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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

185. Freitagsbrief (vom 30. Dezember 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Belraus
Minsk
Nikolaj Logwinowitsch Muraschko.

Am 1. Mai 1941 wurde ich in die Rote Armee eingezogen. Wir fuhren bis zum Bahnhof Idriza, Gebiet Kalinin, wo wir ausgeladen wurden. Nachdem wir etwa 5 km weiter gelaufen sind, schlugen wir unser Sommerlager auf. Dort befand sich der sogenannte „Weiße See“, eine schöne Gegend. Der Militärdienst lief gut. Am 22. Juni frühstückten wir noch nichts ahnend, danach führte man uns zum Dampfbad in den Bahnhof, wo man uns ausgeladen hat. Nach dem Dampfbad kamen wir wieder zurück zum Standort, plötzlich – Luftalarm. Es kam das Kommando „an die Waffen“, wir traten an, führten ein Meeting durch, danach gab es Mittagessen und wir fuhren los. Unser Truppenteil war motorisiert, wir wurden auf die Fahrzeuge verladen und fuhren an die Front.

Den ersten Kampf führten wir bei Dwinsk, dort war ein Fluss. Wir wurden zerschlagen, weil wir schlecht vorbereitet waren, hatten ungenügend Munition, weil ja vorher ein Friedensvertrag auf 10 Jahre abgeschlossen worden war und wir keinen Krieg erwarteten, wir glaubten Hitler und seinem Gewissen. Es gab viele Verwundete. Wer am Leben blieb, rannte davon. So ging das 7 Monate lang.

So bin ich aus drei Umzingelungen entkommen, in der vierten wurde ich gefangen genommen. Als man viele der Unseren zusammen hatte, wurden wir in einen Zug geladen und nach Deutschland geschickt. In Viehwagen saßen wir eingesperrt drei Tage ohne Nahrung und Wasser. Endlich waren wir angekommen und wurden in das Lager Hammerstein [Stalag II B] gejagt. Verpflegung gab es einmal am Tag: Suppe aus Kohlrüben und 200 gr. Brot, das zur Hälfte aus Sägespänen von Birkenholz bestand, speziell zur Verpflegung der Gefangenen gedacht. Im Lager gab es keine Gebäude. Wir gruben Höhlen in die Erde, um uns vor Regen und Kälte zu schützen. Einmal kamen Chefs ins Lager und begannen Belorussen und Ukrainer auszusuchen. Uns schickte man zum Bau der Straße nach Hitlers Plan, Berlin-Warschau-Moskau. Er dachte, dass er alles schnell erobert. Die Arbeit war schwer, die Gefangenen wurden von Tag zu Tag schwächer. Da hat ein alter Deutscher Krach gemacht, der dort der Chef war, dass alle sterben werden und dann keiner mehr da ist, der die Arbeit machen wird. Da begann man uns Kartoffeln zu Mittag zu kochen. Wir aßen sie voll Freude mit Schale.

Im Kommando waren wir drei Nationalitäten: Belorussen, Ukrainer und Russen. So ging es lange. Ich weiß nicht mehr, an welchem Tag und um welche Uhrzeit, aber an einem Sonntag kam ein Offizier mit Dolmetscher und nahm eine Gruppe Belorussen und Ukrainer mit, den Rest füllte er mit Russen auf und sagte, dass es morgen nicht zur Arbeit ginge. Am nächsten Tag kam der alte Offizier mit einem Traktor mit Anhänger und wir 68 Mann wurden zu einem Bauern zur Feldarbeit bei Pinnow, Kreis Rügenwalde [Pniewo Kr. Darlowo/Westpommern] gebracht. Dort blieb ich ein Jahr und kam dann nach Stolz [Stolec] in eine Möbelfabrik. Dort blieb ich lange, wir waren 300 Mann. Als die russische Armee nahe zu diesem Gebiet kam, hat ein russisches Flugzeug den Bahnhof zerbombt und die Fabrik wurde geschlossen. Dann jagte man uns zum Bau von Befestigungen für die Stadt, Panzerabwehrgräben ausheben. Als die russischen Truppen näher kamen, wurden wir evakuiert. Das ging lange so. Jeder ernährte sich, wie er konnte. Dann kamen wir in den Hafen Gdynia, auf deutsch Goten-Hafen, danach wurden wir auf die Halbinsel Frischenfung [Frische Nehrung] gebracht, danach mit einem Frachtschiff aufs Festland (ich weiß nicht wo) und dann weiter evakuiert. Tagsüber marschierten wir, nachts sperrte man uns in große Lagerhallen und bewachte uns. Und so Tag für Tag. Wohin man uns nachts jagte, da gab es schon keine Bauern mehr. Sie waren evakuiert. Dort versorgten wir uns mit rohen Kartoffeln, das schmeckte sehr gut. Mir half auch, dass ich viel Deutsch konnte, das Schicksal hat mich gezwungen es zu lernen. Auf einem der Höfe (den Namen weiß ich nicht) verbrachten wir zwei Tage, weil die Wachen auch müde waren. Auf diesem Hof hatte der Bauer auch alles liegen lassen und war evakuiert. Dort gab es ein Schwein mit Ferkeln und ich habe die Abwesenheit des Wachmanns genutzt und mir ein Ferkel gegriffen, geschlachtet und in die Tasche gesteckt. Natürlich hatte ich Angst …

Dann hat man uns bis zum Mittag weiter gejagt und eine Pause gemacht, wo wir mit Kameraden Späne sammelten, das Ferkel kochten und aßen. Den Ort habe ich mir gemerkt – zwischen Anklam und Rostock. Ich ging zufällig auf die Chaussee und hörte – die Erde zittert unter den Füßen. Ich schaute genauer hin und sah einen Panzer kommen, auf den Gebäuden erschienen weiße Fahnen. Da schrie ich: „Freunde – der Krieg ist zu Ende!“ Und zeigte auf die Fahnen. Die Wächter sahen das und verschwanden. So wurde ich wieder Soldat der Sowjetarmee. Ich diente noch ein Jahr in Deutschland und wurde dann demobilisiert.

Muraschko.

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