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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

184. Freitagsbrief (vom 2. Mai 2007).

Ukraine
Gebiet Cherson
Bezirk Curjupinskij
Andrej Iljitsch Ljachowenko.

Guten Tag, liebe, sehr geehrte Bürger Deutschlands,

ich bin nach dem Erhalt Ihres Briefes bis zum Tiefsten aufgeregt. Mir fehlen die Worten. Wie soll ich mich bei Ihnen für warme und gutmütige Worte bedanken?! Ich dachte nie, dass meine ehemaligen Feinde, gegen die ich in Jugendjahren kämpfte, meine Freunde werden. Ich will sagen, dass die Kinder keine Verantwortung für die Taten, auch für die Verbrechen, ihrer Eltern tragen. Die gegenwärtige Generation ist an Verbrechen des „Dritten Reiches“ nicht schuldig.

Gerne hätte ich auf Ihren Brief früher geantwortet. Ich bin aber von der Außenwelt isoliert. Ich lebe allein. Niemand kommt zu Besuch. Sozialdienste, die sich um Veteranen und Invaliden kümmern müssen, vernachlässigen ihre Aufgaben. Ich bin doch bereits 87 Jahre alt. Im Jahre 1985 lebten in unserem Dort zum Zeitpunkt der Feierlichkeiten anlässlich des Tages des Sieges 62 Kriegsteilnehmer. Heute sind wir zu Sechst geblieben. Ich bitte um Ihre Unterstützung für die Antragstellung beim Veteranenrat von Cherson auf Gewährung der Hilfe für unseren Briefwechsel.

Kurz zu meiner Person. Ich bin Berufssoldat. Ich wurde am 7. Mai 1941 in die Armee einberufen. Am 9.Mai kam ich in eine Militäreinheit in Tula und wurde dem 732. Flak-Regiment unterordnet. (…) Unser Ziel war die Panzerbekämpfung. Ich diente unmittelbar in einer Batterie der 45-mm-Kanonen. Unser Truppenteil kämpfte bei Kursk und Orel. Wir hielten die Verteidigung in der Belagerung „bis zum letzten Mann“. Es gab doch keinen Rückzugsbefehl. In der Nähe von Prochorowka bekam ich im Kampf um die Bahnstation Pelenichinino eine Schädelprellung und wurde gefangen genommen.

Mein erstes Lager war im Dorf Bolschaja Pisarewka. Die Frontlinie war nicht stabil. Aus diesem Grund wurden wir von einem Lager bis zum anderen getrieben. Damit wollte man eine Befreiung durch Unsrige verhindern. Lager in Smela, Swenigorod, Uman… Auf dem Weg von Uman nach Gaisin blockierten unsere Panzer die Straße. Man brachte uns in ein Dorf. Hier wurden wir durch Hunger gequält. Das Ziel war wohl, uns im Falle einer Befreiung frontuntauglich zu machen. Danach wurden wir Richtung Winniza und Wolotschidinsk getrieben. Danach liefen wir zum KZ von Lemberg [Stalag 325]. Als unsere Truppen Lemberg näher rückten, wurden Bewegungsfähige mit dem Zug weggebracht. Die Kranken wurden vernichtet. Zwei Tage später kamen wir in die Stadt Radom. Zum Ende der Fahrt war in unserem Waggon von 60 Kriegsgefangenen nur die Hälfte am Leben. Von Radom fuhren wir nach Ostpreußen. Hier hielten wir uns nicht lang auf. Sie brachten uns erneut weg, diesmal bis zur Stadt Plaszow, südöstlich von Warschau. Hier lebten früher etwa 2.000 Italiener[*]. Erzählungen der hiesigen Einwohner nach wurden sie alle getötet. Danach kam ich ins KZ in Küstrin [Stalag IIIC]. Danach kam ich nach Luckenwalde [Stalag III A]. Hier wurden auch Franzosen und Engländer untergebracht. Danach hieß es nach Brandenburg. Wir arbeiteten auf dem Bau eines Flugplatzes. Den Flugplatz bombardierten zwei Tage später die Amerikaner. Dabei kamen 14 Kriegsgefangene ums Leben. Mein letztes Lager war in Alten-Grabow [Stalag XI A (341). Ich wurde von Amerikanern befreit. Nach der Befreiung und Übergabe an die Vertreter der sowjetischen Streitkräfte wurde ich zwecks Überprüfung zum Sammelpunkt in Zerbst geschickt. Nach der Überprüfung in der Sonderabteilung wurde ich dem 183. Armeereserveregiment unterordnet. Nach der Verteilung kam ich ins 907. Bataillon der 34. Ingenieur- und Pionierbrigade. (…) Danach entschärften wir große Minenfelder bei Jelnja. Am 18. August 1946 wurde ich gemäß dem Demobilisierungsbefehl des Obersten Sowjets der UdSSR vom 03. März 1946 aus der Armee entlassen.

Ich bin mit dem Orden des Vaterländischen Krieges, dem Orden „Für Tapferkeit“, mit 21 Medaillen sowie Armeeehrenzeichen gewürdigt.

Ich bedauere sehr, dass ich blind bin. Wenn ich ein bisschen sehen könnte, hätte ich mich gerne mit den Vereinsmitgliedern getroffen. Ich könnte sehr viel erzählen. Ich bin sicher, dass wäre eine unvergessliche Begegnung. Ich kenne 86 Frontgedichte auf Russisch auswendig und etwa die gleiche Zahl von ukrainischen Humorgedichten.

Lieber Eberhard, vielen Dank und beste Gesundheit. (…) Ich bedanke mich auch bei Ihrem Verein.

(Es folgt ein Gedicht)

(…)

P.S. Mein Großvater hat ein phänomenales Gedächtnis.

Anlage: 2 Fotos

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[*] Italienische Militärinternierte. Ebenso wie ehemalige sowjetische Kriegsgefangene wurden die Überlebenden vom deutschen Gesetzgeber nicht anerkannt als „leistungsberechtigte“ NS-Opfer.

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