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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

199. Freitagsbrief (vom Mai 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Wladimir
Bezirk Melenkowskij
Jewgenij Michailowitsch Platonow.

Guten Tag, liebe Freunde!

Ich kann nicht aufhören, mich darüber zu wundern, wie Sie mich gefunden haben? Außer nach der Lagernummer kannte man mich überall als Jewgenij Awdejenko, Student an der Fakultät für Kraftfahrt am Polytechnischen Institut in Gorkij. Ich habe nie jemandem andere Informationen über mich mitgeteilt. Im Voraus möchte ich Sie bitten, es mir nachzusehen, wenn ich nicht immer ganz folgerichtig schreiben sollte.

(…)

Zum Winter 1941 hin hielt die Nazi-Führung Deutschlands den Krieg für gewonnen, die sowjetischen Kriegsgefangenen waren für sie ein Klotz am Bein und mussten vernichtet werden. Auf dem Gebiet der UdSSR verwandelten sich die Lager für Kriegsgefangene in Vernichtungslager, in Todeslager.

Im Lager Kriwoj Rog (Ukraine) [Stalag 338], in dem ich im November 1941 landete, gab es etwa 12 000 Kriegsgefangene und Zivilisten. Die Essensrationen waren so berechnet, dass auch der kräftigste Mensch innerhalb von 1–1,5 Monaten sterben musste. Jeden Tag starben 120–150 Menschen. Die Toten wurden aus unserem fensterlosen Schuppen, dessen Boden mit gefrorenen Exkrementen übersät war, von den sogenannten Lager-Sanitätern (sie waren, wie man heute bei uns sagt, Menschen kaukasischer Nationalität) hinausgetragen und auf einen Karren in eine Kiste geladen. Um mehr Tote unterzubringen, kletterte einer der Sanitäter auf den Karren und brach den Toten Arme und Beine. Dann wurden die Leichen nackt in einen Panzerabwehrgraben geworfen. (…) Grauenvoll, meine Herren. Schrecklicher als der eigene Tod.

Im März–April 1942 wurde das Lager für Kriegsgefangene in Kriwoj Rog aufgelöst. Von tausenden Kriegsgefangenen waren nur zwei- bis dreihundert noch am Leben, konnten gehen oder kriechen. Vor der Auflösung wurde eine „Medizinische Untersuchung“ durchgeführt. Ein Mann in Offiziersuniform, der einen weißen Kittel über die Schultern geworfen hatte, saß am Fenster eines langen, schmalen Zimmers, das einer Mausefalle ähnelte. Der „Patient“ betrat mit nacktem Oberkörper das Zimmer und blieb an der Schwelle in der Mitte eines mit Kreide aufgezeichneten Kreises stehen. Man stand drei bis vier Meter vom Arzt entfernt. Er stellte mir eine einzige Frage: „Krank?“ Wenn man zugab, krank zu sein, unterschrieb man sein eigenes Todesurteil. Deshalb sagte ich schnell: „Nein, nein! Ich bin gesund!“[*] Obwohl ich kaum wie ein gesunder Mensch aussah. Ich war ein Skelett, überzogen mit blau-gelber Haut, von Läusen zerfressen.

In Deutschland.

Einige Zeit später brachten sie uns „Gesunde“ in Viehwaggons nach Deutschland. Wir fuhren lange. Standen oft auf dem Abstellgleis. An uns vorbei fuhren Züge mit irgendwelchen Fässern, mit großer Geschwindigkeit rasten Güterzüge an uns vorbei, die mit Planen abgedeckte Panzer, Kanonen und Geschütze transportierten. Endlich öffneten sich an irgendeinem Bahnhof die Waggontüren und ich hörte das Kommando: „Raus, raus!“ Wir waren also am Ziel.

Wir marschierten zu Fuß zum Lager. Als die Wachsoldaten sahen, dass wir nicht mehr gut laufen konnten, ließen sie uns oft Rast machen.

Im Lager wuschen wir uns den letzten Schmutz des Lagers in Kriwoj Rog herunter. Wir bekamen Wäsche und Kleidung, die zwar gebraucht und oft geflickt war, aber sie war sauber und roch frisch. Zum Abendessen bekamen wir ein Stück Schwarzbrot, das mit Sägemehl vermischt war. Ich habe niemals wieder so ein leckeres Brot gegessen.

Es kamen „Käufer“ zu uns ins Lager. Einer war ein Großhändler. Er nahm gleich zweihundert Männer mit. Er brauchte Heizungstechniker, Drechsler, Schlosser, Dreher, Fräser, Schleifer usw. für die Arbeit in der Fabrik „Süddeutsche Bremsen“ (in München). Die Werkhalle, in der ich arbeitete, wurde bei einem der amerikanischen Bombenangriffe getroffen und brannte ab. Ich wurde in eine kleine Werkstatt überführt (in der gleichen Fabrik), wo ich bei alten Autos moderne (für die Zeit) Druckluftbremsen einbauen musste. Mein direkter Vorgesetzter war ein junger Arbeiter namens Anton Schnell. Er hatte nur einen Arm, so dass er meine beiden Arme sehr gut gebrauchen konnte. Bevor er seinen Arm verloren hatte, hatte er in einer Tanz-Band Schlagzeug gespielt. „Im Symphonieorchester ist der Schlagzeuger nur einen Dreck wert,“ sagte er, „aber in der Jazzband ist er der König!“ Wenn ich müde wurde, bat ich ihn: „Toni, Deutschland ist ein musikalisches Land. Ihr habt viele berühmte Komponisten und Musiker. Erzähl mir bitte, wer ist Leo Blech?“ Da hielt er mir einen Vortrag und gestikulierte dabei mit seiner einzigen Hand. Und ich ruhte mich aus. Wenn er ein Geräusch oder Schritte hörte, rief er: „Eugen, brauchts arbeiten, arbeiten!“[*] Ich nahm ein Werkzeug zur Hand und machte mich an die Arbeit.

1944 kamen „Käufer“ ganz anderer Art zu uns ins Lager. Sie sagten: „Die Sowjetmacht und Stalin sind schlecht. Es gibt die Möglichkeit gegen sie anzukämpfen. Dafür müsst ihr in die Russische Befreiungsarmee unter Wlassow eintreten!“ Ich hasste das totalitäre Regime des pockennarbigen Georgiers[**], aber die Perspektive, gegen meine eigenen Leute zu kämpfen, fand ich nicht verlockend. Zur Wlassow-Armee gingen drei Kategorien von Leuten: 1. Echte Feinde, die von der sowjetischen Regierung Benachteiligten, 2. Menschen, die nach dem Prinzip leben „Nach mir die Sintflut“. Es gab immerhin drei Zigaretten am Tag, eine bessere Balanda[***] … 3. Dumme Patrioten, die hofften, an die Front zu kommen und dort zu unseren Leuten überlaufen zu können und ihnen dann zu erklären, dass sie keine Verräter waren.

Fortsetzung folgt.

16.5.2010

Jew. Platonow.

****

[*] Deutsch geschrieben (d.Übers.).

[**] Gemeint ist Stalin.

[***] „Gefängnissuppe“.

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