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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

217. Freitagsbrief (vom November 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksej Fjodorowitsch Bogutscharskij
Russland
Gebiet Belgorod.

Gutentag [*] (…)

Ich habe Ihren Brief bekommen und möchte Ihnen hiermit antworten. Ich bin am 29.4.1944 in Gefangenschaft geraten, da ich von einer Detonation das Bewusstsein verloren hatte. Als ich wieder zu mir kam und aufstehen wollte, rammte mir ein deutscher Soldat seine Maschinenpistole in den Rücken und mir gegenüber stand ein Panzer. Er befahl mir, meine Pistole wegzuwerfen. Ich wurde in Ostpreußen gefangen genommen. Von dort wurde ich in Fußketten und Handschellen in einem Waggon mit Stacheldraht unter Bewachung von Soldaten mit Maschinenpistolen nach Nürnberg gebracht und kam ins Stalag XIIID. Dort hielten sie mich aber nicht lange. Sie stellten ein Kommando aus Offizieren zusammen, 140 Männer, und brachten uns in ein anderes Lager, das „Pionermark“ [?] genannt wurde. Dort lebten wir in zwei Baracken, die von Stacheldraht umgeben waren. Zur Arbeit wurden wir alle an einen anderen Ort gebracht, der nicht weit weg war. Dort mussten wir jeden Tag Schwellen und Schienen stapeln, die aus der Sowjetunion hergebracht wurden. Wir mussten alles per Hand ohne Maschinen machen. Zu essen bekamen wir einmal am Tag eine Suppe aus Futterrüben und einen Laib Brot für vier Personen (für jeden 250-300g). Sie schikanierten und demütigten uns grenzenlos. Sie nannten uns nicht beim Vor- oder Nachnamen, sondern riefen uns Gund [Hund] oder Schwajne [*].

Von allen Wachsoldaten und Aufsehern, die auf uns aufpassten, gab es nur einen deutschen Soldaten, der ein wirklicher MENSCH war. Sein Nachname war Weimann. Es gab nur einen Weimann im Nürnberger „Pionermark“. Ich würde mir wünschen, dass Sie ihn finden, wenn er noch lebt, oder seine Verwandten, damit sie ihm bzw. ihnen von mir beste Gesundheit wünschen und viele, viele Grüße ausrichten können. Hoffentlich sind sie gesund und munter.

Als wir ganz abgemagert waren und unsere Beine anzuschwellen begannen, wurden alle Offiziere aus unserer Gruppe Kriegsgefangener in irgendein anderes Lager überführt. Dort traf ich drei Männer, die einen Fluchtversuch planten. Ich fand ein Flugblatt, das ein amerikanisches Flugzeug abgeworfen hatte. Auf dem Flugblatt war genau beschrieben, wo die Frontlinien verliefen und wo die Frontstellungen der Amerikaner, der Sowjets und der Deutschen waren.

Es waren drei Männer, die fliehen wollten: Boris Illjitsch Schusterowitsch, Hauptmann im Grenzschutz der Sowjetischen Armee; Petr Poljakow aus Kursk, Oberleutnant; Dmitrij Gurskij aus Barnaul. Sie waren alle 1941/42 in Gefangenschaft geraten. Ich beobachtete sie die ganze Zeit. Als der Moment gekommen war und sie die Flucht begannen, floh ich auch mit ihnen. Erst wollten sie mich nicht dabei haben, aber als ich das Flugblatt mit den Frontstellungen zeigte, war alles in Ordnung. Wir orientierten uns daran und bewegten uns in Richtung der vordersten Linie der deutschen Truppen. Wir überquerten die Frontlinie und befanden uns nachts auf einem Feld nicht weit vom Ort Kornburg. Nach dem Artilleriefeuer und den Salven von Leuchtgeschossen zu urteilen waren wir in der neutralen Zone. In Kornburg fanden wir heraus, dass die amerikanischen Truppen im Nachbarort Worzeldorf standen. Bald waren wir in Worzeldorf unter dem Kommando der amerikanischen Truppen. Einige Schwarze brachten uns im Haus des Bürgermeisters unter, wo wir dann das Ende des Krieges abwarteten. Der Krieg war am 8. Mai 1945 zu Ende. Das wurde im Radio mitgeteilt. Wir konnten in unserem Zimmer, wo uns die Schwarzen zeitweise untergebracht hatten, Radio hören. Als die amerikanische Armeeführung begann, die sowjetischen Kriegsgefangene aus dem Stalag XIIID wegzubringen, gelang es uns vier Flüchtigen, gleich im ersten Waggon einen Platz zu bekommen. So kamen wir in die Sowjetunion. Mir wurde wieder der Rang eines Oberleutnants zugesprochen. Ich habe dann noch ein weiteres Jahr in der Armee gedient. Ich habe in Minsk beim Bau der Asphaltstraße von Moskau nach Simferopol mitgearbeitet. Dort arbeiteten auch deutsche Kriegsgefangene, 65 Männer waren auf diesem Abschnitt. Sie wurden menschlich behandelt. Sie wurden dreimal täglich normal versorgt, nicht so wie wir in Deutschland.

Als wir in Pionermark beim Stapeln von Schwellen und Schienen arbeiteten, wurde Nürnberg oft von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert. Bis zu 3000 Flugzeuge waren an den Angriffen beteiligt. Die Erde war von Bomben überschüttet. Vor allem mit „Feuerzeugen“ [Brandbomben]. Wir mussten die Ruinen aufräumen und der Bevölkerung zu Hilfe kommen. Sie zwangen uns mit vorgehaltener Waffe, nicht gezündete Bomben wegzutragen. Einer der Wachsoldaten erschoss einen unserer Gefangenen durch einen Schuss ins Gesicht. Dann mussten wir ihn zum Lager tragen und vor dem Eingang in unser Lager hinlegen und der Tote lag drei Tage dort, bis er anschwoll. Es fällt schwer, davon zu schreiben, über diese Vergangenheit. Es wäre leichter, davon zu sprechen.

1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Ich habe in einem Betrieb gearbeitet. 1980 bin ich in Rente gegangen.

Ich habe folgenden Wunsch für die ganze Menschheit: Dass in allen Ländern der Welt Atomwaffen, chemische Waffen und biologische Waffen vernichtet werden!

Danke für Ihre bescheidene Gabe. Statt Geld von Ihrer Bevölkerung, die mit unserer Sache nichts zu tun hat, hätte ich gerne eine Bezahlung von Ihrer Regierung für unsere Schwerstarbeit und das zugefügte Leid.

Ich wünsche Ihnen Alles Gute, vor allem Gesundheit! Auf Wiedersehen.

Bitte entschuldigen Sie, wenn irgendwas nicht passt, oder wenn etwas fehlt. Wenn wir uns treffen, dann können wir es ergänzen.

Bogutscharskij

****

[*] Mit lateinischen Buchstaben geschrieben

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