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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

198. Freitagsbrief (vom März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Serdobsk
Gebiet Pensa
Wasilij Nikolajewitsch Wilkow.

Sehr geehrte Damen und Herren vom Verein „Kontakte-Kontakty“!

Diesen Brief schreibt Ihnen ein ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener. (…)

Bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht sofort geantwortet habe; es fällt mir schwer, mich an diese Zeit zurück zu erinnern. Ihr Brief hat mich sehr aufgewühlt: das erste Mal in meinem Leben zeigt jemand Interesse für das, was ich mitgemacht habe. Ich bin sehr froh über den Kontakt zu Ihnen.

Wenn ich ein Buch über mein Leben schreiben könnte, würde ich es „Ein Leben in der Hölle“ nennen. Eine Seite in diesem Buch füllt die Erzählung über den Krieg. Der Krieg lebt bis heute wie eine unverheilte Wunde in mir weiter und raubt mir in Form von Alpträumen den Schlaf. Bis jetzt kann ich nicht fassen, dass ich überleben konnte.

Am 25. April 1941 wurde ich in die Armee einberufen. Im September 1941 geriet ich nach einer Verwundung bei Tschernigow in Gefangenschaft. Die Kameraden schleppten mich mit, damit ich nicht erschossen würde. Wir wurden in einen Zug geladen und nach Görlitz gebracht. Danach wurde ich in ein Lager für Kriegsgefangene in Lamsdorf [Stalag VIIIB (318)] überführt, wo ich von Oktober 1941 bis Februar 1945 war. Von Februar bis April 1945 wurde ich in einem Lager für Kranke in Nürnberg behandelt, ich lag im Block Z.

Jetzt zum „Leben“ in der Gefangenschaft. In Görlitz wurden wir hinter Stacheldraht unter freiem Himmel gehalten. Wir gruben uns selbst Löcher, in denen wir „wohnten“. Meine zwei Kameraden schleppten mich jeden Tag zum Tor, wo wir einmal am Tag Essen bekamen: eine Balanda aus Wasser und kleinen Stücken Steckrüben und „Brot“.

Ich bekam Wundbrand und kam ins Lazarett. Dort wurden mir die Zehen amputiert, ohne Narkose, bei vollem Bewusstsein. Das war keine Operation, sondern eine Folter. Die Sanitäter und Ärzte waren auch Kriegsgefangene. Die Genesung dauerte lange angesichts der fehlenden Behandlung und Verpflegung und da es keine Medikamente gab. Dann wurde ich aus dem Lazarett entlassen und kam ins Lager Nr. 318. Meine Lagernummer war 16333. Wir wurden aus dem Lager für Kriegsgefangene an verschiedene Stellen geschickt, wo man Arbeitskräfte brauchte: im Steinbruch, an der Eisenbahnlinie, bei den Bauern. Die Arbeit war sehr schwer und umso schwerer für uns, die wir vom Hunger entkräftet waren. Essen bekamen wir einmal am Tag. Zu den Mülltonnen, wo die Schalen der Futterrüben entsorgt wurden, durften wir nicht. Wenn jemand trotzdem hin ging, wurde er erschossen. Wenn jemand nicht aufstehen konnte, um zur Arbeit zu gehen, wurde er verprügelt – so wollten sie prüfen, ob man nicht simulierte. Jeden Tag starben Dutzende Menschen. Wir hatten ein „Kaputt-Kommando“ aus Gefangenen. Sie sammelten die Toten ein, luden sie auf Karren und brachten sie dann zu Gruben, die vorher von Gefangenen ausgehoben worden waren. Wenn die Grube voll war, schütteten sie sie zu.

Außerdem hatten die Lagerwachen ihre „Spiele“. Sie stellten Gefangene an die Wand und schossen über ihre Köpfe hinweg. Oder sie ließen uns auf dem Kopf eine Kiste mit Sand tragen, die mit Nägeln bespickt war.

Befreit wurden wir von den amerikanischen Truppen. In Nürnberg, im Krankenlager, erkrankte ich an Typhus. Ich weiß nicht, wie viele Tage ich ohne Bewusstsein war. Ich wurde von amerikanischen Ärzten gesund gepflegt. Nach der Befreiung wurden wir den sowjetischen Truppen übergeben. Wir wurden durchs KGB „geschleust“ und dann nach Hause geschickt.

Ich war Invalide für mein ganzes Leben. In der Heimat sah man mich unter Stalin als Verräter an. Die Demütigungen, die ich zu Hause erleben musste, stehen aber schon auf einer anderen Seite im Buch meines Lebens. Jetzt schmerzt es mich, dass kaum jemand Lehren aus der Geschichte gezogen hat. Wieder gibt es Kriege, wieder Blutvergießen, Leid, Tod. Ich verstehe nicht, wozu das alles?

Mit den besten Wünschen und in aufrichtiger Dankbarkeit,

Wasilij Nikolajewitsch Wilkow.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe eine Bitte an Sie. Bitte teilen Sie mir mit, ob von den Lagern in Görlitz, Lamsdorf und Nürnberg noch etwas steht und ob von denen, die als Kriegsgefangene in diesen Lagern waren, noch jemand lebt. Ich bin jetzt sehr krank. Ich stehe auf der Warteliste für eine Behandlung im Bezirkskrankenhaus in Pensa. Ich hoffe sehr, dass ich den Tag des Sieges noch erleben werde.

Vielen Dank, W. N. Wilkow.

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