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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

181. Freitagsbrief (vom 26. Dezember 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Fedor Afanasjewitsch Platonow
Russland
Gebiet Lupezk.

Guten Tag, sehr verehrte Freunde! Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, ein langes Leben, Glück in der Familie und Erfolg!

Ich habe Ihren Brief bekommen und war sehr gerührt, wie nett Sie zu mir sind, Sie haben meine Frage zur Musik ausführlich beantwortet. Ja, es gibt nicht ohne Grund das russische Sprichwort: Was im Ausland günstig ist, ist bei uns zu Hause teuer. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Sie mir von Ihrem Leben, Ihrer Arbeit und Ihren Projekten geschrieben und mir sogar ein Foto geschickt haben. Jetzt, wenn ich das Foto ansehe, habe ich das Gefühl, dass ich Sie persönlich kenne. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich von der Vergangenheit schreiben soll – soll ich wirklich meine Freunde damit belasten? Aber da Sie mich darum bitten, so möchte ich alles aufschreiben, was ich noch weiß.

Ich denke, es wird Sie interessieren, worüber die Soldaten hinter Stacheldraht gesprochen haben. Normalerweise sprechen Soldaten ja vor allem über Frauen. Hinter Stacheldraht sprach man von ihnen sehr selten. Obwohl es unter den Gefangenen viele ältere Soldaten gab, von denen viele zu Hause Frauen, Kinder, Geliebte hatten. Sie dachten natürlich an die ihnen nahe stehenden, aber niemand sprach diese Gedanken laut aus. Worüber haben die Soldaten hinter Stacheldraht dann gesprochen? Über vieles, aber am meisten über Essen! Über das tägliche Brot! Um sich irgendwie die Zeit zu vertreiben, schlug irgendjemand z.B. vor, wir könnten erzählen, wie viele Gerichte man aus Kartoffeln zubereiten kann. Es fanden sich sofort Kenner und nannten verschiedene Gerichte. Es kamen hunderte verschiedene Gerichte zusammen! So vertrieben wir uns die Zeit von einer Essensausgabe zur nächsten.

Die Gefangenen bekamen eine Balanda, eine trübe Brühe, in der wer weiß was verkocht war, trotzdem half sie so einigermaßen den Hunger zu stillen. Die Arbeiter im Bergwerk bekamen einen Laib Brot auf zehn Personen. Jede Gruppe hatte ihren Brotschneider. Er schnitt das Brot in Stücke und wog jedes Stück auf einer selbst gebastelten Waage ab, damit alle die gleiche Menge bekamen.

Als ich im Bergwerk arbeitete, nahmen sie mich gerne zu jeder Arbeit. Nicht weil ich stärker gewesen wäre als die anderen – nein, wir waren alle von der schlechten Versorgung geschwächt – sondern weil ich in der Schule Deutsch gelernt hatte und deshalb ein wenig Deutsch sprach. Mein vorletzter Vorarbeiter hatte an seiner Jacke ein kleines rundes Abzeichen. Am Anfang verstanden wir uns gut, dann ließ er mich aber Arbeiten machen, die für mich zu schwer waren. Zu meinem Unglück bekamen wir zu der Zeit Befestigungsbögen, die aus russischen Gleisen gemacht waren. Sie waren mehr als zweimal so groß und dementsprechend schwerer. So einen 2,5 bis 3 Meter langen Bogen stellten der Vorarbeiter und ich hochkant an die Wand, dann kletterte er auf eine „Bühne“ (eine Bühne aus Brettern auf zwei Metallbalken, die an Ketten befestigt waren), von dort hielt er den Bogen in der richtigen Lage und ich sollte ihn anheben. Ich hatte aber nicht genug Kraft, um den Bogen anzuheben und der Vorarbeiter begann wild zu schimpfen. Mit allen Kräften versuchte ich, den unglückseligen Bogen anzuheben, es gelang mir aber nicht, dafür verletzte ich mir den Bauch … Der Vorarbeiter wurde fuchsteufelswild. Er brach ein großes Stück Gestein ab und warf es auf die Bühne. Eine Kette zerriss. Bretter und Steine fielen herab und nur durch Zufall wurde ich nicht getroffen. Nach diesem Vorfall wurde ich vorsichtiger, obwohl ich nicht glaubte, dass der Vorarbeiter mich hatte treffen wollen. Am nächsten Tag wiederholte sich die Situation aber. Wieder warf der Vorarbeiter einen Stein in meine Richtung, diesmal riss die Kette aber nicht. Da kickte er ihn mit dem Fuß in meine Richtung … der Stein flog direkt auf mich zu. Ich hob die Hände und wollte den Stein abwehren; das gelang mir, meine Hand geriet aber zwischen den Stein und die Wand und war gequetscht. Sie schickten mich zum Arzt, der meine Hand und den Bauch behandelte. Als ich nach der Genesung wieder zurück ins Bergwerk kam, war dieser Vorarbeiter nicht mehr da. Es stellte sich heraus, dass er an die russische Front gekommen war …

