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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

196. Freitagsbrief (aus dem Armenischen von Prof. Dr. Ashot Hayruni).

Smbat Arestakesjan
Eriwan
Armenien.

(…) Zuerst möchte ich Ihnen und dem Verein KONTAKTE-KONTAKTY meinen herzlichsten Dank für Ihre Spende (380 Dollar) zum Ausdruck bringen, die ich über unseren armenischen Verein erhalten habe. Im Oktober 1942 kämpften wir an der Frontlinie des Nordkaukasus (nahe von Naltschik). Eines Morgens waren wir dabei, Essen zu bekommen, als die Deutschen von allen Seiten anzugreifen begannen. Wir hatten gar nichts bei uns, noch nicht einmal Helme, um uns zu schützen. Ich hatte nur ein Messer, womit ich ein Loch in die Erde machte, um wenigstens meinen Kopf zu sichern. Ich wurde aber am Rücken verwundet. Die Bombardierung und Beschießung dauerte bis 14 Uhr. Dann kamen die Deutschen mit Panzern und begannen, uns noch am Leben gebliebene einzusammeln. Wer nicht imstande war aufzustehen, wurde an Ort und Stelle erschossen. Ich hatte einen nahen Freund, der am Gesäß verwundet war, und er wurde ebenso erschossen. Man trieb uns dann in das nahe gelegene Dorf und pferchte uns in einen Stall. Dort konnte ich mir den Rücken mit einem Lappen verbinden. 5–6 Tage verbrachten wir in diesem Stall. Die Deutschen gaben uns in diesen Tagen nichts zu Essen. Es waren allein die Dorfbewohner, die uns manches gaben. Dann brachten die Deutschen uns zu einem Güterzug, der 10–12 Waggons hatte, ließen uns einsteigen. Es war der 26. Oktober. Der Zug fuhr zwei oder drei Stunden, und dann blieb er einen Tag stehen, bis die Gleise wieder frei zur Fahrt waren. Das wiederholte sich mehrmals. In den 12 Tagen, die wir in den Waggons verbrachten, ließen uns die Deutschen nur fünfmal Essen zukommen, und zwar von Einwohnern der nahe gelegenen Dörfer. Um es zu kriegen, mussten wir unsere Kleider aneinander binden und dann das Essen durch ein als Fenster dienendes Loch zu uns ziehen. Die Schwächeren hatten dabei nicht jedes Mal das Glück, etwas zu erhalten. Ich selbst konnte nur dreimal ein Stück Brot oder etwas Gemüse bekommen. Mehr als der Hunger plagte uns der Durst. An den Wänden des Waggons bildete sich eine dünne Schicht Reif. Wir berührten ihn mit unseren Fingern und brachten uns die Finger zum Mund, damit er nass würde. Die Stärkeren von uns rieben den Reif durch ihre Nägel in ihre Wasserbehälter, während sie uns nicht mitmachen ließen. In einer Nachtstunde, als einer von ihnen neben mir schlief, nahm ich seinen Behälter, der zur Hälfte voll Wasser war und neben seinem Kopf stand. Ich trank ein Schlückchen daraus und stellte den Behälter wieder neben ihn. Als ich es in der folgenden Nacht wieder versuchte, gab es darin kein Wasser, sondern Urin.

Mehrere von uns überstanden diese schreckliche Fahrt nicht. Ihre Leichen wurden einfach aus dem Waggon geworfen. Nach 12 Tagen kamen wir in Lwow an. Als man die Türen öffnete, fragte man, ob es unter uns Kranke gäbe. Meine beiden Füße waren erfroren und der Lappen, mit dem mein Rücken verbunden war, blieb an der Wunde kleben. Wir kamen aus dem Waggon heraus. Meine erfrorenen Füße waren geschwollen, so dass ich die Schuhe nicht ausziehen konnte. Ein Deutscher schnitt mit einem Dolch meine Schuhe durch, und erst danach konnte ich sie ausziehen. Ich sowie die anderen, die nicht mehr laufen konnten, wurden auf einem Pferdewagen ins Lazarett des Lagers [Stalag 325] gebracht. Dort brachte man uns Balanda [1]. Wer einen Behälter bei sich hatte, konnte sie bekommen, und wer das nicht hatte, bekam nichts. Da ich keinen Behälter hatte, erhielt ich am ersten Tag keine Balanda. Am nächsten Morgen kamen Gefangene aus dem Lager, die sich darüber informieren wollten, was wir gegen andere Sachen tauschen könnten. Einer von ihnen hatte einen Topf mitgebracht. Ich fragte ihn, was er dafür bekommen wolle. Und er sagte mir, dass er eine Nadel brauchte. An meiner Mütze (Pilotka) hatte ich eine Nadel. Ich gab sie ihm und bekam den Topf. Ich konnte nun Balanda bekommen. Nachdem ich 10 Tage dort geblieben und schon wieder imstande war zu laufen, gab man mir hölzerne Schuhe, und ich ging ins Lager. Es bestand aus großen Baracken, wo sich 5–10 000 Kriegsgefangene befanden. Am nächsten Morgen, als wir in Arbeitsgruppen verteilt wurden, übergab man unserer Gruppe einen Pferdewagen und befahl uns, in eine bestimmte Richtung zu fahren. Wir kamen zu einem Gebäude, wo wir halt machten. Der Wächter befahl uns, die Türen aufzumachen. Als wir das machten, sahen wir da drinnen zahlreiche Leichen, die aufeinander gehäuft waren. Er befahl uns, sie auf den Wagen zu legen. Wir fuhren sie dann zu einer Grube, legten sie darein und schütteten Erde auf sie. Dann wurde uns befohlen, zurück in die Baracke zu gehen. Das gleiche wiederholte sich fünf Tage. Inzwischen wurde die Grube voll von Leichen. Ich suchte Wege, um mit den anderen zur Arbeit nach draußen zu kommen, nicht nur wegen des Grauens der hiesigen „Arbeit“, sondern auch wegen des starken alltäglichen Hungers. Nur auf Balanda angewiesen, würde ich nicht länger aushalten, während diejenigen, die zur Arbeit gingen, oft irgendein Gemüse, sonstige essbare Pflanzen oder etwas anderes mit ins Lager bringen konnten. Ich konnte mich einer anderen Brigade anschließen und ging mit ihnen. Da ich kein Raucher war, brachte ich abends oft Zigarettenreste mit ins Lager und tauschte sie gegen Brot. Ich blieb in diesem Lager über ein Jahr. Im Jahr 1943 brachte man mich mit vielen anderen Kameraden nach Deutschland, nicht weit von Breslau. Ein Teil von uns wurde dort in Bergwerken zur Arbeit eingesetzt. Die anderen, unter ihnen auch ich, wurden auf dem Bahnhof mit Ein- und Ausladen beauftragt. Von dort brachte man uns in die Tschechoslowakei, in die Nähe von Prag, wo wir bis zum Kriegsende blieben. Anfang Mai wurde die Nachricht verbreitet, dass Adolf Hitler bei Besichtigung der Frontlinie plötzlich gestorben sei. So sollten es die Zeitungen berichtet haben. Am 9. Mai wurde uns bekannt, dass der Krieg schon beendet sei. Unsere Befreiung erfolgte am 11. Mai. Es dauerte über zwei Monate, bis wir nach mehreren Verhören in den Filtrationsstellen [2] die Erlaubnis bekamen, zurück in die Heimat zu kehren.

Mit herzlichsten Grüssen

Smbat Aristakesjan

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[1] Balanda = Gefängnissuppe

[2] Alle sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nach der Befreiung in „Filtrationslagern“ vom NKWD verhört.

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