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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

214. Freitagsbrief (vom September 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Grigorij Basenzjan
Georgien
Chaschuri.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI,

Ich danke Ihnen für die moralische und materielle Unterstützung für einen alten Soldaten der sowjetischen Armee und ehemaligen Kriegsgefangenen.

Als ich Ihren Brief bekommen habe, erfüllte mich Hoffnung und Stolz angesichts der Tatsache, dass es auf der Welt Menschen gibt, die unserem Schicksal gegenüber nicht gleichgültig sind, die uns nicht vergessen haben und der Menschen gedenken, die in diesem schrecklichen Krieg und in den Nazi-Lagern ums Leben gekommen sind. Wir sind nur noch wenige, die Augenzeugen dieses Krieges, der 60 Millionen Leben ausgelöscht hat, der schrecklichste Krieg, den es in 20 Jahrhunderten auf Erden gegeben hat.

Gebe Gott, dass die nächsten Generationen die Gräuel und unmenschlichen Verbrechen, die unsere Generation erfahren musste, nie werden erleben müssen. Im Namen der lebenden und der gestorbenen Kriegsgefangenen möchte ich Ihnen von ganzem Herzen für die wichtige Arbeit danken, die Sie tun, im Namen von Frieden und Wohlergehen auf der Erde. Und wenn mein Bericht von den Gräueln der Kriegsjahre und der Gefangenschaft auch nur ein kleines bisschen Hoffnung bringt, dass diese Verbrechen nicht vergessen werden, dann will ich Ihnen gerne von meinen jungen Jahren erzählen, die ich in den Nazi-Lagern verbracht habe.

Ich wurde 1920 im Dorf Kumurdo im Bezirk Achalkalak, Georgische SSR, geboren. Mein Vater wurde von den Türken ermordet (Genozid an den Armeniern) und ich wuchs ohne Vater in Armut auf. Mit 19 Jahren wurde ich zum Armeedienst einberufen, aber ich war untauglich zum Dienst an der Waffe. Jedoch als der Krieg begann, wurde ich trotzdem eingezogen; im Januar 1942 fuhren wir von Tiflis nach Majkop in der Region Krasnodar, wo uns zwei Wochen lang Schießen beigebracht wurde. Danach kamen wir zum 22. Schützenregiment, direkt an die Front. Wir marschierten 5 Tage und 5 Nächte, bis wir die Front erreichten. Dort gaben sie uns ein Maschinengewehr für drei Personen, wir bezogen unsere Stellung und warteten. Der Winter 1942 war sehr hart, wir zitterten vor Kälte und Angst (das war unser erstes Gefecht). Am Morgen begann die deutsche Artillerie uns zu beschießen und wir schossen zurück. Einer unserer MG-Schützen wurde tödlich getroffen. Den ganzen Tag wurde geschossen, gegen Abend hörte der Kampf auf und am nächsten Tag ging es wieder weiter. An diesem Tag wurde ich am Kopf und am Arm verwundet. So kam ich ins Lazarett, wo ich drei Monate lang behandelt wurde. Nach der Entlassung aus dem Lazarett kam ich zum 51. Schützenregiment im Gebiet Woroschilowgrad – wieder direkt an die Front. Die vorderste Frontlinie befand sich im Rückzug und wir bekamen ebenfalls den Befehl zum Rückzug. Nach zwei Tagen wurde uns mitgeteilt, dass wir eingekesselt seien. Wir bekamen den Befehl, durch die Sümpfe auszuweichen. Das war furchtbar. Wir nahmen die Pferde mit in die Sümpfe, schleppten Bretter von den Wagen mit, die wir den Pferden unter die Hufe legten, damit sie aus dem Sumpf herauskamen. Vor uns war ein Fluss, den wir durchschwimmen mussten; ich konnte aber nicht schwimmen. Gerade als wir ins Wasser gingen, flogen Flieger der deutschen Luftwaffe heran und bombardierten uns. Eine Bombe explodierte ganz in meiner Nähe und ich wurde weit hinaus ins Wasser geschleudert, wo es sehr tief war. Ich dachten in diesem Moment an meine Mutter und betete zu Gott, dass mich jemand retten möge; da sah ich plötzlich neben mir ein Brett im Wasser schwimmen, ich hielt mich daran fest und schwamm damit zum Ufer. Vom Ufer her hörte ich eine Stimme „Komm, komm, Russ“ [deutsch geschrieben] und als ich den Kopf hob, sah ich einen deutschen Soldaten, der seine Waffe auf mich gerichtet hielt. Ich bat ihn: „Bitte töte mich nicht, meine Mutter hat nur mich“; ich sprach Russisch, er verstand mich nicht oder hatte einfach Mitleid, jedenfalls schoss er nicht und half mir aus dem Wasser ans Ufer, dann wartete er, bis ich mich ein wenig erholt hatte und führte mich zu den anderen Gefangenen. So ging mein Dienst in der sowjetischen Armee zu Ende und es begann das Leben in den Nazi-Lagern. Sie brachten uns zuerst nach Millerowo [Dulag 126?] im Gebiet Rostow in ein mit Stacheldraht umzäuntes Lager, dort gab es mehr als 15 000 Menschen. Die Lebensbedingungen waren unerträglich, je zehn Personen bekamen einen Laib Brot (100 g für jeden). Einmal wurde ich fast erschossen, da sie mich für einen Juden hielten. Wie durch ein Wunder rettete mich ein Soldat aus meinem Dorf, der ihnen lange nachwies, dass ich kein Jude sei.

