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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

182. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ukraine
Gebiet Donezk
Aleksej A. Drosd.

Guten Tag, meine sehr verehrten deutschen Freunde!

Obwohl wir weit entfernt von einem ständigen Briefwechsel sind, möchte ich Ihnen und Ihrem Verein von ganzem Herzen danken im Namen der fernen Jahre, die nicht vergessen werden können. (…)

Ich bin Zeuge der Kriegszeit des letzten Jahrhunderts, der in deutscher Gefangenschaft Hunger, Gräuel und Leid durchleben musste.

Ich wurde in den unruhigen Jahren kurz nach der Gründung der Sowjetrepublik geboren, habe den Hungerwinter von 1932–33 überlebt, hatte noch keine Ahnung vom Leben, ging in die Schule, 1940 schloss ich die Schule nach 8 Klassen ab und ging an die technische Berufsschule, um einen Beruf zu erlernen und ein selbstständiges Arbeitsleben zu beginnen. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, etwas vom Leben mitzubekommen, als der Krieg begann. Am 13. Oktober 1941 wurde ich in die Armee einberufen. Ich kam zum Skijägerregiment in Kasan, im Februar 1942 kam aber heraus, dass ich noch nicht volljährig war und ich wurde aus dem Armeedienst wieder entlassen. Ich kehrte nach Lugansk zurück und arbeitete im Eisenbahnwerk, die Deutschen waren schon im Anmarsch und ich wurde wieder eingezogen. Als unsere Truppen dann auf dem Rückzug waren, gerieten wir in einen Kessel und danach in Gefangenschaft, das war in Richtung Stawropolsk, im sogenannten „Kessel von Armawir“.

So begann mein Leben in der Unfreiheit als Häftling in den Kriegsgefangenenlagern. Im Frühjahr 1943, im April oder Mai, wurde ich in einer großen Kolonne Kriegsgefangener auf den Fußmarsch nach Deutschland geschickt. Wir kamen in der kleinen Stadt Stettin an, dort wurden wir ausgewählt, mussten uns aufstellen und wurden dann per Schiff nach Norwegen gebracht, und zwar über Oslo und Trondheim in die norwegische Arktis, in die Stadt Fauske, wo es eine große Anzahl Straflager für Kriegsgefangene gab, die beim Bau der Eisenbahnlinie eingesetzt wurden. Es herrschten dort unmenschliche Lebensbedingungen, Hunger, Schwerstarbeit, Schikanen.

Ich denke nicht gerne an diese ferne Zeit zurück; trotzdem kann ich die Strafkolonnen meiner Jugend nicht vergessen.

Als der Krieg vorbei war, erwarteten uns neue Unannehmlichkeiten: alle, die in der Gefangenschaft gewesen sind, waren „Menschen zweiter Klasse“, hatten kein Recht auf eine anständige Arbeit und Ausbildung, man misstraute ihnen und ließ sie ständig beobachten.

Wie ich wollten alle, die diese schreckliche Zeit durchlebt hatten, sie so schnell wie möglich vergessen, aber es gelang uns nicht – so etwas kann man nie vergessen. Und jetzt, da die Zeit der Diktatur endlich vorbei ist, können ich und alle Menschen unserer heutigen Gesellschaft offen sagen, wer sie sind und wie sie heißen.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihr Interesse an mir und an meinem vergangenen Leben.

Vor ein paar Jahren habe ich eine Anfrage an den Internationalen Suchdienst gestellt in Bezug auf mich und meine Unterlagen. Es ging um meinen Status im Krieg von 1941–45. Es verging viel Zeit und plötzlich bekam ich Post vom norwegischen Verein der Freunde der Historischen Universität Bergen, die meine Adresse vom Verein „Memorial“ in Moskau bekommen hatten. Sie luden mich als Vertreter der sowjetischen Kriegsgefangenen zu einer internationalen Konferenz ehemaliger Häftlinge der Norwegischen Arktis ein. Im Oktober 2008 konnte ich nach Norwegen fahren und dort all die Orte meiner Zeit als Strafgefangener im Zweiten Weltkrieg von 1941–45 aufsuchen, Kränze und Blumen bei den unzähligen Gedenkstätten und bei den Gräbern der Kriegsgefangenen niederlegen, deren Gebeine die ewige Ruhe in norwegischer Erde gefunden haben. Ungeachtet der Vergangenheit müssen wir in Freundschaft und Einverständnis leben, uns so viel wie möglich treffen und austauschen, uns gegenseitig respektieren.

Ich danke Ihnen und Ihrem Verein von ganzem Herzen für Ihre wohltätige Unterstützung, die ich vor ein paar Tagen bekommen habe, weshalb ich Ihnen auch eine Antwort gebe auf die Fragen, die Sie mir in Ihrem Brief gestellt haben. Nochmals Vielen herzlichen Dank.

Mit den besten Grüßen,

Aleksej Drosd.

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