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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

211. Freitagsbrief (vom Mai 2006, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Russland
Gebiet Woronesh
Bezirk Kalatschejewskij
Novaja Kriuscha
Iwan Jakowlewitsch Cholodow.

Als ich Ihren Briefumschlag erhalten hatte, begann ich, den Umschlag mit zitternden Händen zu öffnen. Ich stellte mir nicht vor, was drin ist. Ich machte den Umschlag auf und las dieses unerwartete Dokument. Ich blieb zuerst stehen. Während des Lesens strömten die Tränen wider Willen aus den Augen. Ich setzte mich, ich fiel fast. Das waren Tränen der Freude. Ich erinnerte mich daran, dass ich etwa vor einem Jahr oder noch früher einen erneuten Brief an die Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ [*] abgeschickt hatte. Ich hatte darum gebeten, noch einmal zu überprüfen, ob mir eine Entschädigung für die Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft zusteht. Später hatte ich eine Absage erhalten. Ich gab damals auf. Das ist vielleicht halbehrlich. In meiner Seele gab es noch ein bisschen Hoffnung. Jetzt habe ich Ihr Dokument. Meine Lieben, darf ich Sie „meine Lieben“ ansprechen? Alle Menschen der Welt sind Brüder. Meine Lieben, Ihre Sorgen und Ihre soziale Fürsorge sind Beispiele für jedes Volk. Ihre Worten waren richtig und zutreffend. Sie zielten gerade in mein Herz. Sie erreichten Ihr Ziel. (…)

Jetzt werde ich knapp über die Kriegsjahre und über das Nachkriegsleben schreiben. Alle wissen, dass am 22. Juni 1941 genau um 4 Uhr früh Hitlers Armee ohne Kriegserklärung unsere Heimat angegriffen hat. Viele waren noch im Schlaf. Die Faschisten verbrannten und vernichteten alles, Lebende und Tote. Unsere Einheit geriet als erste unter Vernichtung. Überall brannten Panzer und Munitionslager. Die Diensthabenden waren entweder tot oder verletzt. Wir sprangen aus der Baracke. Viele trugen nur Unterhosen. Nur einige zogen ein Militärhemd an. Ich wurde leicht verletzt. Wir versammelten uns in Gruppen und hatten vor, uns zurückzuziehen. Wir hatten gar keine Waffen, weder Offensiv- noch Defensivwaffen. Wir marschierten Richtung Russland. Auf dem Weg bemühten wird uns, zusammenzuhalten und überwiegend nachts durch das Wald- und Hügelgelände zu gehen. Uns war kalt und hungrig. Nahrung gab es nur unregelmäßig. Wir waren gezwungen, bei den hiesigen Bewohnern um Essen zu bitten. Die Reaktion war unterschiedlich. Jemand gab das Essen, jemand guckte nur böse. Unser Marsch dauerte etwa eine Woche. Eines Tages wurden wir von deutschen bewaffneten Motorradfahrern umzingelt. Sie befahlen „Hände hoch!“ und trieben uns wie Vieh zu einem Fluss Richtung Minsk. Wir kamen zu einem mit Stacheldraht umzäunten Feld. Das war das Lager. Hier befanden sich bereits Hunderte oder Tausende Kriegsgefangene. Später wurden wir in Gruppen für die Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Juden wurden sofort getötet.

Ich kam in einer 30-Mann-Gruppe zu einem Bauern. Wir wurden in einer von Stacheldraht umzäunten Baracke untergebracht. Es gab zweistöckige Pritschen mit spänegefüllten Matratzen. Direkt in der Baracke gab es einen Behälter als WC. Zur Arbeit wurden wir unter Bewachung geführt. Nachts schloss man die Tür immer zu. Die Arbeit erfolgte hauptsächlich im Steinbruch und bei der Bahn. Ein Bauer konnte ab und zu ein paar Männer nehmen, um Kartoffeln zu sammeln oder Dünger zu verteilen. Das erfolgte der Reihe nach. Der Bauer gab uns zweimal täglich 300 Gr. Spänebrot, einen Liter Rübensuppe und einen Becher Ersatzkaffee. (…)

