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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

193. Freitagsbrief (erhalten im Dezember 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Daschi Abidujewitsch Chajdapow
Russland
Ulan-Ude.

(…) Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien viel Glück und Gesundheit!

Zuerst möchte ich Ihnen bestätigen, dass ich Ihren Brief und die Unterstützung in Höhe von 300 Euro bereits vor längerer Zeit erhalten habe, wofür ich Ihnen sehr danke, auch im Namen meiner Leidensgenossen. Die Anteilnahme, Feinfühligkeit und Güte der Menschen, die diese Aktion ins Leben gerufen haben, hat mich sehr berührt.

Ihr Brief hat mir Vieles aus dieser Zeit wieder ins Gedächtnis gerufen. Ich war jung. Ich bin in einer armen Familie groß geworden, sogar Margarine habe ich zum ersten Mal im Konzentrationslager gegessen. Die Marmelade, die aus Fässern auf den Bahnsteig gekippt wurde, kam mir wie eine Delikatesse vor. Vielleicht konnte ich genau deshalb überleben. Man sagt schließlich, das Wichtigste ist die innere Einstellung!

Natürlich gab es auch sehr schwere Zeiten. Wenn ich von allem schreiben würde, käme ein ganzer Roman dabei heraus. Ich habe gesehen, dass diejenigen, die älter waren als ich, es viel schwerer hatten, und viele haben nicht durchgehalten – sie starben an Kälte, Hunger und Krankheiten. Als ich im „Kaputt-Kommando“ [*] arbeitete, haben wir die Toten in ganzen Haufen in vorher ausgehobene Gruben geworfen. Von den Leuten aus dem Kaukasus, einem sehr fruchtbaren Gebiet, sind besonders viele gestorben. Ich denke, dass unsere „Mutter“ Sibirien uns körperlich und geistig abgehärtet hat. Fast alle meine Landsleute von dort sind nach Hause zurückgekehrt.

Manchmal hatten wir Glück und kamen in einen Arbeitstrupp, der bei deutschen Familien arbeiten musste. Dort bekamen wir Linsen mit Speck. In dieser Zeit war es ein unbeschreibliches Glück, wenn man sich mal richtig satt essen konnte. Wenn es gelang, ein paar Kartoffeln zu finden, dann versteckten wir sie unter dem Kopfkissen, um möglichst lang davon zu essen. In den Baracken war es kalt. In der Mitte stand ein Ofen, der aus einem Fass gemacht war, in dem das Feuer gerade mal schwelte. Zu Essen bekamen wir einmal am Tag eine Brühe, Gott allein weiß, woraus sie hergestellt war. Eine Schöpfkelle pro Person. Unter uns war ein großgewachsener Burjate – ihm schenkten sie zwei Schöpfkellen ein, vielleicht aus Mitleid oder aus Interesse an diesem ungewöhnlichen Menschenexemplar.

Sie haben mich gebeten, von meinem Leben heute zu schreiben und was ich heute denke. In zwei Sätzen lässt sich das nicht sagen. Nach der Heimkehr arbeitete ich erst als Mathematiklehrer in der Schule und beschloss dann, noch eine richtige Ausbildung zu machen. Ich begann ein Studium an der Fakultät für Physik und Mathematik. Nach dem Studium bekam ich eine Stelle am Lehrstuhl und habe bis zur Rente dort Geometrie gelehrt.

Jetzt bin ich 85 Jahre alt. Ich habe drei Kinder, fünf Enkel und zwei Urenkel. Ich bin froh, dass ich damals überlebte, viel gesehen und erlebt habe. Natürlich würde ich gerne mal zu den Orten fahren, wo ich war, und mir ansehen, was sich dort geändert hat.

Haben Sie nochmals Vielen Dank und alle, die an dieser Aktion teilgenommen haben!

Daschi Abidujewitsch Chajdapow, 2007

PS. Dieser Brief wurde bereits vor einem Jahr geschrieben. In tiefer Trauer müssen wir Ihnen mitteilen, dass Daschi Abidujewitsch Chajdanow am 26.11.2008 nach plötzlicher Krankheit von uns gegangen ist.

In seinem Namen und im Namen seiner ganzen Familie möchte ich Ihnen unseren Dank aussprechen!

Die Ehefrau – Lchamashap Manshipowna Badmajewa, seine Kinder und Enkel

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[*] im Original deutsch geschrieben

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