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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

200. Freitagsbrief (vom Juli 2010, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Armenien
Eriwan
Hajrik Chatschatrjan
und sein Sohn Gework.

(…) da mein Vater leider nicht mehr imstande ist zu schreiben, möchte ich selbst Ihnen und KONTAKTE-KONTAKTY im Namen meines Vaters und unserer Familie für Ihre Spende, die wir über unseren armenischen Verein der rehabilitierten Gefangenen des II. Weltkrieges erhielten, sehr herzlich danken. Die Begünstigung war für meinen Vater ein einzigartiges Ereignis. Sein ganzes Leben ist von der Kriegsgefangenschaft so schmerzhaft geprägt, dass er früher von einer Begünstigung und von solch einem Mitgefühl in Deutschland nicht einmal hat träumen können. Nach dem letzten Insult vor etwa drei Jahren hat er sein Erinnerungsvermögen leider fast völlig verloren. Auch bis dahin sprach er über seine Kriegsgefangenschaft so ungern, dass wir ihn eher fern von einer Wiedergabe seiner Erinnerungen zu halten pflegten. Mein Vater ist im Jahr 1941 bei den Kämpfen um Kertsch nach einer Verletzung gefangen genommen worden. Er ist nach Polen und später nach Deutschland verschickt worden.Aus den bruchstückhaften Äußerungen zu seiner Kriegsgefangenschaft waren meistens die Namen Cholm, Ojberg, München und Buchenwald zu hören. Einmal erzählte er, dass er einen nahen jüdischen Freund hatte, der sich durch seine Hilfe über vier Monate erfolgreich als Armenier habe ausgeben können. Nachdem dann die Wahrheit bekannt wurde, sei mein Vater schweren Strafen ausgesetzt worden, die er eher mit Wunder überstanden habe. Sein Freund aber sei entfernt worden, und er habe von ihm nichts mehr hören können.

Er erzählte zudem, dass er mit seinen Kameraden öfters im Pferdemist Gerstenkörner gesucht habe, um diese dann zu essen. Eine andere Geschichte, die wir von ihm hörten, bezog sich auf eine Flucht seiner sechs Kameraden, die dann aber wieder gefangen worden seien. Man habe diese Unglücklichen zum Abschrecken der anderen an den beiden Seiten einer nahen Brücke aufhängen lassen. Ganz bedrückt erzählte er einmal auch, dass man ihm und seinen Kameraden über einen Monat nur warmes Wasser gegeben habe, das sich kaum trinken ließ … Nach der Befreiung hat mein Vater noch ein weiteres Jahr in der Armee gedient, und seine Heimkehr erfolgte im Jahr 1946. Es tut mir Leid, dass ich Ihnen von der Kriegsgefangenschaft meines Vaters keine weiteren bemerkenswerten Einzelheiten mitteilen kann. Er verzichtete in der Regel darauf, uns und den anderen darüber ausführlich zu erzählen, um, wie er selbst es motivierte, uns zu verschonen. Es ist uns dabei oft aufgefallen, dass er, als er direkt oder indirekt zum Thema seiner Kriegsgefangenschaft kam, von einer schweren Depression übermannt wurde, und möglicherweise auch deswegen wollte er darüber lieber nicht sprechen.

Mit herzlichsten Grüssen

Gework Chatschatrjan.

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