Ich kann die Städte nennen, wo ich arbeitete: Oelsnitz, Plauen, Bergen, Mansche [?]. 1944 wurde eine große Gruppe von zirka 2000 Gefangenen zu Fuß nach Polen getrieben. Dort gab es einen Großeinsatz im Bergwerk. Als die Amerikaner und die Russen den Druck erhöhten, wurden wir Richtung Elbe zurückgeführt. Nur 600 Männer blieben am Leben. Die anderen starben unterwegs. Die Amerikaner nahmen unsere Wächter fest. Wir Gefangenen wurden von den Amerikanern gründlich verhört. Anschließend wurden wir an die russische Macht übergeben. Dort dauerten die Vernehmungen eineinhalb Monate. Man stellte mir viele Fragen über meine Person. Sie wollten feststellen, dass ich kein Verräter oder Spion bin. Endlich wurde meine Loyalität bewiesen. Man schickte mich in die 73. Gardedivision. Gerade in dieser Division hatte ich am Beginn des Großen Vaterländischen Krieges gedient.

Meine verantwortungsbewussten Freunde, nehmen Sie mich bitte nicht falsch wahr. Ich bin kein Trinker, Dieb oder Rumtreiber. In der Jugend war ich ein starker und gesunder Mann. Auch im hohen Alter setzte ich mir einen festen Rahmen. Ich bemühe mich, jede Schwierigkeit im Leben zu überwinden. Dafür muss man immer einen starken Geist haben. Nie aufgeben, nie in Panik geraten, heißt es. Man muss ein gepflegtes Äußeres haben. Das hilft im Leben. In meinem Leben habe ich viele Menschen kennengelernt: Russen, Polen, Litauer, Tschechen, Ungarn, Amerikaner, Finnen und Deutsche. Ich konnte immer eine gemeinsame Sprache finden. Ein Mensch kann sich mit anderen Menschen immer verständigen. Wenn du ein fremdes Volk liebst, werden die Fremden dich auch lieben. Man darf nie das Böse gegen die Menschen einsetzten, weil das Böse die stärkste Waffe ist. Ich schreibe jetzt diesen Brief und denke: Sie sind gute Menschen. Sie lieben ihr eigene Volk und andere Völker der Welt und sind bereit, die guten Werte zu verteidigen.

Zum Schluss möchte ich mich bei Ihnen, liebe Genossen und Freunde, Vertreter Ihrer Gesellschaft, Mitarbeiter der Russischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ [*] und alle Bürger Deutschlands, die pflichtbewusst das Geld für Häftlinge des deutschen Faschismus gespendet haben, im Namen meiner Verwandten und mir selbst recht herzlich bedanken. Sie haben Barmherzigkeit aufgebracht und einen ehemaligen Sklaven menschlich behandelt. Ich wünsche Ihnen allerbeste Gesundheit, langes Leben, viel Optimismus und den Frieden.

Ich bitte um Entschuldigung für die schlechte Schrift und Schreibfehler. Meine Hände zittern. Ich wollte aber diesen Brief unbedingt selbst verfassen. Dem Brief füge ich zwei Fotos bei. Eine Aufnahme kommt aus der Vorkriegszeit. Das zweite Bild wurde nach dem Krieg gemacht. Wenn es nicht kompliziert ist, bitte ich um eine Antwort, falls Sie natürlich den Brief erhalten. Auf Wiedersehen

P.S. Trotz meines Alters bin ich immer noch aktiv. Seit 20 Jahren bin ich Vorsitzender des Dorfrates der Kriegsveteranen. Früher gab es bei uns viele Kriegsveteranen. Jetzt leben im Dorf nur wenige Menschen, die Kriegsteilnehmer waren. Sie sterben. Ich lade Sie herzlich ein. Sie können mich gerne besuchen und mit eigenen Augen sehen, wie ich lebe und wie ich aussehe. Sie sind vielleicht oft unterwegs. Ich habe Kinder, Enkel und Urenkeln. Hauptsache, ich habe mein liebes Volk. Mein ganzes Berufsleben war ich beliebt und respektiert.

Ich warte auf die Antwort.

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[*] Die russische Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ ist unser Vertragspartner für die Auszahlung von Geldspenden an ehemalige Kriegsgefangene, die in Russland leben. Die letzte Spendenüberweisung an die Stiftung war am 7. September 2010: für 400 Kriegsgefangene 120 000 EUR.

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