Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

206. Freitagsbrief (vom Januar 2008, aus dem Russischen von Viktoria Rau).

Russland
Smolensk
Aleksandr Nikonowitsch Malzew.

(…) Es schreibt Ihnen der ehemalige Kriegsgefangene 1941–45. Entschuldigen Sie mich, dass ich auf Ihre Hilfe (300 Euro) nicht sofort antwortete, der schlechte Gesundheitszustand und Unannehmlichkeiten zu Hause haben das verhinderten. Etwas über mein Leben.

Geboren wurde ich in einer Bauernfamilie 1920, im August. Vater war im Krieg (Bürgerkrieg), Mutter wohnte in der väterlichen Familie, ich wurde bei der Feldarbeit geboren. Vielleicht darum arbeitete ich mein ganzes Leben an der freien Luft. 1938 bekam ich den Fachberuf Geologe-Topograph. 1940 heiratete ich und wurde 7 Tage nach der Hochzeit in die sowjetische Armee einberufen und in die Leningrader Luftverteidigungstruppen eingestellt. Ich war zufrieden mit meinem Dienst, aber es dauerte nicht lange bis der Krieg kam. Unsere kleine Abteilung zog sich zusammen mit anderen zurück bis Leningrad, bis wir eingekesselt wurden. Während des Versuchs, den Ring zu durchbrechen, wurde ich verletzt und gefangen genommen.( Es war am 19.09.1941)

Man brachte uns zu einem Sammelpunkt in Pskow [Dulag 100], aus Pskow ins Kriegsgefangenenlager in der Stadt Rezekne [Stalag 347 Rositten], Lettland. Das Lager wurde in ehemaligen Pferdeställen der Sowjetarmee eingerichtet Es waren sehr große Ställe, in denen man 5-6-stöckige Pritschen aufbaute. So hoch konnten nur gesunde Leute klettern. Verhungerte, kranke Gefangene lagen auf den unteren Pritschen und auf dem Fußboden zusammen. Keine Heizung, offene, stinkende Toilette. Das Essen, wenn man das Word „Essen“ sagen mag – alte ungeschälte, ungewaschene Kartoffeln, die auch nach langem Kochen gummiartig waren, unsere Zähne konnten die Kartoffeln nicht zerkauen. Rettend war das Ersatzbrot. Für jedes Vergehen – Schläge. Der Kommandant hatte einen Hund, den hetzte er bei jeder Gelegenheit auf Gefangene oder nahm die Waffe in die Hände. So wurde auch mein Kopf verwundet. Sein Vertreter war eine Kopie vom Kommandanten, aber statt eines Hundes hatte er einen Schlagstock – eine Rute aus Stahl mit Leder ummantelt. Weil ich ihn einmal nicht rechtzeitig grüßte, wurde ich halbtot geschlagen und musste ins Lazarett. Es ist unmöglich, alles zu beschreiben, das muss man mit eigenen Augen sehen. Solche Schrecken, wie in diesem Lager, erlebte ich später in anderen Lagern nicht.

Man transportierte uns nach Deutschland ins Ruhrgebiet, in ein Lager, das früher als Gefängnis diente. Von dort aus trieb man uns zu Fuß ins Arbeitslager, das befand sich in der Stadt Oberhausen, nicht weit von der holländischen Grenze. Mehr als zwei Jahre arbeitete ich dort in der Grube, ich war Kohlenhauer. Wir arbeiteten ohne Lohn, nur für Essen. Wie unsere Grube hieß, kann ich nicht mehr sagen, ich weiß nur, dass eine Grube nebenan „Akuba“ [Hugo?] hieß.

Die 2. Front näherte sich, unser Lager wurde ins Hinterland evakuiert. Unterwegs lief ich weg und es gelang mir, die amerikanische Zone zu erreichen, von dort schaffte ich es zur britischen und danach zur sowjetischen Zone, in das Westbataillon. Ich wurde „durchleuchtet“ und aus dem Militärdienst entlassen.

Nach Hause bin ich genau nach fünf Jahren zurückgekommen, das heißt am 25. Dezember 1945. Bestraft wegen meiner Gefangenschaft wurde ich nicht.

Nach einem Monat fing ich in meinem Beruf zu arbeiten an, als Geologe. Es waren sehr viele Dienstreisen, darum bin ich im Jahr 1962 zur Topographie übergegangen. 1975 ging ich in Rente. (Geologen gehen früh in Rente, schon mit 55). Damals ist meine Familie auf 6 Personen gewachsen, 3 Söhne, eine Tochter und ich mit meiner Frau, später kamen noch Enkelkinder dazu.

Da meine Rente nicht ausreichend war, musste ich wieder arbeiten, diesmal als Arbeiter. Bei uns, in der Sowjetunion, durften Ingenieure keine Rente bekommen und gleichzeitig arbeiten. Aber es war möglich, sich als einfacher Arbeiter zu beschäftigen und einen Lohn zuzüglich zur Rente zu erwirtschaften. Allmählich wurden die Kinder groß und waren aus dem Hause, so habe ich 1998 aufgehört zu arbeiten. Ich widmete mich dem Gemüsegarten, half meiner Frau. Mit meiner Frau lebte ich in Liebe und Frieden 64 Jahren zusammen, 2004 ist sie gestorben. Ich bin jetzt sehr krank, alte Wunde geben mir keine Ruhe, auch der allgemeine Gesundheitszustand ist schlecht. Aber der Staat hilft uns gut, die Renten sind erhöht, jedes Jahr darf ein Kriegsinvalide ins Hospital oder zu Kur. Ich bin bettlägerig, aber manchmal gehe ich nach draußen, zur frischen Luft. Mit mir wohnt mein Sohn, er hilft mir, aber am meisten hilft meine Tochter. Sie wohnt ein paar Straßen weiter und kommt sehr oft zu mir, sie bereitet Essen zu, putzt usw.

Das ist meine ganze Geschichte. Entschuldigen Sie meine schlechte Schrift im Brief, die Hände zittern, viele Krankheiten. Am schlimmsten – Herz und Gefäße. Bleiben Sie gesund, viel Glück im Leben. Leben Sie Wohl!

A. N. Malzew

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.