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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

187. Freitagsbrief (vom 24. Februar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandr Ch. Smirnow
Russland
Gebiet Saratow.

Sehr geehrte Mitarbeiter von „Kontakte“!

Diesen Brief schreibt Ihnen Aleksandr Charlampijewitsch Smirnow, ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener. Ich habe von Ihrem Verein eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 300 Euro bekommen, und möchte Ihnen nun auf Ihre Bitte hin antworten und Ihnen von meinem Leben erzählen.

Ich wurde 1922 auf dem Land in einer Bauernfamilie geboren. Ich habe acht Klassen Schule absolviert und dann in Saratow eine Ausbildung an der landwirtschaftlichen Berufsschule begonnen. Ich studierte dort drei Jahre, dann begann der Krieg gegen Deutschland. Am 26.6.1941 bekam ich den Einberufungsbescheid, ich musste mich im Kriegskommissariat melden, ohne mich vorher von meinen Eltern verabschieden zu können. Meine Freundin nahm Abschied von mir (sie heiratete später einen Anderen und wartete nicht auf mich, da meine Eltern eine Todesbenachrichtigung bekommen hatten).

Erst kam ich zur Ausbildung in die zweite Panzerschule in Saratow (vom 28.6.1941 bis zum 2.9.1942). Ich beendete die Schule im Range eines Leutnants und wurde zur Aufstellung einer Einheit nach Gorkij geschickt. Dort bekam ich einen Panzer mit Besatzung zugewiesen und wir wurden an die vordere Front beordert, in eine Wartestellung beim Bogen von Orjol/Kursk. Gleich beim ersten Gefecht geriet mein Panzer auf eine Mine und wurde zerstört. Danach nahm ich noch an weiteren Gefechten teil, in denen alle Panzer zerstört wurden. Ich wurde dann zur erneuten Aufstellung nach Tula beordert, von wo ich anschließend wieder an die Front am Kursker Bogen kam.

Meine Besatzung bekam die Aufgabe, das Dorf Majlowo zu befreien (mit anderen T-34 Panzern). Als wir den Befehl erhielten, hatte man uns aber nichts von deutschen Panzern gesagt – es stellte sich heraus, dass sie dort im Hinterhalt lagen. Mein Panzer stieß genau auf einen dieser deutschen Panzer und wurde von ihm aus nächster Nähe beschossen. Ich kann mich nur noch an die Explosion erinnern. In bewusstlosem Zustand wurde ich aus dem Panzer geschleudert. Als ich wieder zu mir kam, stand ein deutscher Soldat mit einer Maschinenpistole über mir. Ich muss immer wieder an diesen Moment zurück denken und frage mich dann, ob dieser Soldat wohl noch lebt? Denn er hätte auf den Abzug drücken können, hat es aber nicht getan. So bin ich am Leben geblieben.

So geriet ich in Gefangenschaft, da ich von der Explosion betäubt und leicht verwundet war. Erst brachten sie mich nach Kaunas [Stalag 336], von dort dann nach Darmstadt in ein internationales Lager [evtl. Stalag IX A Ziegenhain], in dem ich einige Tage war. Weiter kam ich in einen Vorort von Aschaffenburg in ein Arbeitslager für Kriegsgefangene. Wir mussten dort immer die gleiche Arbeit machen: wir transportieren Sand auf Loren von einem Ort zu einem anderen. Ich war dort von 1943 bis zum 25.3.1945.

Wir wurden schlecht verpflegt, morgens bekamen wir 200 Gramm Ersatzbrot und Kaffee (ein trübes, süßes Wasser von bräunlicher Farbe). Wir arbeiteten den ganzen Tag über und nach der Arbeit bekamen wir einen Liter Balanda aus Kohlrabi, dem irgendein Grieß oder Mehl beigefügt war. Dieses immer gleiche Essen zweimal am Tag erhielten wir die ganze Lagerzeit über. Als Folge bekam ich eine Magendarmerkrankung. Kranke wurden im Lager aber nicht behandelt, deshalb wurde ich sehr schwach und diese Krankheit hat mich noch mein ganzes Leben lang begleitet. Später, 1966, wurde ich am Magen operiert, seitdem bin ich Invalide zweiten Grades.

