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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

219. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Nikolajewitsch Medwedew
Russland
Region Transbaikalien (Sibirien).

(…) Ich habe Ihren Brief vom 28.7.2010 am 12.8.2010 erhalten und danke Ihnen allen für Ihr gutes Werk. Einige Worte zu meiner Person. Am 25.10.2010 werde ich 90 Jahre alt. Wie Sie sehen, lebe ich noch, habe aber zur Genüge gesundheitliche Probleme. Aber das Leben geht weiter.

All die Mühsal und das Leid liegen hinter mir, zu Hause in der Heimat haftete das Schandmal des Kriegsgefangenen an mir, der für die Nazis gearbeitet hat. In der deutschen Gefangenschaft lebten wir unter schlimmsten Bedingungen, waren Demütigungen und Schikanen ausgesetzt. Das kam daher, dass die Deutschen uns zu 100 % als Menschen letzter Klasse ansahen, deshalb dieser Umgang. Wir hatten dort weder Vor- noch Nachnamen, hießen immer nur Russ Schwein [*].

Ende Juli 1941 wurde ich bei Mogilew verwundet und kam ins Feldlazarett (in einer ehemaligen Schule). Das Lazarett wurde von deutschen Truppen eingenommen, und am nächsten Tag wurden wir Kranken alle hinaus auf einen anliegenden Platz getrieben; diejenigen, die nicht gehen konnten, kamen in ein Auto und wurden weggefahren, wir wussten nicht, wohin. Uns anderen trieben sie in eine Lagerhalle für Dünger, die Verwundeten bekamen keinerlei medizinische Hilfe. Viele starben in Folge der Hitze, des giftigen Gestanks und des Hungers. Die Toten wurden nicht weggebracht. Nach zwei oder drei Tagen wurden wir in schmutzige Güterwaggons gepfercht und nach Deutschland gebracht. Von der Fahrt nach Deutschland möchte ich nicht schreiben, es war einfach ein Alptraum (wir wurden schlechter behandelt als Vieh), viele starben auf der Fahrt, die Toten blieben tagelang in den Waggons liegen.

Ich kam in ein Arbeitskommando von 30 Personen in Torgau an den Kanälen der Elbe, wo wir Steine und Schotter von den Frachtkähnen abladen mussten. Mit dem Schotter befestigten wir die Ufer des Flusses. In der kalten Jahreszeit brachen wir die gefrorene Erde am Ufer auf und schütteten sie mit Steinen zu.

Die deutschen Wachmannschaften und Vorarbeiter gingen äußerst grausam mit uns um. Wenn man eine Arbeit erledigt hatte, befahlen sie einem, alles kaputt zu machen und wieder von Vorne zu beginnen; sie verlangten von uns Dinge, die wir nicht schaffen konnten. Zum Beispiel wurde der Kriegsgefangene Rjasanow sehr krank, und wir baten den Wachsoldaten und die Vorarbeiter, ihn nicht zur Arbeit zu schicken, aber alles half nichts. Bei der Arbeit wurde Rjasanow schlecht, er hatte einen Anfall, fiel zu Boden und musste sich übergeben, daraufhin trugen sie ihn in die Baracke, in der wir wohnten, und als wir von der Arbeit zurückkamen, fanden wir ihn tot vor, er hatte sich mit einem Messer das Leben genommen.

Ein weiterer schrecklicher Vorfall: Dem Kriegsgefangenen Istomin entglitt auf dem Weg ein Karren mit Steinen und er fiel in den Fluss (das war im November). Der Wachsoldat zwang Istomin, die Steine aus dem Wasser zu holen. Istomin holte also die Steine aus dem Wasser und brachte sie ans Ufer. Als wir von der Arbeit zurück in die Baracke gingen, benahm er sich seltsam, verweigerte das Essen, und am nächsten Morgen fanden wir ihn tot, er hatte sich erhängt.

1944 wurde unser Arbeitskommando von Torgau zur Eisenbahn verlegt, wo 120 Personen in einem Kommando arbeiteten. Untergebracht waren wir in drei Eisenbahnwaggons, jeweils 40 Personen in einem Waggon. Wir mussten den Bahndamm in Richtung Hamburg erneuern, alles per Hand.

Auch hier wurden wir von den Wachleuten und den Vorarbeitern schlecht behandelt, wir sollten mehr arbeiten, als wir konnten, Schikanen, Demütigungen. Als Folge davon gab es unschuldige Todesopfer, drei Menschen starben. Das erste Opfer war ein Kriegsgefangener, der die Demütigungen nicht mehr ertrug, er warf sich vor einen vorüber fahrenden Zug und war tot. Ein zweiter Kriegsgefangener ertrug die Erniedrigungen von Seiten des Vorarbeiters nicht mehr, er schlug den Vorarbeiter mit einer Schaufel, und beim Schichtwechsel erschoss ihn der Wachsoldat. Ein dritter Kriegsgefangener konnte die Schläge des Wachsoldaten nicht mehr aushalten und versuchte, dem Wachsoldaten sein Gewehr zu entreißen. Aber der Wachsoldat stieß ihn zu Boden. Dann mischten sich noch zwei weitere Wachsoldaten ein und traten und prügelten den Kriegsgefangenen mit dem Gewehrkolben halb zu Tode. Schließlich hetzten sie einen Hund auf ihn, der den Armen zerfleischte.

Die Namen dieser drei Toten kann ich Ihnen nicht sagen, da das Arbeitskommando sehr groß war und wir in verschiedenen Waggons lebten, deshalb wusste ich ihre Namen nicht oder ich habe sie vergessen, immerhin sind seitdem schon 70 Jahre vergangen.

Zum Schluss möchte ich Ihnen sagen, dass so etwas nie wieder passieren wird, heute denkt die Menschheit anders, und die, die Gräueltaten vollbracht haben, haben alles überdacht. Solche Dinge sind nicht nur in Deutschland passiert, auch in der Sowjetunion gab es genug Gräueltaten gegenüber den eigenen Bürgern. Ich möchte von diesen Gräueltaten nicht schreiben, aber was passiert ist, ist passiert, das ist unsere Geschichte. Man darf nicht schweigen, damit sich so etwas niemals wiederholt.

Bitte entschuldigen Sie die schlechte Form meines Briefes.

Mit den besten Grüßen,

Iwan Nikolajewitsch Medewedew

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[*] im Original Deutsch [Anm. d. Übs.]

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