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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

207. Freitagsbrief (vom März 2006).

Russland
Brjansk
Grigorij Karpowitsch Demenko.

Guten Tag, liebe Freunde

(…) Ich heiße Walentina Grogorjewna Judina, die Tochter von Grigorij Karpowitsch Demenko, einem Kriegsgefangenen des faschistischen Nazismus. Der Vater ist schwer krank und kann selbst nicht schreiben.Unsere Familie besteht aus folgenden Mitgliedern: Der Vater, Grigorij Karpowitsch Demenko (92 Jahre alt), seine Schwester Marija Karpowna (95), ich, also die Tochter, Walentina Grogorjewna Judina (55) und mein Ehemann Wladimir Wasiljewitsch Judin (58). Die ganze Familie spricht Ihrer Gesellschaft KONTAKTE-KOHTAKTbI den tiefen Dank für die überwiesene materielle Hilfe aus. Natürlich ist der Vater persönlich dankbar.

Ihre materielle Hilfe haben wir am 28.12.2005 erhalten. Es gab keine besonderen Schwierigkeiten beim Empfang des Geldes. Man musste sich aber bemühen, um an das Geld zu kommen, weil Vaters Bewegungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind. Als ich die Empfangsbenachrichtigung mitbrachte, kam ich zu Vaters Bett und zeigte sie ihm. Ich sagte: „Für dich sind 300 Euro aus Deutschland gekommen. Das haben Menschen gesammelt, die damit dir und deinen Kameraden ihr Mitgefühl und Verständnis zeigen möchten.“ Als ich das sagte, bemerkte ich auf Vaters Gesicht gegensätzliche Gefühle: Verwirrung und Unverständnis. In den Augen waren Tränen zu sehen. Ich versuchte, den Vater zu beruhigen. Ich betonte, dass dieses Geld ein Geschenk der Bürger Deutschlands zum Neuen Jahr bedeutet, die immer mit den Kriegsgefangenen solidarisch waren. Sie huldigen den Menschen, die alle Kreise der faschistischen Hölle überlebt haben. Erst danach wurde der Vater etwas ruhiger.

Sie haben uns gebeten, über die Vergangenheit zu berichten. Ich werde es im Namen des Vater tun. Zuerst möchte ich aber folgendes sagen. Wir vier Kinder haben über den Aufenthalt des Vaters in einem faschistischen KZ erst nach dem Jahr 1986 erfahren. Zuvor gab es darüber keine Gespräche in unsrem Haus. Wir wussten, dass der Vater ein Kriegsteilnehmer war. Über seine Gefangenschaft in Deutschland wussten wir gar nichts.

Nach der Befreiung aus Kriegsgefangenschaft wurde Vater einer Sonderprüfung im separaten Militärverband ausgesetzt. Das dauerte bis zum Anfang des Jahres 1946. Bis zu seiner Rückkehr wusste unsere Familie nichts über sein Leben.

Ich bin am 14.02.1951 geboren. Ich kann mich gut an meine Kindheit erinnern. Erst heute kann ich begreifen, warum unser Leben im Vergleich zum Alltag anderer Kriegsveteranen etwas eigenartig aussah. Der Vater nahm an keinen Veranstaltungen teil. Unsere Familie lebte abgesondert, in Ruhe und Frieden. Heute ist mir klar: der KZ-Aufenthalt und vierjährige Sklavenarbeit für die Deutschen prägte das Nachkriegsleben des Vaters und unserer Familie. 1986 erkannte unsere Regierung ehemalige Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge als vollwertige Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges an. Das Leben in unserem Hause änderte sich. Der Vater begann zu seinen Kindern und Enkeln über die im KZ verbrachten Jahre zu sprechen. Er erzählte über seine Zwangsarbeit, über diese unerträgliche Zeit, über Tode seiner Kameraden, über alles, was im vierjährigen Zeitraum geschah. Die körperlich schwere Sklavenarbeit und psychische Belastung taten ihre Arbeit. Die Gesundheit des Vaters verschlechterte sich.

Dreimal versuchte der Vater, aus dem KZ zu flüchten. Jedes Mal wurde er wieder verhaftet und ins Lager zurückgebracht. Zum letzen Mal wurde er von Hunden fast tot gebissen. Das Schicksal schenkte ihm das Leben. Danach wurde er ins KZ zurückgebracht. Zuerst schleppte man schwere Steine und baute man Gebäude. Danach wurde der Vater für die Arbeit in einer Werkstatt ausgesucht. Dort lernte er, Schuhe zu fertigen. Zwei Monate arbeitete er als Lehrling, dann konnte er selbst Schuhe reparieren. Der Vater erinnert sich mit Respekt an den Gefreiten Titeli. Dieser Deutsche behandelte meinen Vater und andere Kriegsgefangene sehr gut. Wenn dieser Mensch noch am Leben ist, möchten wir ihm unsere Dankbarkeit ausdrücken. Wie der Vater sagt, waren nicht alle Deutsche im KZ echte Faschisten. Manche respektierten die Gefangenen.

Der Vater erzählte, dass er in der Baumstrasse in Berlin arbeitete. Außerdem arbeitete er in einer Werkstatt in der Blücherstrasse, wenn er es richtig ausspricht. Gelegentlich brachte man ihn zur Arbeit nach Lichtenberg, Bernau und Schöneberg. Vater war bis zum 26.04.1945 in Kriegsgefangenschaft. Zwei Wochen vor der Befreiung Berlins durch die Russen flüchteten die Deutschen. Die Gefangenen kamen frei. Hungrige Menschen gingen in unterschiedliche Richtungen. Eine Gruppe versteckte sich in der U-Bahn. Als die Faschisten das Wasser in die Station rein ließen, wurden die Gefangenen von russischen Soldaten gerettet. Sie trugen entkräftete Menschen ins Freie, die allein nicht gehen konnten.

Die Nachkriegsjahre waren für die ehemaligen Gefangenen schwer. Für unsere Familie war es auch eine schwere Zeit. Der Vater hatte in einem Glück. Er konnte Schuhe perfekt reparieren. In unserer Gegend gab es keinen Schuhmacher. Der Vater hatte genug Aufträge. Seine Arbeit ernährte die ganze Familie.1986 wurde das Leben besser. Das Brandmal eines Mensch, der in Deutschland als Kriegsgefangener arbeitete, verschwand endlich. Die Kinder wurden groß und fuhren weg. 1999 starb meine Mutter. Der Vater und seine Schwester Marija zogen zu uns nach Brjansk. Seit sieben Jahren leben wir zusammen.

Heute ist der Vater schwer krank und ist seit einem Jahr ans Bett angefesselt. Seine Gesundheit lässt nach. Das Gedächtnis über die schweren und (später) frohen Tage ist nicht zuverlässig.

Mit Hochachtung und Dankbarkeit

die Familie von G. K. Demenko, dem ehemaligen Kriegsgefangenen

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich den Brief etwas später abschicke. Ich habe den Text aufgrund von familiären Umständen mit Unterbrechungen geschrieben.

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