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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

183. Freitagsbrief (vom 14. November 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kreis Krasnodar
Pawel Petrowitsch Jelisejew.

Sehr geehrte Hilde Schramm und sehr geehrter Eberhard Radczuweit!

Auf Ihre Bitte hin möchte ich bestätigen, dass ich Ihren Brief bekommen habe. Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind und bitte Sie daher zu entschuldigen, wenn mein Brief Ihnen ein wenig von Ihrer Zeit stehlen wird.

Ich möchte Ihnen von meinen Erlebnissen in der Vergangenheit erzählen, von der Zeit, die ich in der Gefangenschaft verbracht habe. Ich sage einfach: bei meiner Körpergröße von 1,80 m wog ich noch 40 Kilo – das sagt schon einiges, aber es gibt auf der Welt auch gute Menschen; unter den Deutschen waren sehr viele gute Menschen, die mir halfen zu überleben. Bis heute kann ich mich an einige deutsche Worte und sogar Ausdrücke erinnern. Aber ich kann mir keine Kriegsfilme ansehen. Das heißt, ansehen kann ich sie mir schon, aber kaum sind dort deutsche Befehle zu hören, da fange ich an zu zittern.

Vor dem Krieg habe ich in Kronstadt bei Leningrad in einer Schiffswerft gearbeitet. 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente in Litauen, und 1941 brach der Krieg aus. So viele junge Menschen sind in Gefangenschaft geraten – unzählige! Das war ein Krieg auf Leben und Tod. An die Jahre, die ich in der Gefangenschaft war, möchte ich gar nicht zurückdenken.

Nachdem ich von den Engländern befreit worden war, wurde ich unseren Truppen übergeben. Dann verlief alles wie bekannt: Filtrationslager des NKWD und die Jahre des Misstrauens. Ich begriff – der Weg zurück nach Leningrad oder Kronstadt war mir versperrt.

Dann schickten sie mich mit einem Transport nach Jemanshelinsk im Gebiet Tscheljabinsk im Ural, wo ich im Bergwerk 18-BIS insgesamt 26 Jahre lang beim Abbau unter Tage gearbeitet habe. All die Jahre war ich unter ständiger Beobachtung und genoss keine Bürgerrechte. Es war eine grausame Strafe. Ich durfte mir meinen Wohnort und meine Arbeit nicht selbst aussuchen. Ich habe an die verschiedensten Stellen geschrieben, aber immer eine Absage bekommen. Aber ich habe mich nicht kleinkriegen lassen; ich habe eine gute Familie –- einen Sohn und eine Tochter, vier Enkel und drei Urenkel. Ich bin sehr stolz auf meine Kinder und Enkel.

In den 80er Jahren wurde ich rehabilitiert, fasste neuen Mut, die Wahrheit hatte gesiegt; da bin ich mit meiner Familie umgezogen, aus Gründen, die nicht von mir abhingen, sind wir nach Anapa im Gebiet Krasnodar gezogen.

Am 7. November 2007 war es meiner Frau und mir beschieden, ein großes Jubiläum feiern zu können: sechzig Jahre gemeinsamen Lebens (Diamantene Hochzeit). Zu diesem Jubiläum gibt es keine föderalen Gesetze, darüber entscheiden die regionalen Behörden. In manchen Regionen bekommen die „diamantenen“ Eheleute spezielle Zuwendungen, an anderen Orten sind sie über das Jubiläum gar nicht informiert.

So kam das Geld, das Sie uns geschickt haben, 10 540,74 Rubel (Euro bekommen wir hier nicht ausgezahlt) für uns gerade zur rechten Zeit. Wir haben in Ihrem Namen einen Blumenstrauß gekauft, der elf Tage lang in der Vase stand, ohne zu verwelken. Ich danke Ihnen sehr.

(…)

Pawel Petrowitsch Jelisejew

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