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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

189. Freitagsbrief (vom Februar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wassilij A. Buchtin
Russland
Sysran
Gebiet Samara.

Guten Tag (…)!

Ich habe Ihre Neujahrsgrüße genau zu meinem Geburtstag am 31. Januar erhalten. Vielen Dank, dass Sie uns nicht vergessen haben. Vor einem Jahr konnte ich Ihren Brief nicht beantworten, weil ich krank war. Ich danke Ihnen für die Entschädigung in Höhe von 300 Euro, ich konnte das Geld sehr gut gebrauchen, ich habe mir einen Fernseher gekauft und das restliche Geld für Medikamente ausgegeben.

Der Krieg ist mir in schrecklicher Erinnerung geblieben. Das Schlimmste ist, dass ich bis heute vom Krieg träume und zwar fast immer von der Gefangenschaft. Meine Familie sagt mir, dass ich jede Nacht vor Angst schreie. Damit lebe ich nun schon mein ganzes Leben.

Ich möchte Ihnen ein wenig von dieser Zeit schreiben. Im September 1941 geriet ich bei Kachowlaja in einen Kessel, dann war ich die ganzen vier Jahre in der Gefangenschaft. Ich war damals 19 Jahre alt. Erst hielten die Nazis uns, die Kriegsgefangenen, in der Ukraine fest; ich habe von dort dreimal die Flucht versucht, aber ohne Erfolg. Ich hatte Glück, dass sie mich nicht erschossen haben, aber ich wurde aufs Grausamste verprügelt. Bald wurden wir Gefangenen nach Deutschland deportiert und ich kam ins Konzentrationslager Block SS Nr. 326 [Stalag 326 Stukenbrock] in der Nähe von Krefeld. Später wurde ich noch in einige andere Lager überführt, an die ich mich nicht mehr alle erinnern kann.

Woran ich mich noch gut erinnern kann, ist wie sie uns zur Arbeit in der Landwirtschaft zu den Bauern brachten. Das hat mich wahrscheinlich vor dem nackten Hungertod bewahrt. Die deutschen Bauern versorgten uns besser und sie behandelten uns auch nicht so wie im Lager, wo immer der Tod über unseren Köpfen schwebte. Jeden Abend wurden wir von einem Wachmann zurück ins Lager gebracht. Ich habe zweimal versucht zu fliehen. Einmal schaffte ich es mit einem Freund bis an den Rhein, dort konnten wir uns einige Tage verstecken, dann wurden wir aber doch geschnappt und verprügelt und kamen zurück ins Lager.

Einmal hatte ich eine Blinddarmentzündung und wurde ins Konzentrationslager Düsseldorf überführt. Dort operierte mich ein russischer Gefangener, der Arzt war, und rettete mir damit das Leben. So vergingen die Jahre unter Angst, Hunger und Kälte. Im April 1945 kamen amerikanische Truppen, sie brachten uns zuerst in ihr eigenes Lager, dann übergaben sie uns an die Russen.

Als ich nach Hause kam, war ich sehr abgemagert, meine Familie erkannte mich nicht sofort, sie dachten, dass ich längst umgekommen wäre. Ich musste mich vielen Behandlungen unterziehen, strenge Diät halten, aber ich war noch jung und kam wieder auf die Beine. Dann habe ich geheiratet, wir bekamen drei Töchter und jetzt habe ich vier Enkel und drei Urenkel. Meine Frau ist vor zwölf Jahren gestorben. Ich lebe jetzt mit meiner jüngsten Tochter und mit meinem Enkel und seiner Frau zusammen. Ich bin jetzt 88 Jahre alt geworden. Ich habe mein ganzes Leben nie getrunken oder geraucht, deshalb bin ich so alt geworden.

Nun sind schon 65 Jahre seit dem Krieg vergangen und doch trage ich die Erinnerung an ihn immer in meinem Herzen.

Erinnerung und Schmerz. Deshalb darf die Menschheit die Fehler der Vergangenheit niemals wiederholen. Mögen unsere Kinder und Enkel immer in Frieden und Einverständnis leben.

Danke, dass Sie so eine wichtige Arbeit tun, die jungen Menschen müssen die Wahrheit erfahren, damit sich die Gräuel nie wiederholen können.

Meine Tochter Ljudmila Buchtina hat diesen Brief für mich aufgeschrieben.

Buchtin

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