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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

191. Freitagsbrief (vom März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wladimir Nikolajewitsch Kalnin
Ukraine
Berditschew.

Sehr geehrter Dmitri Stratievski!

Ich sehe, dass es Ihnen leichter fällt, auf Russisch zu schreiben als auf Ukrainisch, deshalb will ich Ihnen auch auf Russisch antworten.

(…)

Wie Sie wissen, bin ich auf dem linken Auge blind und am rechten Auge habe ich grauen Star, deshalb fallen mir sowohl das Lesen als auch das Schreiben schwer; dazu kommt, dass ich, wenn ich den 20. Mai 2010 noch erlebe, bald 92 Jahre alt werde – Sie verstehen …

Trotzdem habe ich mich entschlossen, Ihnen noch einmal einige Erinnerungen aus meiner Zeit in der Gefangenschaft zu schreiben.

(…)

Aus dem Gefängnis in Luzk wurde ich ins Konzentrationslager in Chelm [Stalag 319] gebracht, das am Stadtrand lag und in dem 60 000 Kriegsgefangene waren. Am Lagereingang war an der rechten Seite ein Mann mit Stacheldraht an einen Pfosten gebunden und verblutete, ich weiß nicht mehr, was er sich hatte zuschulden kommen lassen. Es war verboten, sich ihm zu nähern. Während der ganzen Zeit im Luzker Gefängnis (und ich war dort etwa anderthalb Monate), hatte ich nicht nur kein Brot gegessen, ich hatte nicht mal welches zu Gesicht bekommen. Eines Abends kam eine Kolonne neuer Kriegsgefangener, sie hatten offensichtlich lange nichts zu essen bekommen und man hatte beschlossen, ihnen eine Marschverpflegung zu geben, einen Kasten Brot à 80 g [?] für zehn Personen und einen Löffel Marmelade. Als ich das Brot sah, wurde ich wie vom Fieber geschüttelt. Da fiel mir ein, dass ich die Uhr meines Vaters in der Hosentasche hatte. Ich tauschte sie gegen eine Portion Brot mit Marmelade, aß es sofort auf und fühlte mich wie neu geboren. Ich hatte Stiefel aus Chromleder, nur waren sie so schmutzig, dass man kaum erkennen konnte, aus welchem Material sie waren. Einmal wurde ein Kriegsgefangener, der zum Arbeitseinsatz gebracht wurde, auf meine Stiefel aufmerksam, er fragte mich, was für Stiefel ich hätte, und als ich antwortete, Stiefel aus Chromleder, da schlug er mir vor, sie den Polen zu verkaufen. Ich willigte ein, wickelte mir Fußlappen um die Füße und zog Holzschuhe an. Am Abend gab er mir für meine Stiefel elf Zigaretten. Für zwei Zigaretten kaufte ich mir Schuhe aus Juchtenleder, die restlichen neun Zigaretten tauschten mein Zugführer-Gehilfe Sitschkarew (von ihm habe ich beim letzten Mal schon geschrieben) und ich bei den Polizaj gegen Rübensuppe ein (0,5 Zigaretten für eine Portion Suppe). Sehr schade, dass er diese Möglichkeit nicht bis zum Schluss ausnutzen konnte – er starb.

Einmal sah ich, dass ein Kriegsgefangener aus Fünfkopekenstücken Verlobungsringe anfertigte. Ich dachte mir, warum soll ich nicht auch diesem Handwerk nachgehen. Ich bat einen Kameraden, der zur Arbeit ging, bei den Polen um eine Dreiecksfeile, einen kleinen Hammer, Meißel und Schmirgelpapier zu bitten.

Nach einer Weile brachte er mir alle diese Werkzeuge und ich machte mich an die Arbeit. Am ersten Ring arbeitete ich drei Tage und er gelang mir nicht schlecht. Ich schliff ihn so lange, bis er wie Gold glänzte. Ich bot ihn einem der Wachen an, er probierte ihn an und sagte, ich solle warten. Nach einer halben Stunde brachte er mir einen Kasten trockenes Brot und nahm sich den Ring. Sie können sich nicht vorstellen, wie wir uns gefreut haben. Von da an verdienten mein Kollege und ich uns fast jeden Tag zur Rübensuppe noch ein Stück Brot dazu – und das stärkte uns sehr.

Eine Zeit danach sah ich, dass ein Kriegsgefangener aus Blechnäpfen Zigarettenetuis herstellte. Das war viel leichter als Ringe anzufertigen, nun konnte ich beides machen. Den Soldaten gefielen diese Souvenirs, und uns gefiel das Brot, das uns Leben schenkte.

(…)

Bald darauf gingen Gerüchte durchs Lager, dass sie uns nach Norwegen bringen würden. Jeder nahm diese Nachricht auf seine Weise auf. Eines Tages mussten wir schließlich zum Appell antreten, einige Offiziere kamen ins Lager und sonderten Arbeitskräfte aus. Wer an ihnen vorbeiging, ohne zu schwanken, musste nach Vorne gehen, wer schwach war, kam zurück in den Keller. Die Abgesonderten (unter ihnen auch ich) führten sie zum Bahnhof, dort wurden wir in Waggons verladen und nach Hamburg gebracht, in ein Durchgangslager. Nach ein paar Tagen kamen wir auf ein Schiff und fuhren nach Norwegen. Auf See wurden wir von einer Luftwaffe bombardiert, eine Bombe explodierte direkt am Heck unseres Schiffes, so dass es fast gekippt wäre, aber keinen Schaden nahm.

Sobald wir auf dem Schiff waren, wurden wir ganz anders verpflegt, da sie in Norwegen Arbeitskräfte brauchten und keine Leichen.

(…)

Mit den besten Grüßen,

W. N. Kalnin.

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