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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

194. Freitagsbrief (vom Oktober 2008, aus dem Russischen von Gesine Reinwarth).

Ukraine
Dnepropetrowsk
Jewgenij Nikolajewitsch Simin.

(…)

Vielen Dank für die Hilfe und die Aufmerksamkeit, ich erhielt Ihren Brief – noch einmal vielen Dank.

Ich versuche, über mein Schicksal zu schreiben: Der Militärzug mit den Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion kam in Deutschland im August des Jahres 1943 im Lager „Festfal“ [wahrscheinlich Stalag 326 Stukenbrock] an, einem Lager für Kriegsgefangene. Ein großer Teil der sowjetischen Gefangenen wurde nach Frankreich zur Arbeit im Schacht gebracht. Eine Partie, darunter auch ich, brachte man in die Stadt Nürnberg – die Stadt liegt unten, auf dem Berg das russische Gefangenenlager und ein Lager mit Offizieren der jugoslawischen Armee. Die gewöhnliche Verpflegung bestand aus Brotersatz [im Original mit kyrillischen Buchstaben] 200 Gramm pro Tag, Suppe zum Mittag aus Kohlrabi. Außer diesen Grundnahrungsmitteln erhielten die russischen Gefangenen eine Kelle voll Reste, welche vom jugoslawischen Offizierslager gebracht wurden. Dieses Lager erhielt Hilfe vom Roten Kreuz. Etwa nach einem Monat kam ein Mann ins Lager, ein Waldbesitzer oder Förster. Ihm gab man ein Kommando von 98 Leuten mit, darunter auch ich, um Bäume zu pflanzen. Die Bäume setzten wir oberhalb der Dörfer Burgsinn oder Mittelsinn, Obersinn (im bayrischen Spessart], die Bäume waren Eichen.

Zwei Monate später kam ein Konvoi aus der Kompanie, um mich und noch einen in das Lager bei Würzburg abzuholen. Unser Ziel war die Fabrik Koenig & Bauer, ich als Elektriker von Beruf und er als Schmied. Ich erinnere mich an den Meister der Elektroabteilung Steiner und an einen älteren Elektriker Rügemer, damals waren sie schon älter. Ich lernte vieles über die Elektrotechnik, und nach dem Krieg habe ich dann noch 48 Jahre als Elektriker gearbeitet. Bayern ist ein schöner Landstrich in Deutschland, die Bevölkerung ist ehrerbietig, der Umgang zwischen Gefangenen und Bevölkerung war offenbar verboten, aber wir merkten doch, dass die Deutschen sich zu den russischen Kriegsgefangenen eher freundlich verhielten. Wenn es diese Fabrik noch gibt und sie auch noch in Betrieb ist, wünsche ich den Arbeitern Glück und Wohlergehen. Ihre Väter und Großvater waren gute Deutsche. [Koenig & Bauer waren Druckmaschinenhersteller]

Im März 1945 bombardierten die Amerikaner die Fabrik von Koenig & Bauer. Die russischen Kriegsgefangenen brachte man trotz allem zur Arbeit auf dem geheimen Flugplatz Kübel, wo die Erprobung eines Jagdflugzeugs mit Raketenantrieb lief (Das Grundstück gehörte dem Konstrukteur Braun).

Im Mai 1945 endete der Krieg.

Die Amerikaner verfrachteten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion in Autos und brachten sie an die Grenze zu Polen. Bis zur sowjetischen Grenze musste man sich selbst durchschlagen. Es gingen Züge, die Waggons waren mit Kohle aus der Reparationsleistung beladen, auf so einem Zug fuhr ich mit bis in die Westukraine, Gebiet Lwow, Station Mostyk.

In Mostyk war alles durch Soldaten blockiert, alle wurden festgehalten und in ein Lager zur Überprüfung gebracht. Die Fingerabdrücke wurden abgenommen, man fragte, welcher Armeeteil, wo in Gefangenschaft geraten, wo in Deutschland gewesen usw. Frauen und Verwundete wurden an den Heimatort entlassen, die Männer wurden in Kolonnen eingeteilt und zur Arbeit geschickt – in Fabriken, Schächte, auf Baustellen. Nach Norden, nach Magadan, Sibirien, in den Ural, die Ukraine, nach Belarus und in andere Gegenden der Sowjetunion.

Ich kam nach Drogobytsch im Gebiet Lwow. Ich arbeitete als Elektriker und Mechaniker in der örtlichen Industrie. Stalin sagte: „Bei uns gibt es keine Kriegsgefangenen, nur Hochverräter.“ Deshalb begrüßte uns die Heimat auf diese Weise. Die ehemaligen Kriegsgefangenen hatten keine Bürgerrechte. Zu ihrer Verteidigung standen gesellschaftliche Organisationen, Dichter und als erster in Presse und Radio Sergej Smirnow auf.

