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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

192. Freitagsbrief (März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Pensa
Andrej Jegorowitsch Susgajew
Es schreibt die Tochter Valentina Andrejewna.

(…)

Diesen Brief schreibt Ihnen Valentina Andrejewna, die Tochter von Andrej Jegorowitsch Susgajew. Er kann Ihnen selbst nicht mehr schreiben. In seinem Namen und im Namen unserer ganzen Familie möchte ich Ihnen unseren herzlichen Dank für Ihren Brief und die humanitäre Hilfe aussprechen, die Vater von Ihrer Organisation bekommen hat. Sie können sich gar nicht vorstellen, was er und wir empfunden haben, als wir Ihren Brief gelesen haben, und nicht die humanitäre Hilfe (wie hoch auch immer) war es, die uns zum Weinen brachte, sondern es waren die Worte, auf die Vater sein ganzes Leben lang gewartet hat. Worte der Entschuldigung für das schreckliche Leid der fünf Jahre in deutschen Kriegsgefangenenlagern. Er hat geweint wie ein kleines Kind, als er Ihren Brief gelesen hat.

Ich möchte Ihnen kurz von seinem Leben erzählen. Seit ich mich erinnern kann, konnte Vater keine Filme über den Krieg ansehen, wir haben dann immer den Fernseher ausgeschaltet. Von der Zeit in der Gefangenschaft, von den Höllenqualen, die er dort durchlebt hat, hat er uns erst erzählt, als wir schon erwachsen waren. Er ist nur am Leben geblieben, weil ein Bauer ihn zur Arbeit auf dem Feld mitgenommen hat, zur Kartoffelernte. Er hat uns davon erzählt, wie sie diese schmutzigen, rohen Kartoffeln gegessen haben, und dass dann viele an Magenschmerzen gestorben sind. Bis heute mag er sehr Gerichte aus Kartoffeln und sagt: „Sie waren meine Rettung“. 1946 ist Vater nach Hause zurück gekommen. Unsere Mutter hat ganze sieben Jahre auf ihn gewartet. Sie (…) haben 63 Jahre in Liebe und Eintracht miteinander verbracht. Vor dem Krieg hat Vater eine Ausbildung am Pädagogischen Institut gemacht. Nach der Heimkehr fand er eine Arbeit als Lehrer in der Schule in Dubrowki und hat dort 50 Jahre lang gearbeitet. Alle Bewohner dieses großen Dorfes waren seine Schüler, oder genauer: die Schüler von Mutter und Vater, denn Mutter hat in der Schule 40 Jahre lang die Grundschüler unterrichtet. Mutter und Vater waren und sind die angesehensten Menschen im Dorf. Bis heute schreiben ihnen ihre ehemaligen Schüler aus allen Ecken Russlands oder rufen an, und sie sprechen mit so viel Achtung und Liebe von ihnen, dass ich, ihre Tochter, ein wenig neidisch werde. (…)

Bis zum Jahr 2000 haben Mutter und Vater in ihrem Haus in Dubrowki gelebt. Dann aber ist Mutter krank geworden und ich habe beide zu mir nach Nikolsk geholt, so dass ich mich um sie kümmern konnte. Im Mai 2009 ist Mutter gestorben. Jetzt leben Vater und ich alleine. Es sagt oft zu mir: „Meine liebe Tochter, was bin ich doch für ein glücklicher Mensch. Ich bin am Leben geblieben, bin nicht in den Lagern gestorben. Meine geliebte Frau hat auf mich gewartet und hat mir drei wunderbare Töchter geboren. 50 Jahre habe ich in meiner geliebten Schule gearbeitet und habe nicht nur eine Generation meiner Schüler ins Leben begleitet, und ich bin sehr stolz auf sie.“ Ich höre zu und merke, wie viel Licht und Freude in seinen Worten liegen. Wahrscheinlich kann man das Leben nur dann so lieben, wenn man alle Höllenqualen auf unserer sündhaften Erde hat durchmachen müssen, aber allen dafür verziehen hat.

Vater ist jetzt 91 Jahre alt, natürlich macht sich das Alter bemerkbar, er hat Schmerzen in den Beinen, Herz und Gelenke schmerzen. Vor Kurzem war er zwei Monate im Krankenhaus in Pensa. Aber er ist Optimist und freut sich über jeden Tag, den er erleben kann. Und ich bete zu Gott, dass er lange leben möge, damit er uns weiter mit seinem Licht, seiner Wärme und Güte erwärmen kann.

Ich möchte Ihnen nochmals für Ihre Anerkennung und Anteilnahme danken. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und Wohlergehen und außerdem weiterhin viel Erfolg bei Ihrer so wichtigen Arbeit. Möge Gott Ihnen dabei beistehen!

Mit den besten Grüßen,
Andrej Jegorowitsch
Valentina Andrejewna

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