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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

203. Freitagsbrief (vom März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wladimir Pawlowitsch Andrejew
Russland
Nowgorod.

Guten Tag, liebe Herren „Kontakte“!

Ich habe Ihren Brief bekommen und viel Neues daraus erfahren. (…) dafür danke ich Ihnen.

Liebe „Kontakte“, ich möchte mich an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihre Regierung wenden. Es ist für mich sehr bitter, dass sie denen, die wie ich in Gefangenschaft geraten sind, die Bezahlung unserer Sklavenarbeit verweigern. Wir haben wahrlich keine leichte Arbeit ausgeführt und nicht unter besseren Bedingungen als die Zivilbevölkerung.

In diesem Krieg wurden bei Narwa mein jüngerer Bruder und der Bruder meiner Frau getötet, beide waren Jahrgang 1926. Sie waren noch fast Kinder. Ich wurde verwundet.

Ich war erst einen Tag in einem Lager in Polozk , dann wurde ich nach Dwinsk [Stalag 340] überführt, wo ich vier Tage war. Von dort kam ich zu einem Bauern in Lettland. Der Bauer hieß Karl Sweigsner, seine Frau Ermina war Deutsche. Sie hatten mich und Nikolaj (der kurze Zeit später in Folge seiner Verletzungen und der schweren Arbeit starb) als Arbeiter ausgesucht. Vom 1.8.1941 bis zum April 1944 habe ich also bei ihnen für das Deutsche Reiche gearbeitet. Der Bauer selbst und sein Sohn bewachten eine Eisenbahnbrücke, die Tochter lebte in Riga. Den Hof führte die Frau Ermina, und es war ein großer Hof: sechs Schweine, zwei Pferde, zehn Kühe mit Kälbern. Nach Nikolajs Tod lag die Arbeit allein auf meinen Schultern. Völlig erschöpft fiel ich um 24 Uhr ins Bett, und um vier Uhr hieß es wieder aufstehen. Zuerst musste das Vieh gefüttert, dann die Kühe per Hand gemolken werden. Wenn ich die zehn Kühe gemolken hatte, musste ich die Milch auf Anweisung der Hausherrin ins Lazarett bringen, wo deutsche Verwundete lagen, und die restliche Milch brachte ich dann zur Molkerei, wo auch Deutsche waren. Die Schweine und Kälber schlachtete ich und das Fleisch war ebenfalls für die Soldaten der Wehrmacht. Mit dem Frühling kam noch die Arbeit auf dem Feld dazu. Wir pflanzten Getreide und Zuckerrüben, die ich nach der Ernte an eine Zuckerfabrik lieferte, etwa 60 Tonnen Zuckerrüben lieferte ich ab.

Die Getreideernte ist keine leichte Arbeit, wenn man bedenkt, dass ich fast alle Arbeit per Hand machen musste, nur selten wurden die Pferde für die Arbeit benutzt. Das geerntete und gemahlene Getreide brachte ich zur Bäckerei. Worin unterschied ich mich also von den Zivilarbeitern für den Führer?

Oft kamen Deutsche aus dem Lazarett ins Haus der Bäuerin. Ihren verwunderten Blicken und ihrem Verhalten entnahm ich, dass die Bäuerin mit meiner Arbeit zufrieden war. Wenn sie gingen, ließen sie mir immer Zigaretten da. Vielleicht ist ja einer dieser deutschen Soldaten heute noch am Leben und kann sich an einen russischen Burschen in Lettland erinnern. Von den damaligen Bewohnern kann ich mich noch an eine Osola Walentina Nikolajewna erinnern.

Danach habe ich 13 Monate im Bergwerk in Dortmund gearbeitet, das war höllische Schwerstarbeit, begleitet von ständigen Rufen /„/Schnell, schnell“. Wir mussten die Vorgabe von 12 Kubikmetern Kohle schaffen, ein Meter freilegen und auf das Transportband schaufeln. Wer die Vorgabe nicht schaffte, der bekam Schläge oder die Peitsche. In der ganzen Zeit habe ich etwa 5000 Kubikmeter Kohle gefördert, und das alles für 400 Gramm Brot und zwei Liter Balanda am Tag.

Nun denken Sie aber bitte nicht, verehrte Herren, dass ich Ihre Regierung um eine milde Gabe bitte, ich würde nur gerne die Begründung dafür wissen, dass die einen eine Entschädigung bekommen und die anderen, die die gleiche Arbeit geleistet haben, bekommen nichts.

Bitte entschuldigen Sie, falls ich Fehler gemacht oder unverständlich geschrieben habe. Ich bin ein einfacher, wenig gebildeter Mann und schon sehr alt.

Mit freundlichen Grüßen,

Waldimir Pawlowitsch Andrejew (früher Stepanow), geb. 1922

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