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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

205. Freitagsbrief (vom Mai 2007, aus dem Russischen von Klaus Jansen).

Jewstafjew Fedor Illarionowitsch
Tschajkowskij
Region Perm
Russland.

(…) Ich erhielt Ihren Brief. Ich bin von Ihrer Anteilnahme sehr gerührt. Ich bin froh, dass es ehrliche und anständige Menschen gibt, die aufrichtig ein Gefühl der Schuld für die große Sünde des faschistischen Deutschlands empfinden. Ich glaube Ihnen. Sie baten mich darum, Ihnen über mein Leben zu schreiben. Ich bemühe mich, das zu tun, doch im Brief ist es schwierig, alle Ereignisse ausführlich darzulegen.

Ich durchlebte ein schweres Leben. Nichts ist aus dem Gedächtnis gelöscht und jedes Mal, wenn ich es drehe und wende, gerät der Schmerz, dass ich im Großen Vaterländischen Krieg und nach seinem Ende in meinem Heimatland überlebt habe nicht in Vergessenheit, verschwindet nirgendwohin und die Worte bleiben mir für immer im Hals stecken. Ich habe praktisch niemandem etwas erzählt. Ich versuchte meiner Schwiegertochter und den Enkeln zu erzählen, als sie mich darum baten, doch selbst nach 66 Jahren ist es schwer, sich an jene schwere Zeit zu erinnern. Ich sprach und verstummte, konnte nicht fortfahren zu reden, begann mich heftig aufzuregen, Tränen stiegen in mir auf - so schrecklich waren die Ereignisse im Krieg und nach seinem Ende bei mir im Heimatland.

Ein Feldarmeehospital mehrerer Armeen. Tausende verletzte Soldaten und Offiziere, darunter auch ich. Plötzlich ertönt ein Kommando: „Rette sich, wer kann! Wir sind von den Deutschen eingekreist“. Sicher empfanden da alle Angst und Schrecken. In Gefangenschaft zu geraten bedeutete zu sterben. Man wollte aber leben. Wir wurden in einen riesigen Bombentrichter getrieben, der durch die Explosion einer Fliegerbombe entstanden war. Wir Verletzte (soweit gehfähig) wurden gefangen genommen.

Der Weg nach Kaunas war vorbereitet. Dort war ein Verteilungslager. [Dulag 100] Das Zusammentreffen mit kräftigen, wohlgenährten, jungen Burschen mit dem SS-Zeichen auf den Kragenspiegeln. Hier wurde jeder, der durch einen schmalen Durchgang zum Lagergebiet ging, mit einem Tritt in den Hintern, einem Gewehrkolbenstoß in den Rücken oder einfach mit einer Faust aufs Maul „begrüßt“. Im Lager gab man uns nichts zu essen, nichts zu trinken, man schlug uns einfach zur Belustigung halbtot. Unser nächster, nicht weniger schreckliche Weg wurde von Begleitsoldaten / Wachsoldaten mit großen deutschen Schäferhunden eskortiert.

Das ist Ebenrode, ein Städtchen in Ostpreußen [Stalag I A]. Ein großes Gebiet, umzäunt von mehreren Reihen Stacheldraht. An der äußeren Umgrenzung und in der Mitte standen Wachtürme mit Maschinengewehren und es gab ein Lazarett (10. Block). Da war der 11. Block. Ich erinnere mich, dass auf seinem Territorium eine große Zahl Steckrüben und ganz wenig Kartoffeln waren.

Durch einen Minensplitter war meine linke Hand zerbrochen und einige Weichteile meines Körpers zerstört. Ein Knochen lag frei. Die Wunde heilte nur sehr schwer und langsam. Man brachte uns im 10. Block, dem Lazarett unter – in dem uns Läuse und Flöhe befielen. Im 11. Block spülten sie Kranke, die an Stoffwechselbeschwerden litten, mit Eiswasser.

Aus diesem Block kamen Gefangene auf eine Kalesche und selbstverständlich ins Massengrab. Von Herbst 1941 bis Winter 1942 wurden 11 000 sowjetische Kriegsgefangene begraben, doch ich denke, erheblich mehr.