Der neue Vorarbeiter war ein Soldat, der in Russland gekämpft hatte … offensichtlich hatten ihm die anderen Arbeiter alles erzählt. Und als der unglückselige Bogen aufgestellt werden musste, lieh er sich von den Nachbarn 2-3 Männer und zusammen gelang es uns leicht, sie an den richtigen Platz zu stellen. Dafür wünschte ich ihm von Herzen beste Gesundheit.

Einmal rief mich der Vorarbeiter in der Mittagspause zu sich, reichte mir eine kleine Tüte und sagte, ich solle hineinsehen. Ich wurde neugierig, wischte mir die Hände ab und öffnete die Tüte. Darin waren schwarz-weiße Fotografien von sehr guter Qualität. Sie haben sich in meinem Gedächtnis so deutlich eingeprägt, dass ich bis heute noch weiß, was ich dort gesehen habe.

Ein zugewachsenes Feld oder eine Wiese, auf der tote sowjetische Soldaten liegen. Eine Straße. Die Deutschen führen eine Kolonne sowjetischer Kriegsgefangener … Deutsche Soldaten auf Motorrädern. Deutsche Soldaten marschieren in Reih und Glied einen Feldweg entlang. Deutsche Panzer … gepanzerte Fahrzeuge … Zugwagen … Kanonen … Pferdetrosse … Ein Dorf. Eine Straße. Ein Brunnen. Deutsche Soldaten mit entblößten Oberkörpern, die sich mit kaltem Wasser aus dem Eimer begießen … Deutsche Soldaten in der Ruhepause … Eine deutsche Feldküche. Vier Soldaten sitzen in voller Bewaffnung auf einer Bank. Jeder hat ein Messer im Mund. Mit der Klinge nach oben. Ein Luftangriff. Ein abgeschossenes sowjetisches Flugzeug mit dem Stern auf dem Flügel, Rauchschwaden. Auf der linken Seite vier Tote am Galgen. Jeder hat auf der Brust ein Stück Pappe mit einer Aufschrift. In der Mitte des Bildes steht ein Offizier, rechts eine Gruppe Frauen, alter Männer und Kinder mit verschreckten Gesichtern und gesenkten Köpfen. Links vier Tote am Galgen. In der Mitte stehen auf einer Bretterbühne ein alter Mann und eine junge Frau. Sie haben ein Stück Pappe mit einer Aufschrift am Hals hängen, vor ihnen baumeln zwei Galgenstricke … In der Mitte steht ein Offizier. In der Hand hält er ein Blatt Papier. Anscheinend liest er einen Befehl vor. Neben ihm steht wohl der Dolmetscher, er zeigt mit dem Finger auf den alten Mann und die junge Frau auf der Bühne … rechts stehen im Halbkreis verschreckte Menschen. Der alte Mann und die junge Frau hängen am Galgen. Ein Hof … eine Schuppen. Im Vordergrund des Bildes steht ein deutscher Soldat, der in jeder Hand 3–4 Hühner hält. Ein zweiter Soldat fängt gebückt die Hühner, die aus dem Schuppen fliegen … Der Hahn ist auf dem Dach des Schuppens, konnte sich retten …

Ein Haus. Eine hohe Schwelle … auf der Schwelle steht eine Frau mit drei Kindern, die sich an die Mutter schmiegen, sie sehen verschreckt zu, wie zwei deutsche Soldaten ihre Ernährerin vom Hof führen – ihre Kuh. Ein Soldat zieht die Kuh mit seinem Gürtel, den er ihr umgebunden hat, der andere treibt sie von hinten mit einem Ast.

