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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

212. Freitagsbrief (vom Februar 2010, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Republik Tatarstan
Gebiet Bawlinsk
Kysyl-Jar
Kasym Schiriasdanow.

(…) Als ich in Ihrem Brief die Worte las: „Sie haben ungeheuerliche Leiden durch das faschistische Regime überlebt und nicht ein einziges Wort der Entschuldigung vom heutigen Deutschland gehört. Wir schämen uns für diese Tatsache.“ Ich habe Tränen in die Augen bekommen und konnte mich lange nicht beruhigen. Aber das waren Tränen der Freude darüber, dass man uns noch nicht vergessen hat und Erinnerungen an das Erlebte (…).

Ja, ich habe in diesem Krieg viel erlebt, ertrug ungeheure Leiden und Erniedrigungen in KZs, nicht nur einmal stand ich vor dem Angesicht des Todes. Aber, Gott sei Dank, lebe ich bis heute und bin relativ gesund. Ich bin jetzt 91 Jahre alt, lebe mit meiner Frau schon 63 Jahre zusammen, sie ist auch schon 87, in meinem kleinen Holzhaus in dem Dorf Kysyl-Jar, das ich 1950 gebaut habe, in nächster Zeit hoffen wir auf die Versprechung unserer Regierung, dass man uns eine Wohnung mit dem entsprechenden Komfort zur Verfügung stellt.

Ein wenig über mich:

Ich, Schiriasdanow Kasym Mirsagitowitsch wurde am 13. November 1918 geboren, im Dorf Kysyl-Jar, Rayon Bawlinsk, Republik Tatarstan. In die Armee eingezogen wurde ich im Februar 1940. Ich diente als Soldat im 680. Schützenregiment in der Stadt Chmelnitzki, Gebiet Winniza. Während der Rückzugsgefechte erlitt ich eine Schädelprellung und wurde ohne Bewusstsein am 2. September 1941 bei der Stadt Dnjepropetrowsk gefangen genommen. Die erste Zeit zwangen uns die Faschisten, Munition auf einer Pontonbrücke über den Dnjepr zu schleppen. Danach zwangen sie uns, die Eisenbahnspur umzubauen (zu verringern). Ende Dezember 1942 wurden wir nach Deutschland gebracht. Man brachte uns nach Ostpreußen in die Stadt Hammerstein [Stalag IIF (315) in Pommern], sperrte uns in ein Lager, dort war ich bis März 1943. Im März 1943 brachte man 15 Kriegsgefangene, darunter auch mich, zu irgendeinem Reichen. Ich arbeitete im Dorf Gutendorf [Gotendorf/Chottschow] für einen Exmajor bis September 1943. Danach wurden wir in ein Lager nach Stettin gebracht. Dann in ein Lager im Wald, etwa 8 km von der Stadt Schwerin entfernt. Dort waren Militärvorratslager, wir arbeiteten in diesen Lagern und bauten Eisenbahnstrecken. In diesem Lager war ich von Herbst 1943 bis 2. Mai 1945.

Mit der Annäherung der Front der Amerikaner und unserer Truppen ist die faschistische Wachmannschaft geflohen. Wir 100–150 Kriegsgefangene gingen in die Stadt Schwerin, dort haben uns die Amerikaner zeitweilig in einem Lager untergebracht, wo früher Kriegsgefangene waren. Nach 3–4 Tagen trafen wir sowjetische Offiziere, die uns zu einem Sammelpunkt brachten. Ich diente bis August 1946, wurde demobilisiert und kam nach Hause. Im Oktober 1946 habe ich geheiratet, habe 4 Kinder groß gezogen: 3 Söhne und 1 Tochter. Jetzt haben wir schon 10 Enkel und 11 Urenkel. Mein ganzes Leben lang habe ich als Tischler – Zimmermann gearbeitet.

Ich bitte meine und Ihre Kinder, Enkel, Urenkel, in Frieden und Eintracht zu leben und niemals solche ungeheuren Leiden und Erlebnisse weder zu sehen noch hören zu müssen, wie sie mir auferlegt worden sind.

Hochachtungsvoll, Kriegsteilnehmer, ehemaliger Gefangener in KZ, Invalide der II. Kategorie

Schiriasdanow Kasym Mirsagitowitsch.

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[Herr Schiriasdanow empfand keinen Unterschied zwischen dem Stalag II F und einem KZ]

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