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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

218. Freitagsbrief (vom Juni 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Nikolaj Iwanowitsch Wakulin
Russland
Gebiet Woronesh.

(…) Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Aufmerksamkeit und Unterstützung und wünsche Ihnen vor allem Gesundheit und Frieden zwischen unseren Ländern, und dass so etwas nie wieder passiert.

Kurz zu mir. Ich bin Jahrgang 1923, wurde im November 1941 in die Armee einberufen, ich will mich nicht in Einzelheiten ergehen. Im August 1942 wurde ich bei Stalingrad von einer Bombenexplosion betäubt und verwundet, ich lag im Schützengraben, im meinem Kopf sirrte es, ich hörte deutsche Stimmen, hob den Blick und sah zwei deutsche Soldaten über mir stehen, sie deuteten mir an, komm da raus, ich kletterte aus dem Graben. In der Nähe sah ich einen deutschen Panzer, neben dem Panzer war eine Grube, dort standen deutsche Offiziere, die eine Karte studierten. Die Soldaten gingen zu der Grube, ein Offizier sagte etwas zu einem der Soldaten, dieser lud seine Maschinenpistole und zeigte mir mit der Hand, los geh. Ich dachte, jetzt werden sie mich erschießen, die Beine wurden mir schwach und ich konnte kaum vorwärts gehen. (…) Als wir zu einer Bodensenke kamen, sah ich, dass dort sehr viele Soldaten waren, unter ihnen auch meine Granatwerferkompanie. Auch unser Polit-Offizier war dort, er war verwundet. In dieser Senke verbrachten wir die Nacht, nachts regnete es (…). Am nächsten Morgen trieben sie uns weiter, wir übernachteten auf einem Feld. Dort war ein Schweinestall, aber zum Glück gab es Stroh. Wer nicht mehr gehen konnte, weil er verwundet oder krank war, wurde erschossen. Sie trieben uns bis nach Rostow, dort wurden tausende Gefangene in der Fabrik für Landwirtschaftliche Maschinen gehalten. Von Rostow aus brachten sie uns in verschiedene Lager. Ich war in einigen Durchgangslagern, in Rowno und Brest. Wir mussten Gräben für Wasser und Kanalisation ausheben, in Brest brachten sie jeden Morgen die Toten aus dem Lager, 20–30 Menschen starben jeden Tag an Erschöpfung. Ich wog bei einer Größe von 1,65 m noch 28 Kilo. Einmal mussten wir alle zum Appell antreten, ein Offizier schritt die Reihen ab und suchte einige Gefangene aus, die vortreten mussten, unter ihnen auch ich. Wir kamen in eine andere Baracke, dachten, es geht zum Erschießen, aber dort waren Offiziere in weißen Kitteln. Sie hörten mich ab, wogen mich auf einer Waage, und am nächsten Tag wurden wir in Waggons gepfercht und nach Deutschland gebracht. Wir dachten, jetzt bringen sie uns bestimmt in die Gaskammer, aber dann mussten wir wieder auf einen Zug und sie brachten uns nach Belgien, ins Bergwerk Schwarzbel [?]. Der Zug fuhr direkt ans Bergwerk, dort standen schon die Wachmannschaften. Das Lager war nicht weit entfernt, dort bekamen wir etwas zu essen, das erste Mal Brot, in Rowno und Brest gab es nur Balanda, ungeschälte Kartoffeln und Rüben. In Belgien gab es geschälte Kartoffeln und irgendeinen Brei. Ich kam in die dritte Schicht, der Brigadier im Bergwerk teilte mich zur Arbeit dem Schlosser zu, der die Presslufthämmer reparierte. Der Schlosser war ein alter, kranker Mann, er brachte mir alles bei. Der Brigadier wusste, dass ich schon selbstständig arbeiten konnte, und als der Schlosser einmal nicht zur Arbeit kam, weil er krank war, da brachte er einen jungen Burschen zu mir und sagte, Nikola, hier hast du einen Gehilfen, bring ihm alles bei. Wir arbeiteten 1100 m unter der Erde (…). Mein Gehilfe war kleiner als ich und so dick, dass er keine Ersatzteile und nicht einmal eine leere Tasche tragen konnte. (…) Er hieß Lwyki. Als er erfuhr, dass ich Russe bin, brachte er am zweiten Tag sich und mir Mittagessen mit, da ich die ganze Zeit meine und seine Tasche trug und die Arbeit für uns beide machte. So blieb er weiter offiziell Arbeiter im Bergwerk. Es würde mich interessieren, wie es Lwyki weiter ergangen ist, ob er noch lebt, wahrscheinlich nicht.

Anfang 1945 mussten wir uns an einem Morgen früh zum Appell aufstellen, die Amerikaner hatten die zweite Front eröffnet, man trieb uns irgendwohin, manche sagten, jetzt werden wir erschossen, damit die Amerikaner uns nicht kriegen. Sie trieben uns nach Deutschland, spät in der Nacht machten wir in irgendeinem großen Hof Halt, gegen Morgen hörten wir Schüsse, und morgens waren die Wachen verschwunden und wir liefen davon.

Als wir unterwegs waren, hielt ein amerikanischer Panzer neben uns, der Panzerfahrer stieg aus und fragte uns in gebrochenem Ukrainisch, ihr seid Russen, oder? Lauft hier nicht herum, hier sind deutsche Einheiten unterwegs. Die Amerikaner können keine [Fremd]sprachen, sie könnten euch erschießen. So nahmen uns die Amerikaner mit und übergaben uns den Russen, dort wurden wir überprüft, dann kamen wir zu verschiedenen Einheiten. Ich kam in eine Funkereinheit, wir waren in Essen stationiert, dann wurde unsere Einheit im Herbst 1945 von Essen nach Ostrogoshsk verlegt. 1947 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Ich fuhr in eine 50 km entfernte Kolchose, machte den Führerschein und arbeitete als Fahrer. 1963 zog ich nach Ostrogoshsk um, machte eine Ausbildung zum Mechaniker für Kühlgeräte und arbeitete dann in diesem Beruf.

Heute bin ich Rentner. Ich habe drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, fünf Enkel und drei Urenkel. Ich lebe alleine mit meiner Frau. Ich kann mich im Zimmer nur an Krücken fortbewegen, bin Invalide ersten Grades, meine Frau ist Invalide zweiten Grades. Unsere Kinder wohnen nicht weit entfernt, sie kommen zu uns und bringen uns Lebensmittel, nehmen die Wäsche mit, waschen sie und bringen sie am Wochenende wieder zurück.

Auf Wiedersehen, Danke für Ihre Unterstützung. Gott schütze Sie vor allem Übel.

Mit den besten Grüßen,

Nikolaj Iwanowitsch Wakulin

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