Auf dem nächsten Foto sind zwei Häuser abgebildet. Das hintere Haus brennt schon, das vordere Haus wollen Soldaten gerade anzünden. Einer bringt Stroh herbei, die anderen verrammeln die Fenster und Türen mit Brettern. Aus einem Fenster sieht man eine Hand – das heißt, dort sind Menschen. An der Seite stehen Kanister, wahrscheinlich mit Benzin. Ein Feld. Vier sowjetische Kriegsgefangene ziehen eine Egge. Im Hintergrund sind noch einige solche Gespanne zu sehen. Anscheinend ist das Feld vermint. Und in der Ferne steht ein deutscher Soldat, beobachtet die Gefangenen und zeigt ihnen, wohin sie die Eggen ziehen sollen. Eine Mine ist hochgegangen … Es sieht aus, als wäre auf dem Feld ein Busch gewachsen. Um ihn herum niemand zu sehen … Mir wurde ganz anders, als ich mir diese Fotos ansah. Es wurde mir schwer ums Herz, und da ich den Deutschen, die neben mir saßen, mich ansahen und leise miteinander sprachen, nicht zeigen wollte, was ich empfand, blätterte ich schnell weiter … Auf den Fotos waren noch viele andere Orte und Vorfälle, an die ich mich aber nicht erinnern kann. Aber die, die ich mir gemerkt habe, reichen schon, um sagen zu können: wenn dieser deutsche Soldat auch auf seinem Gürtel „Gott mit uns“ eingraviert hatte – was für ein Gott konnte das sein, wenn man sich ansah, was sie dort angerichtet hatten? Nicht Gott war mit ihnen, sondern der Satan in der Person Adolf Hitlers!

Bald danach gab es einen Fliegerangriff der Amerikaner. Einige Bomben wurden über der Stadt abgeworfen. Das Elektrizitätswerk wurde getroffen. Daraufhin ließ man uns nicht mehr in den Schacht und wir mussten die Dächer der Häuser reparieren. Einmal brachten sie uns zur Arbeit nicht in die Stadt, sondern an den Stadtrand. Dort waren Kartoffelmieten (mit Erde bedeckte Kartoffeln für den Winter). Wir mussten die Erde umgraben, die Verkleidung entfernen und die Kartoffeln nach drei verschiedenen Sorten sortieren. Als wir mit der Arbeit fast fertig waren, konnte ich der Versuchung, ein paar Kartoffeln mit ins Lager zu nehmen, nicht widerstehen. Ich steckte mir drei Kartoffeln unter mein Hemd und arbeitete weiter … Ich hörte, wie die anderen riefen: „Achtung, er kommt!“, sah, da kam ein Herr mit offenem Mantel und Hut. Er ging direkt auf mich zu. Da wusste ich, dass er uns beobachtet hatte und wollte mir das Hemd aus der Hose ziehen, damit die Kartoffeln herausfielen. Er aber rannte schnell zu mir und schlug mir auf die Hand, mit der ich am Hemd zog, mit der anderen Hand schlug er mir auf die Seite. Und dann prügelte er mich wie einen Boxsack … Ich versuchte, das Hemd in die Hand zu bekommen und die Kartoffeln auszuschütten, aber er ließ mich nicht … Schließlich hatte ich aber das Hemd gepackt, gleichzeitig schlug er mir weiter auf die Hand und das Hemd rutschte aus dem Gürtel. Die Kartoffeln fielen auf den Boden. Er schlug mich noch ein letztes Mal, dann ließ er von mir ab. Ich aber fiel auf die Erde, konnte nicht richtig atmen. Als das Signal zum Appell kam, konnte ich alleine nicht aufstehen. Drei Männer stützten mich und brachten mich ins Lager, legten mich auf die Pritsche. Ich spürte einen heftigen Schmerz in der Seite. Als ich zu mir gekommen war, besah ich mir meinen Körper. Arme, Seite, Brust – alles war mit dunkelroten Flecken übersät. An der Seite hatte ich eine Beule … als ich sie berührte, merkte ich, dass es eine Kartoffel war. Ich schnitt sie in Scheiben und legte sie in den heißen Ofen, dann aß ich sie. Diese Kartoffelscheiben schmeckten mir so gut, als hätte ich nie etwas Besseres gegessen. Später sagten mir die anderen, dass der Mann, der mich geschlagen hatte, Pole war; er lieferte die Kartoffeln an die Stadt. Was für einen hohen Preis hatte ich für eine Kartoffel bezahlen müssen …

Aber nun genug von all dem Traurigen. Ich möchte allen Mitgliedern Ihres Vereins und ihren Familien ein Frohes Neues Jahr 2010, beste Gesundheit und Frieden wünschen. Mögen Ihre Arbeit und Ihr Kampf für den Frieden auf der Welt von Erfolg gekrönt sein!

Mit den besten Grüßen,

F. A. Platonow, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges

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