Wir schliefen im Lager auf Pritschen in einer mehrstöckigen Baracke. So zogen die trüben, öden Tage dahin. Ich träume noch oft von diesen grauenvollen Tagen im Lager und wenn ich dann aufwache, schmerzt mir das Herz und ich frage mich, wie ich das bloß überlebt habe. Wahrscheinlich weil ich jung war und unbedingt am Leben bleiben wollte.

Irgendwann war dann endlich der lang ersehnte Freudentag für uns gekommen. Drei amerikanische Panzer fuhren auf Aufklärungsfahrt nach Frankfurt und wieder zurück. Als sie wieder zurückkamen, da hob der Kommandeur die Wache im Lager auf und wir kletterten über den Stacheldrahtzaun und rannten zu den Panzern hin. Als sie uns sahen, hielten sie an, und einer der Panzer begleitete uns bis Frankfurt am Main. Dort waren die Amerikaner, sie nahmen uns auf, gaben uns zu essen und zu trinken; wir blieben dort ein paar Tage, dann wurden wir nach Frankfurt an der Oder gebracht, wo die Russen standen. Danach kamen wir nach Belarus, nach Koselsk zu einer Abteilung der SMERSCH.

Vom 25.3.1945 bis zum 26.11.1945 wurde ich der Überprüfung unterzogen und bekam Auszeichnungen verliehen. Im Dezember 1945 kehrte ich in sehr geschwächtem Zustand nach Hause zurück. Ich erholte mich ein wenig, dann brachte ich mir selbst das Schneidern bei (mein Vater und mein Großvater waren Schneider). Nachdem ich diesen Beruf erlernt hatte, begann ich zu schneidern, ich hatte Aufträge zu Hause und im Atelier, nähte Mäntel, Anzüge, Hüte usw.

Irgendwann mochte ich diesen Beruf aber nicht mehr, weil man wenig an der frischen Luft ist und sich wenig bewegt. Ich ging dann nach Saratow, um weiter an der landwirtschaftlichen Berufsschule, an der ich vor dem Krieg war, zu studieren. Nach ihrem Abschluss arbeitete ich als Landwirt, und zwar mit Hingabe, da mir diese Arbeit sehr gefiel. Ich erzielte gute Ernten (damals gab es noch die Kolchosen). Für meine rechtschaffene Arbeit und die guten Ernten wurde mir der Orden „Banner der Arbeit“ verliehen. Ich habe bis zur Rente gearbeitet und bin dann in den verdienten Ruhestand gegangen. Jetzt bin ich 87 Jahre alt.

1947 habe ich geheiratet, wir haben fünf Kinder. Alle schlossen eine Ausbildung ab: drei von ihnen haben studiert, die anderen beiden haben eine Berufsausbildung gemacht. Es sind jetzt fünf Enkel da, zwei von ihnen studieren und zwei andere machen eine Lehre. Unser ältester Enkel bezieht Invalidenrente. Alle unsere Kinder und Enkel sind gewissenhaft und klug.

Ich habe mich sehr über Ihren Brief und das Geld gefreut und danke Ihnen dafür sehr.

Ich möchte Ihnen noch eine Episode aus meinem Leben schildern. Meine Rückkehr aus der Gefangenschaft kam für meine Eltern unerwartet. Alle Verwandten und Bekannten kamen angelaufen, wir umarmten und küssten uns, alle weinten und ließen den Tränen freien Lauf. Ich erfuhr, dass meine Eltern, als ich in Gefangenschaft geraten war, eine Benachrichtigung bekommen hatten, ich sei eines heldenhaften Todes gestorben. Meine Eltern wollten das aber nicht glauben, sie gaben die Hoffnung nicht auf, ich könnte noch am Leben sein. So gaben sie folgendes Versprechen: Sollte Aleksandr heil aus dem Krieg zurückkehren, so würden sie einer Frau im Dorf, die keine Kuh hatte, eine Kuh abgeben. Und meine Schwester versprach, dass sie ihrer Freundin ihr Lieblingskleid schenken würde. Als ich dann zurückkam, haben sie ihre Versprechen eingelöst.

Nun, damit habe ich alles geschrieben, was ich Ihnen sagen wollte. Ich danke Ihnen nochmals sehr für Ihr Interesse an uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen. Ich würde mich freuen, wenn meine Erinnerungen Ihnen von Nutzen sein können.

Meine Frau Antonina Tichonowna Smirnowa und meine Tochter Natalja Aleksandrowna Bespalowa haben mir geholfen, diesen Brief zu schreiben.

Mit den besten Grüßen,

A. Ch. Smirnow.

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