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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

220. Freitagsbrief (Zweitbrief vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Der 1. Brief von Herrn Andrejew vom März 2010 wurde als 203. Freitagsbrief veröffentlicht.

Wladimir Pawlowitsch Andrejew (geb. 1922)
Russland
Nowgorod.

(…) Man soll wissen, dass ich ehemaliger Kriegsgefangener bin. Drei Jahre und acht Monate war ich in der Gefangenschaft, habe dreizehn Monate lang 18-20 Stunden am Tag bei einem Bauern in Lettland gearbeitet, und dann in Deutschland dreizehn Monate in einem Bergwerk in Dortmund. In jeder Schicht musste ich mit dem Presslufthammer 12 Kubikmeter Kohle abtragen und aufs Transportband schaufeln.

Sehr geehrte Frau Brigitte [xxxx] [*], ich bin froh, dass es in Deutschland solch wunderbare Frauen gibt, die wissen, was für eine Höllenarbeit wir gemacht haben. Liebe Damen, von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen ein langes Leben und beste Gesundheit. Ich möchte Sie einladen, mich zu besuchen. Ich würde mich über einen Besuch von Ihnen sehr freuen.

Sehr geehrter Herr Radczuweit, ich habe Ihren Brief bekommen, aber mit der Antwort habe ich mich verspätet, da meine Frau am 28. Mai gestorben ist, bis heute bin ich noch nicht ganz wieder zu mir gekommen.

Herr Wolfgang Thierse hat Recht, wenn er sagt, dass alle Lager Todeslager waren. Ich kann vom Lager in Dortmund sprechen, wohin ich in einem Transport von 1200 Mann gebracht wurde. Nach dreizehn Monaten waren nur noch 812 von uns am Leben. Manche starben im Bergwerk, manche an der Unterernährung, andere wurden erschossen - so sah unser Leben dort aus.

Ich erinnere mich, wie ich in Lettland im August mit dem Sohn des Bauern Rübenkraut für die Ferkel geschnitten habe. Das Feld lag am Ufer der Düna. Gegenüber von unserem Rübenfeld am linken Ufer war eine Insel. Auf einmal tauchten zwei deutsche Krankenschwestern und zwei Oberleutnants dort auf, sie führten eine russische Frau mit sich. Der Sohn des Bauern sprach Deutsch, da seine Mutter Deutsche war. So verstand er das ganze Gespräch zwischen den Deutschen, und sagte, dass sie die russische Frau an das andere Ufer bringen wollten. Sie zogen sie aus und banden sie an einen Baum, steckten ihr einen Knebel in den Mund und gingen. Die Mücken stürzten sich auf ihren nackten Körper. Das Ganze dauerte eine Stunde und zwanzig Minuten. Dann befreiten der Sohn und ich die Frau. Das Blut lief ihr über den ganzen Körper. Sie hatten das getan, weil sie mit einem russischen Gefangenen geschlafen hatte. Das war eine ihrer Schikanen.

Und noch ein Vorfall: 1941, als sie uns von Welikije Luki die Bahnschwellen entlang nach Polozk trieben, kamen wir zwölf Kilometer vor Polozk an einem Dorf vorbei. Ein Gefangener erkannte ein Mädchen aus dem Dorf und rief ihr zu: Nadja, komm zu uns! Das Mädchen kam zu uns herüber gerannt und sagte ihm, dass die Deutschen seine Frau erschossen hätten. Dann kamen sein Sohn und seine Mutter herbeigelaufen. Er bat den Offizier, zu ihnen gehen zu dürfen, aber er erlaubte es ihm nicht. Er rannte trotzdem zu Sohn und Mutter hinüber und umarmte sie. Da erschoss der Offizier alle Drei. Vielleicht ist der Offizier noch am Leben und kann sich noch daran erinnern, was er damals verbrochen hat.

Verehrte Herren, so haben die Nazis die Russen gedemütigt.

Meine Frau hat als Krankenschwester den ganzen Krieg durchlaufen von Nowgorod bis Berlin. Sie hat erzählt, dass sie hunderte Deutsche an der Front im Kugelhagel verbunden und sie aus der Schusslinie gezogen hat. Vielleicht ist jemand von ihnen noch am Leben und kann sich an das schmächtige russische Mädchen mit dem roten Kreuz auf der Tasche erinnern. Sie hieß Tonja. Am 28. Mai habe ich sie zu Grabe getragen. Sie hat Hunderten das Leben gerettet, Deutschen und Russen. Solchen Taten hat die Sowjetunion den Sieg zu verdanken, nicht den Erschießungen und Gewalttaten. (…)

Mit vielen Grüßen,

W. Andrejew

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[*] Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

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