu überqueren, um zu unseren dort stationierten Truppen zu gelangen. Bis Dezember 1942 war ich in verschiedenen Lagern für sowjetische Kriegsgefangene auf dem vorübergehend besetzten Gebiet der UdSSR, in Kursk, Minsk und Mogiljew. Ich arbeitete beim Bau, beim Holzfällen und bei anderen Arbeiten. Im Dezember 1942 wurde ich zur Zwangsarbeit nach Ludwigshafen in Westdeutschland gebracht. Ich wohnte in einem Lager für sowjetische Kriegsgefangene und arbeitete zuerst in einer Pumpenfabrik, später in einer Fabrik, in der Fässer hergestellt wurden.

Im März 1943 kam ich wegen Krankheit ins Lagerlazarett für sowjetische Kriegsgefangene in Homburg, wo ich bis zur Befreiung aus der Gefangenschaft durch amerikanische Truppen am 20.3.1945 blieb. Dass ich so lange im Lagerlazarett war, erklärten die behandelnden polnischen Ärzte im Lagerlazarett damit, dass wir unter schlechten Lebensbedingungen lebten, die Verpflegung schlecht war und die zur Behandlung nötigen Medikamente fehlten. Wir lebten in engen Baracken, schliefen auf dreistöckigen Pritschen. Zu essen bekamen wir vor allem Suppen ohne Fleisch aus Rüben und dazu eine kleine Ration Ersatzbrot, das meistens nicht für alle reichte. Als es mir sehr schlecht ging und ich das Lageressen nicht zu mir nehmen konnte, brachte mir mein Arzt eine Zitrone zum Tee mit. Mir scheint, dass mir diese Zitrone geholfen hat, wieder zu Kräften zu kommen. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen aus anderen Ländern bekamen die sowjetischen Kriegsgefangenen keine Unterstützung, weder von ihrem Staat noch von der internationalen Organisation Rotes Kreuz, deshalb hatten sie es schwerer als die anderen. Man ging in Deutschland unterschiedlich mit den sowjetischen Kriegsgefangenen um: Die normalen Bürger und die einfachen Soldaten waren den sowjetischen Kriegsgefangenen meistens wohlwollend gegenüber eingestellt, sie hatten Mitleid mit uns. Die Beamten jeden Ranges und die Offiziere dagegen behandelten uns grob, oft brutal, und versuchten uns auf jede erdenkliche Weise zu demütigen.

Die Zeit in der Nazi-Gefangenschaft war für mich der schwerste Abschnitt in meinem Leben. Was die Lebensbedingungen betrifft, so entsprach die Gefangenschaft einer Gefängnishaft mit spärlicher Verpflegung sowie brutaler und erniedrigender Behandlung. Deshalb empfinde ich den Tag, an dem ich aus der Gefangenschaft befreit wurde, wie eine zweite Geburt.

Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft am 20.3.1945, der Rapatriierung und Sonderüberprüfung wurde ich im August 1945 in die Sowjetische Armee eingezogen und diente bis Dezember 1945 als Schreiber in einem Artillerie-MG-Sonderbataillon in Ostpreußen im Bezirk der Bahnstation Gumbinnen. Im Dezember 1945 wurde ich aus der Armee entlassen, da ich Student war. Ich setzte mein Studium am Geologischen Institut in Moskau fort und schloss es im Mai 1951 ab. Nach Abschluss des Studiums habe ich vierzig Jahre lang, bis zur Rente im Mai 1991, im südlichen Westsibirien gearbeitet. Ich war Geologe bei der geohydrologischen Steppenexpedition unter der Westsibirischen Geologischen Verwaltung, leitender Geologe bei der Salair-Expedition und leitender Geologe bei verschiedenen geologischen Erkundungs- und Prospektierungsarbeiten im Rahmen der Erzexpedition im Altai-Gebiet.

Von 1974 bis 1976 war ich als leitender Ingenieur auf Kuba, wo wir Anleitung für geologische Arbeiten gaben und die örtlichen Geologen bei der Durchführung von Tiefenbohrungen auf der Suche nach Übergangsmetallen unterstützten.

Als Ergebnis der von 1952–1988 durchgeführten geologischen Erkundungs- und Prospektierungsarbeiten im Rahmen der Altai-Erz-Expedition konnten mehrere Lagerstätten von Übergangsmetallen entdeckt und genauestens erforscht werden, die zusammen eine bedeutende Rohstoffbasis an Übergangsmetallen darstellen. Für die Entdeckung einer der Vorkommen dieser Gruppe wurde mir 1971 das Diplom verliehen und ich wurde mit dem Brustabzeichen „Erstentdecker einer Lagerstätte“ ausgezeichnet. Der Gruppe von Geologen, Geophysikern und Bohringenieuren, die am Erzabbau an dieser Stelle unmittelbar beteiligt waren, wurde 1993 der Staatspreis der Russischen Föderation im Bereich der Wissenschaft und Technik verliehen, unter ihnen auch mir.

Nach meiner Entlassung aus der Altai-Erz-Expedition im Jahr 1991 zog ich mit meiner Familie aus Smeinogorsk im Altai-Gebiet nach Kemerowo im Kusnezker Becken. In dieser Stadt leben wir bis heute. Bis zum Herbst 2009 haben meine Frau und ich viel im Garten unserer Datsche gearbeitet, haben Gemüse angebaut, Beeren und Obst geerntet. Im Herbst 2009 hat sich unser gesundheitlicher Zustand deutlich verschlechtert, weshalb wir seitdem nicht mehr zur Datsche fahren können. Dieses Jahr bin ich die meiste Zeit zu Hause. Mit dieser traurigen Nachricht möchte ich meine Lebensgeschichte beenden.

Zum Schluss möchte ich Ihnen nochmals für die humanitäre Hilfe, für Ihre objektive Beurteilung der Nazi-Gefangenschaft und für Ihre guten Wünsche und Ihr Mitgefühl danken. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und Erfolg bei der Arbeit und privat. Ich hoffe, dass Sie mich über den Erhalt dieses Briefes informieren und mir noch mehr von sich erzählen werden: wie Sie leben, was Sie machen, welche Erfolge Ihr Verein bei seiner schwierigen und interessanten Arbeit bisher verbuchen konnte.

Mit freundlichen Grüßen,

W. Chodarew

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