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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

190. Freitagsbrief (vom 4. März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Stavropol
Michail K. Scharlamow.

Als ich Ihren Brief bekommen habe, hat es mich sehr berührt, dass die Deutschen noch mit Anteilnahme an die fünf Jahre des von den Nazi-Faschisten angezettelten Zweiten Weltkrieges denken. Gegen unseren Willen sind wir in Gefangenschaft geraten, wo wir als unschuldige junge Soldaten in den Lagern des Feindes Schreckliches erleiden und hungern mussten und zu Sklavenarbeit gezwungen wurden. Die Handlanger und Henker der Nazis schlugen und töteten erbarmungslos und ungestraft jeden Gefangenen, der ihnen nicht gefiel.

Ich war damals 21 Jahre alt, ein kaum gebildeter Bursche vom Dorf, und musste all dieses Unrecht und die Seelenpein erleiden. Das war 1942 im Lager Shitomir [Stalag 358], dort herrschten Hungertod und Schläge. Wir Kriegsgefangene mussten uns nach unseren Abteilungen aufstellen, dann wurde befohlen, alle Polit-Kommissare und Juden sollten vortreten, aber keiner meldete sich. Daraufhin schritt einer der Henker, ein Braunhaariger nicht-deutscher Abstammung, die Reihen ab und suchte sich einen Soldaten heraus. Er drehte ihn hin und her, besah sich seinen Hinterkopf, sah hinter die Ohren und rief: „Jude“ [1]! Ein Gefreiter führte ihn aus der Menge heraus, drehte ihm die Hände auf den Rücken, dann musste er sich mit dem Gesicht auf die Erde hinknien und sie schlugen ihn mit einer Peitsche. Danach holten sie noch andere aus der Reihe heraus und es wiederholte sich die gleiche Szene. Die so zusammengestellte Gruppe geschwächter Menschen musste dann auf einen Wagen mit hohen Seitenwänden (zum Transport von Heu) steigen, ein paar kräftigere Gefangene wurden vor den Wagen gespannt. Die Restlichen gingen zu Fuß hinter dem Wagen her. Sie alle wurden zur Müllhalde außerhalb der Stadt gebracht. Dort mussten sie sich ausziehen, damit eventuelle Wertsachen nicht mit ihnen begraben wurden, und die Gefangenen wurden erschossen. Ihre Kleidung wurde anschließend auf Karren geladen und zurück ins Lager gebracht, wo sie auf Wertsachen hin untersucht wurde.

Auf dem Lagerplatz war eine Bühne aufgebaut. Viele Gefangene wurden auf diese Bühne gebracht, sie mussten sich mit dem Hinterteil nach oben hinlegen und wurden brutal ausgepeitscht, je nachdem aus wie vielen Schlägen ihre Strafe bestand. Dabei zählten sie noch laut Eins, zwei, drei usw. Der arme Teufel schrie, dass es im ganzen Lager und in der nahen Stadt zu hören war.

Die Gefangenen aus Shitomir wurden nach Westen gebracht, nach Polen oder an andere Orte (ich kenne mich in Geografie nicht so gut aus, mir stand auch nicht der Sinn danach, ich wollte nur essen). Wir aßen alles, was uns unter die Finger kam, rohe Steckrüben, ungewaschene Kartoffeln und anderes. Als wir schon in Europa waren, wurden wir in Gruppen zur Arbeit gebracht. Auf der Arbeit gab es kein Erbarmen. Ein Gefreiter mit Peitsche schrie „Los, los“ [2] und trieb uns mit der Peitsche zur Arbeit an. Und so ging es mehr als drei Jahre. So sah der Lohn für die Sklavenarbeit aus.

Es gab unter den Deutschen auch Menschen, die Mitleid mit uns hatten, die an die Unschuld der in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten glaubten. Vor allem die Frauen, die uns mit gesenktem Blick etwas Essbares zusteckten. Man konnte sie verstehen, wir waren schließlich ihre Feinde. Und ihre Verwandten litten unschuldig genauso wie wir, weil ihr besessener Führer [3] es so wollte.

Nach dem Krieg kehrte ich geschwächt und krank nach Hause zurück, ich hatte Probleme am Herzen, an den Beinen und der Hüfte und noch weitere Krankheiten, die ich mir an der Front und in der Gefangenschaft zugezogen hatte. Aber als ich heimatliche Luft geschnuppert und meine Familie wiedergesehen hatte, kehrten meine Lebenskräfte wieder zurück. Ich fand eine Arbeit, heiratete. Meine Frau Elena Michaijlowna und ich haben fünf Kinder bekommen und großgezogen. Sie haben uns elf Enkel geschenkt, und die Enkel wiederum schon sechs Urenkel. Vielleicht werden Sie das nicht glauben, aber es ist die Wahrheit. So eine große Nachkommenschaft braucht Aufmerksamkeit und Unterstützung. All die Jahre habe ich gewissenhaft gearbeitet und gelebt. Ich konnte aber kein Geld zurücklegen, um ein Auto zu kaufen, mit dem wir zur Poliklinik und zur Kirche fahren könnten oder auf den Friedhof in dem Dorf, in dem meine Eltern begraben sind. Um sich vor ihrem Grab zu verneigen, ihre Grabsteine zu säubern und in Ordnung zu bringen. Ich habe Schmerzen in den Beinen und kam mich kaum im Zimmer fortbewegen.

Ich möchte Sie bitten, wenn es Ihnen möglich ist, schicken Sie mir als humanitäre Hilfe für die Sklavenarbeit in Deutschland zur Zeit meiner Gefangenschaft von 1941–45 ein Auto (es kann auch gebraucht sein), das noch fährt, oder eine entsprechende Geldsumme. [4] Ich wäre Ihnen sehr dankbar.

Michail Schalamow

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[1] Das Wort im Original Deutsch geschrieben

[2] Das Wort im Original Deutsch geschrieben

[3] Das Wort im Original Deutsch geschrieben

[4] Nach dem Erlass des damaligen Präsidenten V. Putin aus dem Jahre 2005 kann jeder Kriegsveteran mit russischer Staatsbürgerschaft wahlweise einen Antrag auf ein kostenfreies Billigaute oder auf eine Geldleistung von 100.000 Rubel stellen. 2008 wurden auf diese Weise 33.000 Autos verteilt. Offenbar werden ehemalige Kriegsgefangene bei der Zuteilung benachteiligt.

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