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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

197. Freitagsbrief (vom 21. Januar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Saratow
Konstantin Dmitrijewitsch Zibarew.

Am 16.1.2010 habe ich von den Mitgliedern Ihres Vereins und allen Mitarbeitern von „Kontakte“ einen Brief bekommen, der mich sehr berührt hat. Ja, ich wurde wirklich am 16. August 1941 im Gebiet Leningrad von deutschen Truppen in Gewahrsam genommen. Ich kam ins Lager für Kriegsgefangene Nr. 350 im Ort Salaspils (Lettland) und am 8.8.1942 wurde ich ins Lager für Kriegsgefangene Nr. 304 (IV H) in Zeithain (Deutschland), Wehrkreis Dresden, überführt. Später wurde ich ins Lager für Kriegsgefangene Nr. XIA Altengrabow (Deutschland, Wehrkreis Hannover) gebracht, meine persönliche Kriegsgefangenen-Nummer war IVH-36124.

So habe ich mir als zwanzigjähriger junger Mann in Folge des „süßen“ Lebens in der Gefangenschaft ein ganzes Sortiment an Krankheiten zugezogen, und sogar heute mit 89 Jahren treten mir Tränen in die Augen, wenn ich an damals zurückdenke. Zu essen bekamen wir Hirseschalen. Natürlich hatten wir großen Hunger, aber wenn man das aß, wurde einem der ganze Darm aufgebläht, man konnte nicht mehr auf die Toilette gehen und die Ärzte, die dort waren, sagten  Ach stirb doch einfach  und wollten uns nicht behandeln. So musste ich mir nachts ein Stück Draht suchen und den After reinigen. Jeden Morgen wachte man auf und hatte auf beiden Seiten Tote liegen. Wer noch lebte, der stand auf und ging zur Arbeit, und die Toten wurden alle in eine Grube geworfen.

Ich wundere mich immer noch, wie ich überleben konnte.

Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft diente ich von Juni 1945 bis zum 19.5.1946 als Pionier in einem Garderegiment. Ordentlich registriert wurde man nicht, weder bei Ihnen noch bei uns. Der Krieg war am 9. Mai 1945 zu Ende und bis 1999 konnte ich keine Bescheinigung über meine Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg bekommen. Ich galt als vermisst. Aber wenn es um Arbeit ging, da haben sie mich nicht vergessen. Ich habe 55 Jahre lang als Traktorfahrer in der Landwirtschaft gearbeitet – habe gepflügt, ausgesät, geerntet. Ich hatte oft einen Platz auf der Ehrentafel, aber die Rente, die ich mir erarbeitet habe, ist sehr klein, nun bekomme ich als Kriegsteilnehmer etwas mehr. Jetzt bin ich zu alledem auch noch auf beiden Augen erblindet.

Er ist Invalide dritten Grades. Ich bin seine Vertrauensperson und pflege ihn schon seit neun Jahren. Ich habe das alles für Sie aufgeschrieben, wie er es mir diktiert hat. Ich danke Ihnen für die Unterstützung in Höhe von 300 Euro, die Sie ihm haben zukommen lassen. Als die Benachrichtigung über den Erhalt des Geldes kam, habe ich ihm alles gesagt und erklärt. Er hat wieder geweint und sagte  Vielen Dank. Ich, Anna Michajlowna Kornejewa, habe eine vom Notar beglaubigte Vollmacht, so dass ich das Geld, 13 258 Rubel, in Empfang nehmen konnte. Das Geld wird er für die Beerdigung und den Bestatter gebrauchen können.

Seine Frau ist 1996 gestorben, sie hatten vier Söhne, die beiden jüngeren von ihnen sind gestorben, die älteren zwei sind am Leben und auch schon fast in Rente. Sie haben beide Familie, zwei Enkel haben gerade ihren Armeedienst abgeleistet. Und ich pflege ihn, weil ich nur eine kleine Rente habe.

Sagen Sie also bitte Ihren jungen Leuten, dass sich der Krieg nie wiederholen darf und dass wir auf friedlichem Wege Kompromisse finden müssen, mit Abkommen und Verhandlungen.

Mit den besten Wünschen für Sie,

Konstantin Dmitrijewitsch Zibarew
und Anna Michajlowna Kornejewa

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