Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

215. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Andrejewitsch Kondraschow Timofej
Russland
Gebiet Rjasan.

(…) Ihr Brief und die finanzielle Unterstützung (das Geld habe ich in Rubeln erhalten – es waren 12 458 Rubel) waren eine große und schöne Überraschung für mich und wahrscheinlich auch für die anderen ehemaligen Kriegsgefangenen. Ich danke Ihnen, dass Sie über so viele Jahre hinweg die Erinnerung gewahrt und dass Sie uns nicht vergessen haben, uns, die wir damals in der Gefangenschaft gelitten haben und die wir mit jedem Jahr weniger und weniger werden.

Ja, es ist schwer, an diesen Krieg zurückzudenken, an die Verluste, die wir in der UdSSR und Sie in Deutschland erlitten. Vor allem schmerzt der Gedanke an die Kinder, die umgekommen sind, ohne das Leben wirklich gelebt zu haben, das uns allen von Gott gegeben ist. Und wie schwer war es, den Anblick all der zerstörten und niedergebrannten Städte und Dörfer zu ertragen! Wie viele Waisen und Witwen hat dieser verfluchte Krieg zurückgelassen! Auch das Leben nach dem Krieg war schwer. Wir mussten ja damals alles per Hand machen – pflügen, säen. Erst später gab es Geräte und das Leben wurde leichter.

Ich bin Töpfer von Beruf, vor und nach dem Krieg habe ich Geschirr für den Haushalt hergestellt und auf dem Markt verkauft, davon haben wir gelebt. Meine Frau, die 1993 gestorben ist, und ich hatten fünf Kinder. Unser Sohn ist gestorben, vier Töchter sind geblieben, sie haben jetzt alle selbst Familie. Ich habe neun Enkel und zwölf Urenkel, drei Urenkel studieren schon, die restlichen gehen noch zur Schule. Eine Tochter ist Näherin, die zweite ist Imkerin, die dritte Bauingenieurin und die älteste Tochter ist 69 Jahre alt, sie ist Rentnerin. (…) An den langen Winterabenden kehre ich in Gedanken aus irgendeinem Grund immer öfter in die Kriegsjahre zurück. Ich möchte nicht an der schmerzhaften Vergangenheit rühren, aber die Gedanken tauchen wie von selbst auf. Ich muss daran denken, wie sie uns hungrige und frierende Gefangene nach Deutschland getrieben haben, wir hatten solchen Hunger, aber sogar für ein ausgerissenes Stück Gras schlugen uns die Wachsoldaten mit dem Gewehrkolben, bis heute habe ich ein Mal an der Schulter. Aber genug der traurigen Erinnerungen. Das war damals und liegt hinter uns, ich hoffe für immer!

Lieber erzähle ich Ihnen etwas Gutes. Am 18.12. letzten Jahres hat der ganze Bezirk mit mir meinen 95. Geburtstag gefeiert. Ich habe so viele Glückwünsche bekommen, hatte so viele Gäste – aus der Gebietshauptstadt Rjasan, aus unserer Bezirksstadt Saposhka. An der örtlichen Mittelschule gab es ein Konzert zu meinen Ehren. Und vor ein paar Jahren habe ich den russischen Wettbewerb „Die Seele Russlands“ gewonnen. Ich denke gerne an Moskau zurück und an die Worte, die mir die hochgestellten Persönlichkeiten gesagt haben. Übrigens können Sie alles darüber in dem Zeitungsartikel lesen, den ich ihnen beilege.

Ich danke Ihnen nochmals, dass Sie uns nicht vergessen haben. Ich hege gegen niemanden Groll. Aber es ist sehr gut, all das nicht zu vergessen, damit wir in Zukunft so etwas nicht wieder zulassen. Gott schütze und behüte Sie bei Ihrem guten Werk! Meine Tochter Galina hat all dies nach meinen Worten niedergeschrieben.

[Herr Kondraschow legte einen Zeitungsartikel vom 4.2.2009 bei: „Der letzte Töpfer im Dorf“, in dem sein Töpferkunsthandwerk beschrieben wird, für das er weit über die Grenzen des Gebiets Rjasan hinaus bekannt ist.]

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.