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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

216. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Hrant Beglarjan
Eriwan
Armenien.

(…) gestatten Sie mir bitte, Ihnen zuerst meinen besten Dank für Ihre Spende (143 000 Dram) und ihre lieben warmen Worte zum Ausdruck zu bringen, die ich über die Leitung unseres Vereins [*] bekam. Ich kann jetzt meine Kriegsgefangenschaftgeschichte leider unmöglich ausführlich darstellen, weil ich inzwischen vieles wegen meines schwachen Erinnerungsvermögens vergessen habe. Ich möchte aber nachstehend versuchen, Ihnen einen Überblick über meine Kriegsgefangenschaft zu vermitteln. In der Anfangszeit nach meiner Einberufung, die 1941 geschah, habe ich am Fluss Aras, an der Grenze zur Türkei als Grenzwächter gedient. Später fuhren wir in den Nordkaukasus. Noch unterwegs, nicht weit von Grosny, wurden wir schwer bombardiert und beschossen. Unser Regiment wurde zum größten Teil vernichtet. Die übrigen, unter ihnen auch ich, kamen wieder zusammen und konnten den Fluss Terek erreichen. Dort wurden wir von den Deutschen, die uns belagert hatten, wieder beschossen, und wir gerieten in Kriegsgefangenschaft. Das war im Jahr 1942. Nachdem wir einige Zeit in einem Lager geblieben waren, schickte man uns nach Poltawa [Dulag 160]. Im Herbst 1943 sind wir dann nach Polen geschickt worden. In unserem Waggon gab es viele Kriegsgefangenen. Einige von ihnen kamen auf die Idee, den Boden des Waggons an einer Ecke zu durchbrechen und zu flüchten. Es gelang uns nur, ein kleines Loch in den Boden zu machen, als es von den Deutschen entdeckt wurde. Der Zug wurde angehalten, und sie befahlen uns, uns zu entkleiden, nahmen unsere Anzüge weg, und wir mussten dann in diesen kalten Novembertagen ganz nackt weiterfahren. Wir lagen ständig aufeinander, um uns vor der Kälte zu schützen, aber viele konnten sich auch dadurch nicht retten. Bis wir nach Polen kamen, waren die meisten von uns erfroren. Nachdem wir einige Zeit in einem Lager in Polen geblieben waren, schickte man mich und mehrere meiner Kameraden nach Deutschland, zur Grenzstadt Groß Strehlitz [Oberschlesien]. Nicht weit davon lag ein Dorf, das Lamsdorf [Stalag 318] hieß. Dort gab es eine Zementfabrik und auch ein Bergwerk, wo ich arbeitete. Außer uns waren dort auch englische Kriegsgefangene, die man am Tage arbeiten ließ, während wir, die sowjetischen Kriegsgefangenen, hauptsächlich in den Nachtstunden schuften mussten, und auch unsere Arbeitszeit war im Vergleich zu der der Engländer viel länger. Ich hatte dort einen armenischen Freund namens Geworg Ghasarjan, mit dem ich bald flüchtete. Wir wurden aber gefangen, schwer geschlagen und in eine Strafgruppe gebracht, die besonders schwere Arbeiten leistete. Nach einiger Zeit brachte man uns nach Tschechien, wo ich befreit wurde. Nach der Befreiung bin ich ein Jahr in Nischnij Dnepropetrowsk geblieben, wo ich als Tischler arbeitete, und dann kam ich nach Armenien.

Mit herzlichen Grüßen
Hrant Beglarjan

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[*] Gemeint ist der armenische Verein der rehabilitierten Gefangenen des Zweiten Weltkrieges, Partnerorganisation von KONTAKTE-KOHTAKTbI

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