Im Lazarett heilte man uns so: Eine Wanne mit einer Lösung aus Kaliumpermanganat. In diese Wanne hielten wir die verletzten Arme, Beine für einige Zeit, danach nahmen wir sie heraus und verbanden sie mit Zellstoff, Verbandsstoff gab man uns nicht. In der Folge vernarbten die Knochen meiner Hand aufs Geratewohl. So blieb die Hand fürs ganze Leben, praktisch untätig. Eine dünne Suppe aus Steckrüben mit Brot speziell für Kriegsgefangene, Läuse, Flöhe. Mit dieser Behandlung magerten sie uns, normale Burschen, fähig, die Heimat zu verteidigen, auf 30–40 Kilogramm Körpermasse ab. Urteilen Sie selbst, was war – ein menschliches Skelett. Eine zusätzliche Heimsuchung wurde der schreckliche Flecktyphus. Die ausgezehrten und erschöpften Menschen starben einer nach dem anderen. Das zu sehen war unerträglich. Ich war an dieser Seuche im Hungerjahr 1921 erkrankt, wurde immunisiert. Man kann sagen, ich hatte Glück. Doch es gab keine Hoffnung, dass ich am Leben bleibe. Jeder Tag war irgendeine Hölle.

Unsere Truppen befreiten uns auf dem Gebiet des Frischen Haffs. Wir durchliefen die Kontrolle des KGB, sie teilten uns auf, die einen nach rechts, die anderen nach links. Iwan Zacharow und mich ins Reserveregiment. Die Musterungskommission entband uns von der Wehrpflicht. Man konnte nach Hause fahren.

Anfang Mai 1945 kehrte ich nach Hause in mein Dorf zurück. Das war am frühen Morgen. Ich war so gekleidet: Zwei gleiche Stiefel an beiden Füßen, ein Mantel ohne Schöße, die Uniform schmutzig, die Feldmütze auch schmutzig. Stille: Frühjahr, doch in der Seele eine unüberwindbare Unruhe. Das Dorf schläft. Ich klopfe an die Tür, mein Herz krampft sich zusammen, es öffnet die Großmutter, zuerst erkennt sie mich nicht, doch dann, als sie mich erkennt, verliert sie das Bewusstsein und stürzt. Zuhause waren Mutter und meine Schwester. Kaum haben sie mich erkannt, eilen sie mir laut schluchzend entgegen und umarmen mich. Auch ich weine. Es fällt schwer, sich daran zu erinnern. Mutter erzählt: „Vater ist gefallen“, zeigt die Todesnachricht, „er fiel 1943 auf der Karelischen Landenge. Bruder Valentin ist verschollen, den letzten Brief erhielten sie aus dem Hospital in Rostow. Bruder Iwan (Geburtsjahr 1921) fiel bei Moskau zu Beginn des Krieges.

Meine arme Mutter, kleinwüchsig, dünn, wie viel Kummer hat sie schon erlitten und wie unglücklich war sie, die ihre nächsten Verwandten verloren hatte.

Doch meine Prüfungen hörten mit der Rückkehr nach Hause nicht auf. Es stellte sich heraus, dass für uns ehemalige Kriegsgefangene ein Befehl des Vaters der Völker, des Führers der Unterdrückten, des von allen geliebten, teuren J. V. Stalin mit der Nr. 230 existierte. Laut diesem Befehl hält Stalin alle Kriegsgefangenen für Vaterlandsverräter. Es begannen Bespitzelungen, Verdächtigungen, Misstrauen, Beleidigungen. Ich fand mich als Fremder unter den eigenen Leuten wieder. Unter diesen Umständen wurde es unerträglich zu leben. Erst nach acht Jahren, im Jahre 1953, nach dem Tode Stalins wurde dieser widerliche Schandfleck des Vaterlandsverräters von mir genommen.

Das ist ein kleiner Teil der Wahrheit, was ich in Gefangenschaft und nach der Gefangenschaft ertrug. Für die ganze Wahrheit muss man ein Buch schreiben.

Jetzt lebe ich allein. Meine Frau ist gestorben. Ich arbeitete als Lehrer in einer Schule. Gott der Herr gibt mir ein Leben von 91 Jahren. Ich bin Kriegsinvalide, ersten Grades. Darüber hinaus habe ich ein Problem mit dem Gehör – ich höre sehr schlecht. Wir lebten immer bescheiden und sparsam. Das lehrten mich eine Kindheit voller Hunger und der Krieg – jedes Stück Brot zu schätzen und sich über jeden Tag ohne Krieg zu freuen.

Ich habe fünf Enkel und vier Urenkel. Eine Enkelin mit Urenkelin wohnt hier in Tschajkowskij. Die übrigen leben in anderen Städten. Mein Sohn wohnt in einem Dorf, besucht mich. (…) Ich danke Ihnen für die guten Wünsche und für die finanzielle Unterstützung.

Hochachtungsvoll, Fjodor Illarionowitsch Jestafjew.

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