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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

201. Freitagsbrief (vom 10. Juni 2010, aus dem Russischen von Hans-Joachim Seiler).

Von Jelena N. Slobina über ihren Vater
Nikolaj Alexejewitsch Slobin
Millerowo, Oblast Rostow
Russland.

(…) Im Namen meines Vaters Nikolai Aleksejewitsch Slobin und unserer ganzen Familie danke ich Ihnen herzlich für die warmen Worte des Mitgefühls und des Rückhalts, die aus Ihrem Brief klingen. Ihr Schreiben war für ihn völlig unerwartet und rührte ihn zu Tränen.

Die Erinnerung an die Zeit der Kriegsgefangenschaft ist für den Vater so belastend, dass er nur sehr wenig darüber spricht. Aus seinen gelegentlichen Äußerungen weiß unsere Familie nur, dass er 1943 mit 17 Jahren an die Front kam. Nach einem halben Jahr Dienst geriet er mit den Resten der Kompanie in eine Einkesselung und wurde mit dem Gewehr in den Händen gefangen genommen. Man erschoss alle Kameraden mit Ausnahme meines Vaters direkt vor seinen Augen. Er war der jüngste unter den Gefährten, von kleiner Statur, abgemagert von den Belastungen des Dienstes, ausgemergelt durch die Unterernährung; er ähnelte offensichtlich eher einem Halbwüchsigen als einem Soldaten. Er erzählte, dass er im Bergwerk arbeitete und dann von einem Lager zum nächsten gebracht wurde. Dabei wurde Vater schwächer, büßte seine Gesundheit ein und erwartete den unvermeidlichen Tod.

Als das Lager von der sowjetischen Armee befreit wurde, konnte sich Vater nicht mehr bewegen, nicht sprechen. Er hatte sich dem Gedanken ergeben, dass er sterben würde. Als sich ein Befreier zu ihm nieder beugte, dachte er, dass er die Augen öffnen müsse, damit man erkennen könne, dass er noch am Leben sei.

Vater mochte nicht über den Krieg sprechen und auf Fragen antwortete er sehr knapp. Ich erinnere mich, eines Tages pflanzte ich im Gemüsegarten Kohlrabi, als Vater sah, wie er wächst, verließ er den Garten bleich und wie betäubt. Auf Befragen meiner Mutter erzählte er, dass ihm Abfälle dieses Kohls hingeworfen wurden, dass die Kriegsgefangenen Essen von solcher Qualität in jenem letzten Lager hatten. Daraufhin wurde das unglückliche Gemüse ausgerissen, um Vater nicht zu verwirren.

Jetzt kann er seine Erinnerungen nicht mehr mitteilen. Seit 2005 kann er nicht mehr laufen. Seine Beine sind stark geschwächt. In den letzten zwei Jahren schwindet auch sein Gedächtnis mehr und mehr. Ich bemerkte, dass er die Nächte vor dem 9. Mai schlaflos verbrachte. Auch die deutschen und sowjetischen Soldaten, die Überlebenden der Entbehrungen, sind aus jenem Krieg seelisch schwer erkrankt zurück gekommen.

Ihren Brief las unsere ganze Familie und alle waren durch schmerzliche Gefühle tief betroffen. Wir denken auch, dass wir den Frieden nur erreichen, wenn sich gewöhnliche Menschen aus verschiedenen Ländern kennenlernen. Ich selbst reagiere negativ auf jeglichen Krieg und ich mag weder darüber lesen noch Kriegsfilme sehen. Mein sechzehnjähriger Sohn dagegen interessiert sich für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Er versucht die Gedanken, die Gefühle und die seelischen Zustände sowohl der sowjetischen wie auch der deutschen Soldaten verschiedener Dienstgrade zu begreifen. Er will erkennen, wie einfache Menschen beider Länder altern, die solch mächtige Erschütterungen überlebt haben, um zu verstehen, was sich in ihren Gedanken wider spiegelt?

Am wichtigsten scheint mir die Verbindung gerade der Jugendlichen, welche jetzt besonnen reagieren auf jene für sie weit zurückliegenden Begebenheiten. Ich meine, dass es ihnen allen offen steht, ein Museum dieses Krieges zu besuchen, zum Beispiel in Anlagen der ehemaligen Lager, damit sie die vergangenen Ereignisse begreifen und nicht das Vergangene auffassen wie eine Dekoration für ein Computerspiel. Gerade ihr gegenseitiges Verständnis ist ein Pfand für unsere friedliche Zukunft.

Jelena Nikolajewna Slobina

P.S. Briefe an Jelena und ihren 16jährigen Sohn Daniel leiten wir gerne weiter.

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