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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

180. Freitagsbrief (vom 10. August 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Rostow
Bezirk Krasnosulinskij
Fedor Demjanowitsch Selesnew.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins!

Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen sehr für Ihr Interesse und Ihre Anteilnahme am Schicksal eines einfachen russischen Soldaten. Ich, Fedor Demjanowitsch Selesnew, wurde am 14.10.1923 im Dorf Molokanskij geboren, in dem ich bis heute lebe. Im November 1941 kam ich durch Einberufung des Kriegskommissariats in Lichowskoj an die Front und wurde nach Charkow geschickt. Ich war Soldat in der 6. Armee, Division 266, Regiment 1006. Am 12. Mai 1942 wurde ich während eines Gefechts in Aleksejewka bei Charkow schwer verwundet, ich hatte zwei Rippenbrüche und eine Verletzung an der Lunge. Als ich im Lazarett war, wurden wir von den Deutschen eingekesselt, konnten nicht mehr evakuiert werden und wurden am 27. Mai gefangen genommen. Die Deutschen brachten uns nach Tscherkassy im Gebiet Kiew [?]. Drei Monate lag ich dort im Lager, die Lebensbedingungen waren entsetzlich, ich lag auf Stroh, litt Hunger. Sehr viele Soldaten sind dort gestorben. Nur 20% haben überlebt.

Im Oktober 1942 brachten sie alle, die noch am Leben waren, mit dem Zug nach Deutschland, zur Quarantäne ins Lager 326 [Stukenbrock]. Ich war dort einen Monat, dann kam ich in ein Zementwerk im Kreis Aachen, 7 km von der belgischen Grenze entfernt, an der Bahnstation Wolgaem […heim?]. Dort habe ich anderthalb Jahre lang gearbeitet. Wir wurden geschlagen wie die Hunde, bekamen nur eine Hungerration, lebten in Baracken hinter Stacheldraht.

Danach kam ich in ein Bergwerk nahe Bonn zu einem seigeren Schacht. Mein Arbeitskollege hieß Gustav, er war Deutscher, ein guter Mensch, Ziviler aus Bonn. Wir arbeiteten dort mit dem Presslufthammer. Am 7.4.1945 brachten sie mich nach Hemer ins Lager Jamy [Grube] zur Vernichtung. Viele sind dort gestorben. Am 14.4.1945 um 14 Uhr wurden wir von der 9. Amerikanischen Armee befreit, gerade rechtzeitig zu Ostern. (…) Ich kam dann nach Lüdenscheid, dort wurden wir gut versorgt. Später brachten sie uns nach Bergen-Belsen und von dort aus fuhren wir dann schon nach Russland, das war im November 1945.

Nach dem Krieg habe ich fünf Jahre bei uns im Bergwerk Nr. 17–22 Swerewskaja als Kohlenhauer gearbeitet, dann 13 Jahre lang im Bergwerk Swerewskaja-2 beim Abbau. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich dann als Viehhirt in der Kolchose gearbeitet sowie beim Bau der Geflügelanlage in Krasnosumensk. Insgesamt habe ich 45 Jahre lang gearbeitet.

Heute bin ich 86 Jahre alt, mein Sohn Jewgenij ist 56 Jahre alt, sein Sohn 30 Jahre alt. Meine Tochter Olga ist 53 Jahre alt, sie hat zwei Söhne und eine Tochter. Meine Frau ist vor acht Jahren gestorben. Ich lebe allein. Ich habe ein kleines Haus, einen Garten und eine kleine Hauswirtschaft - acht Hühner. Gesundheitlich geht es mir nicht besonders. Die alten Kriegsverletzungen und die schwere Arbeit im Bergwerk machen sich bemerkbar.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Anteilnahme. Ich habe mich sehr über Ihren Brief gefreut und Ihr Interesse an uns, den einfachen russischen Soldaten.

Mit den besten Grüßen,

F. D. Selesnew.

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