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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

195. Freitagsbrief (vom Januar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Saratow
Iwan Michailowitsch Polubarinow
[Es schreibt die Tochter Ljudmila Iwanowna Polubarinowa].

(…) Unser besonderer Dank gilt den heutigen deutschen Bürgern, denen das Schicksal der Menschen, die in Nazi-Gewahrsam unmenschliches Leid erfahren haben, nicht gleichgültig ist, die Mitgefühl zeigen und für die ehemaligen Kriegsgefangenen spenden.

Ihnen schreibt die Tochter von Iwan Michailowitsch Polubarinow, mein Name ist Ljudmila Iwanowna Polubarinowa. Leider ist mein Vater so alt, dass er Ihnen nicht selbst von der Zeit in der Gefangenschaft schreiben kann, denn am 1. Februar 2010 wird er 100 Jahre alt! Als ich ihm Ihren Brief vorgelesen habe, hat es ihn sehr berührt, dass es in Deutschland Menschen gibt, die den vergangenen Krieg nicht vergessen haben, obwohl er so lange zurückliegt, und alles dafür tun, dass die junge Generation von den grausamen Verbrechen erfährt, die der Faschismus über die Völker Europas und der Sowjetunion gebracht hat.

Meinem Vater fällt es aufgrund seines Alters und seines gesundheitlichen Zustandes sehr schwer, sich die Ereignisse dieser Jahre wieder ins Gedächtnis zu rufen. Deshalb schicke ich Ihnen eine Kopie einer Bescheinigung aus dem Archiv, in denen Sie Ergänzungen zu einzelnen Daten finden können.

Ich beginne damit, dass mein Vater am 19.3.1941 in die Rote Armee einberufen wurde, er kam als Soldat zum 241. selbständigen Bau-Schützenbataillon und die Einheit wurde nach Litauen zur Befestigung der Grenzanlagen verlegt (von Beruf ist er Zimmermann). Als dann am Morgen des 22. Juni deutsche Flugzeuge über ihre Köpfe hinwegflogen, da befand sich sein ganzes Bataillon – das nichts außer Zimmermanns- und Bauwerkzeug zur Verfügung hatte – plötzlich auf besetztem Gebiet. Als alle begriffen hatten, dass Krieg war, wurde das Bataillon in Untereinheiten geteilt, die einzeln versuchten, sich nach Osten zu den eigenen Truppen durchzuschlagen. Am 3. Juli 1941 wurde seine Untereinheit aber von litauischen Polizai umzingelt, die sie an die Deutschen auslieferten, und bis August 1942 war Vater in einem Lager für Kriegsgefangene in Schaulen [Stalag 361] in der Litauischen SSR.

Im August 1942 brachten sie ihn zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Er wurde dreimal in ein anderes Lager überführt. Das letzte Lager, in dem mein Vater zur Zwangsarbeit war, war in Radeberg, wo sie im holzverarbeitenden Betrieb Megel arbeiten mussten.

Vater war bis zum 9. Mai 1945 in diesem Lager, zweimal wäre er beinahe erschossen worden. Die Menschen im Lager, die durch die unmenschlich schwere Arbeit und den Hunger völlig entkräftet waren, stahlen in ihrer Not verfaulte Kartoffeln und Kartoffelschalen vom Müll. Beide Male rettete Gott ihn vor dem Tod. Jeder Zweite wurde erschossen, so lange, bis der, der gestohlen hatte, den Diebstahl zugab. Dann hörten die Nazis mit dem Erschießen auf.

So ging es noch drei Jahre weiter.

Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft kehrte Vater nach Hause zurück und arbeitete wieder als Schreiner im Betrieb. 42 Jahre hat er dort gearbeitet.

Vor dem Krieg wurden seine beiden ersten Kinder geboren, und als er zurückkam, waren sie schon sieben Jahre (mein Bruder) und vier Jahre (meine Schwester) alt (Meine Schwester wurde vier Tage, nachdem er zur Armee einberufen wurde, geboren. So erfuhr er erst vier Jahre später bei seiner Rückkehr, dass er eine Tochter hatte).

Ich wurde 1948 geboren. Ich habe eine Tochter, sie lebt und arbeitet in den USA. Mein Bruder und meine Schwester sind schon gestorben. Jetzt leben mein Vater und ich zu Zweit.

Als ich 12–14 Jahre alt war, habe ich meinen Vater oft gefragt, warum er nie vom Krieg oder von der Gefangenschaft erzählt. Er antwortete, dass alle, die aus deutscher Gefangenschaft zurückgekehrt sind, einer Sonderüberprüfung („Filtration“) unterzogen und für zehn Jahre nach Sibirien verbannt wurden, auch wenn man ihnen keine Verbrechen gegen die Heimat nachweisen konnte. Da verstand ich, warum Vater den größten Teil seines Lebens jedes Mal zusammenfuhr oder nachts aufwachte, wenn vor unserem Haus ein Auto (das Volk nannte diese Autos „schwarze Raben“) hielt und Leute mitnahm, die dann für zehn Jahre verschwanden. Erst als die Regierung der UdSSR offiziell die ehemaligen Gefangenen der Nazi-Lager als Kriegsteilnehmer anerkannte, erhielt mein Vater alle Bürgerrechte.

Am 11.6.1990 bekam er eine Bescheinigung, die ihn als Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg ausweist. Erst danach konnte Vater frei atmen und dieser Tag war neben dem 9. Mai 1945 der zweitglücklichste Tag in seinem Leben.

Leider kann man das von vier Brüdern meines Vaters nicht sagen, die alle in diesem Krieg ums Leben gekommen sind; einer starb in der Gefangenschaft in Deutschland am Hunger. Nur einer der Brüder meines Vaters durchlief den ganzen Krieg, kam bis nach Berlin und kehrte mit Orden auf der Brust nach Hause zurück.

All das wollte ich Ihnen im Namen meines Vaters berichten.

Ich möchte den Mitarbeitern von „Kontakte“ nochmals danken für die Anerkennung und Anteilnahme am Schicksal meines Vaters, und dafür, dass die deutschen Bürger des Großen Vaterländischen Krieges gedenken. Ich glaube daran, dass unsere Kinder und Enkel niemals die Gräuel erleben werden, die unsere Väter haben durchmachen müssen.

Mit den besten Wünschen,

die Familie Polubarinow.

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