Anfang Dezember 1942 wurden wir per Zug nach Belaja Zerkow [Stalag 334] in der Ukrainischen SSR gebracht. Auf dem Weg starben sehr viele Gefangene, weil in den Waggons sehr viele Menschen waren und es nicht genug Luft zum Atmen gab, die Menschen erstickten. Sie wurden einfach aus den Waggons geworfen und nicht einmal begraben.

Die Deutschen formierten aus den Gefangenen Legionen [*], ich wurde aber mit zwölf anderen Gefangenen zur Arbeit in ein Lazarett geschickt. Wir mussten Holz für das Lazarett hacken, halfen, die Verwundeten zu tragen, die nicht selbst laufen konnten, und begruben die verstorbenen Soldaten. Ich arbeitete auch als Heizer und half dem Koch. Der Koch war ein guter Mensch, er hieß Wilhelm und hatte Mitleid mit mir, er sprach Russisch, war schon in Georgien gewesen, in Batumi, er war Schiffskoch auf einer Fähre. Zu Weihnachten am 24. Dezember machten Wilhelm und ich Schnaps (wir vermischten ein Ei mit Zucker und Wodka), deckten den Tisch und wir Kriegsgefangenen durften uns auch an den Tisch setzen. Dann wurden an alle Geschenke verteilt, auch an uns. Als die Deutschen betrunken waren, sangen sie „Heili-heilo“, es war sehr lustig und dieser Tag ist mir für immer im Gedächtnis geblieben.

Im Mai 1944 wurden viele verwundete deutsche Soldaten ins Lazarett gebracht, ich erkannte unter ihnen den Soldaten, der mich damals gefangen genommen hatte, er erkannte mich auch, und wir freuten uns sehr über das Wiedersehen. Er hieß Hans und kam aus Reichenberg (wenn ich mich richtig erinnere).

Die Russen rückten näher und man brachte uns Gefangene nach Chirow in Polen, wo wir Schützengräben ausheben mussten, dann brachten sie uns nach Neuhammer [Stalag VIIC], dort hoben wir auch unter Bewachung Panzerabwehrgräben aus, aber eines Tages waren die Wachen auf einmal weg. Wir blieben dort, wussten nicht, wohin wir gehen sollten. Eine Woche später kamen die Russen, nahmen alle Kriegsgefangenen mit und erklärten uns, dass wir Vaterlandsverräter seien und wenn wir jemals nach Hause wollten, müssten wir jetzt ordentlich arbeiten. Wir mussten Fabriken abbauen und Züge beladen. So arbeiteten wir bis Herbst 1945, dann ließen sie uns zu Fuß in die Heimat marschieren, zwei Monate waren wir unterwegs, barfuß und hungrig. Wir erreichten Kiew, dort wurden wir in Gefängniszellen gesperrt und 20 Tage festgehalten, dann kamen wir zur Zwangsarbeit beim Wiederaufbau von Fabriken. Wir arbeiteten in der Autonomen Sowjetrepublik Komi beim Holzfällen, dann auch beim Bau von Fabriken in Turkmenistan und erst im Mai 1947, nach einer 5 Jahre und 4 Monate andauernden Irrfahrt, ließen sie uns endlich nach Hause. Zu Hause wartete meine Mutter auf mich. Ich arbeitete dann in der Kolchose, wo kein Gehalt gezahlt wurde. 1949 habe ich dann geheiratet, wir bekamen zwei Söhne und zwei Töchter. Alle haben jetzt ihre eigenen Familien, sie leben weit weg in Russland, ich bin alleine, meine Frau ist gestorben, ich bin 91 Jahre alt, bin alt und krank, höre und sehe schlecht.

So habe ich Ihnen also von meinem langen Lebensweg erzählt.

Ich danke Ihnen nochmals für Ihren herzlichen Brief, aus dem Achtung vor den Menschen spricht, die in Nazi-Gewahrsam unmenschliche Erniedrigungen erfahren haben. Gebe Gott, dass sich so etwas nie wiederholt.

Mit den besten Grüßen,

Grigorij Amajakowitsch Basenzjan

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[*] „Legionen“: Angehörige nationaler Minderheiten unter den sowjetischen Kriegsgefangenen wurden angeworben für Hilfstruppen der Wehrmacht, z.B. die Armenische und Georgische Legion. Etliche ließen sich anwerben, um dem Tod in den Lagern zu entkommen. Als ehemalige Legionäre werden sie von uns nicht als NS-Opfer anerkannt. (Ausnahmen lassen wir zu im Falle ihrer Flucht und Einsatz in Widerstandsgruppen, z.B. der Résistance) E. Radczuweit

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