Im Jahre 1946 erhielten wir nach Auswertung der Untersuchungen im Lager einen Pass und Armeebilletts, wir wurden als Kriegsveteranen anerkannt. Ich wurde zur Arbeit in das Dorf Radlowitschi im Gebiet Lwow kommandiert, um eine 3 km lange Hochspannungsleitung zu bauen, um Holzverarbeitungsmaschinen aufzustellen und anzuschließen (das Gebäude war schon fertig), die Arbeitskräfte an den Maschinen waren deutsche Kriegsgefangene. Am Stadtrand von Lwow war ein großes Lager von deutschen Kriegsgefangenen, es wurden Fachkräfte heraus gesucht und jeden Morgen mit Autos zur Arbeit gefahren. Bei uns war ein Koch – eine Frau, die das Mittagessen kochte. Wir aßen alle zusammen unter freiem Himmel. Nach einem Monat war die Arbeit beendet, ich fuhr zurück nach Drogobytsch.

1947 begann ich in der Autowerkstatt 167 als Elektromeister zu arbeiten. Da waren etwa 20 Werkbänke – Drehmaschinen, Fräsmaschinen, Schleifmaschinen, an denen arbeiteten kriegsgefangene Deutsche. Ich betreute diesen Maschinenpark wieder mit Deutschen zusammen.

Im September 1948 wurde ich aus Drogobytsch nach Magadan abkommandiert. In Lwow saßen auf dem Bahnhof und auf den Bahnsteigen deutsche Kriegsgefangene in Gruppen in Erwartung ihrer Heimreise.

Lwow – Moskau – Wladiwostok – Nachodka-Bucht. Fast zwei Monate wartete ich auf das Schiff von der Nagajew-Bucht nach Magadan. In dieser Zeit sollten japanische Kriegsgefangenen nach Hause zurückkehren.

Ich beschreibe die Tragödie der japanischen Kriegsgefangenen. Jeden Morgen ging ich in die Bucht hinunter in Erwartung des Dampfers für die Japaner. Es kamen drei kleine Dampfer, sie nahmen jeder ungefähr 3000 Menschen an Bord. Die Japaner kamen in Uniform und singend zur Nagajew-Bucht, sie sangen sogar das russische „Katjuscha“-Lied. Dann kamen 7 Tage lang keine Schiffe aus Japan. Schließlich kam ein großer Dampfer, nahm 9000 Menschen auf. Während des Einschiffens ging ich zu einem Grenzoffizier und fragte: „Wo sind denn die kleinen Dampfer geblieben (die Leute sagten ‚Schachteln‘ dazu)?“ Der Offizier antwortete entrüstet: „Sie sind in neutrale Gewässer gebracht worden, aber in Japan sind sie nicht angekommen. Irgendwer hat sie versenkt.“ 9000 Menschen plus Besatzung. Und zu Hause warteten die Eltern, die Frauen, die Kinder.

„In jedem Land ist die Macht eine Gewalt“

Noch eine Begebenheit aus Magadan – die humane Rechtsprechung der ehemaligen Sowjetunion. Nach meinem Vertrag war ich als Zivilangestellter Mitarbeiter des Kommandeurs des Nachrichtenzuges, und der Kommandeur hatte den Rang eines Hauptfeldwebels (Starschina). Aus einem Lager flohen zwei Häftlinge, schnell wurde die Verfolgung organisiert. Bei der Festnahme wurden sie in die Einheit gebracht, wo ich diente, wegen der Dokumente. Einige Soldaten waren nicht abgeneigt, sie zu verprügeln, aber ich trat für sie ein und unterhielt mich dann mit ihnen. Sie waren seit 10 Jahren Flieger. Einer war Jagdflieger, im Kampf wurde er abgeschossen und verwundet, nach dem Krankenhaus kam er in ein Ausbildungsregiment. Während des Unterrichts erzählte er den Kursanten einen Witz über Stalin und wurde zu 10 Jahren verurteilt.

Der andere Flieger war älter, den ganzen Krieg über hatte er schwere Bomber geflogen. Als er in die Sowjetunion zurückkehren sollte, kam ein russischer Offizier zu ihm und bot ihm ein neues Motorrad vom Typ „Zündapp“ an, das nahm er mit ins Flugzeug und brachte es nach Hause. Eines Tages fuhr er so auf dem Flugplatz herum, als eine Gruppe anderer Fliegeroffiziere zu ihm kam und fragte: „Und wie ist das Motorrad?“ Er antwortete: „Das ist mein liebstes Stück.“ Für die Begeisterung für ausländische Technik erhielt er 10 Jahre. In Magadan wurden diese Ausbrecher für ihre Flucht von einem Militärgericht zu 25 Jahren Lager verurteilt. Ehemalige Häftlinge werden nicht von einem zivilen Gericht abgeurteilt, sondern vom Militärgericht.

Jetzt über mich. Ich lebe seit 1953 in der Ukraine, in der Stadt Nikopol, Gebiet Dnepropetrowsk. Ich bin 84 Jahre alt, habe zu Beginn des Jahres 2008 den 3. Herzinfarkt überstanden. Die Versorgung ist in der Ukraine noch nicht so organisiert wie z.B. in England oder in Deutschland. Seit 2004 haben sich die Arzneimittelpreise verdoppelt. Meine Familie – das sind meine Frau, zwei Kinder, drei Enkel und vier Urenkel.

Auf Wiedersehen, Glück und Gesundheit!

Kriegsveteran und Invalide der 1. Gruppe
Simin, Jewgenij Nikolajewitsch.

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