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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

179. Freitagsbrief (vom Februar 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Rostow am Don
Aleksandr Mitrofanowitsch Golowanew.

Sehr geehrte Herren (…) und liebe Bürger des vereinigten Deutschland, denen das Schicksal der Opfer des deutschen Faschismus am Herzen liegt!

Ich danken Ihnen für Ihre Mühe und für die Hilfe und dafür, dass Sie nach 65 Jahren an mich gedacht haben.

Heute versuchen viele falsche Historiker, die Geschichte umzuschreiben und alles auf den Kopf zu stellen, die Henker an die Stelle der Opfer zu setzen und umgekehrt und zu zeigen, dass die Nazis den Kommunismus bekämpft haben; aber es bleibt die Tatsache, dass die Nazis bis zum Juni 1941 Europa besetzt hatten, wo kein Kommunismus war, bis an die Grenze zur Sowjetunion, und am 22. Juni 1941 verstießen sie gegen den Ribbentrop-Molotow-Nichtangriffspakt und überfielen am frühen Sonntagmorgen ohne Vorwarnung unser Land und fügten den friedlichen Bürgern des ersten Arbeiter- und Bauernstaates der Welt unermessliches Leid zu. Ich bin ein friedlicher Landarbeiter, ich war nie Kommunist, wie auch die meisten meiner Landsleute, die in diesem Krieg ums Leben gekommen sind. Wir haben keinen Angriff geplant, das ist der Grund für unsere großen Verluste während des ersten Kriegsjahres. Russland hat nicht nur einmal die Völker Europas von den Hitlers und Napoleons jeder Couleur gerettet.

Ich möchte Ihnen von meinen Erlebnissen in diesem schrecklichen Krieg erzählen. Ich bin jetzt 93 Jahre alt, ich wurde am 15. Mai 1915 in einer kinderreichen Bauernfamilie geboren. Gleich in den ersten Tagen nach dem hinterhältigen Überfall Nazi-Deutschlands auf unser Land habe ich mich freiwillig an die Front gemeldet, um meine Heimat gegen die Angreifer zu verteidigen. Anfang Oktober 1941 geriet ich während der erbitterten Kämpfe bei der Verteidigung der Hauptstadt der Ukraine Kiew (in der Gegend von Belaja Zerkow) in einen Kessel am Fluss Dnjepr. In Folge einer Explosionswelle erlitt ich eine Schädelprellung, bewusstlos wurde ich gefangen genommen. Ich war damals 26 Jahre alt.

In der Gefangenschaft sah man uns nicht als Menschen an, sogar Tiere haben die Nazis besser behandelt als uns, wir bekamen verfaulten Kohl und Reste von Möhren zu essen – wenn man das als Essen bezeichnen kann; Suppe bekamen nur diejenigen, die arbeiten konnten, die stärker waren, es gab nicht genug für alle. Sie warfen ihre Essensreste in die Menge und lachten darüber, wie die hungrigen und geschwächten Menschen sich gegenseitig verfaultes Gemüse aus den Händen rissen. Im Winter bespritzten sie die Leute bei Frost mit kaltem Wasser aus dem Schlauch, das hieß bei ihnen „Desinfektion“, am Morgen nach diesen Prozeduren gab es besonders viele neue Leichen. Jeden Tag starben einige Menschen an Hunger, Kälte oder Krankheiten. Von 10 800 Häftlingen im österreichischen Lager für Kriegsgefangene waren zum Zeitpunkt der Befreiung durch die amerikanischen alliierten Truppen 1945 nur noch 1800 am Leben, d.h. nur jeder siebte Gefangene hat überlebt. Ich hatte das Glück, trotz dieser schrecklichen unmenschlichen Bedingungen am Leben zu bleiben, was ich nur meiner von Natur aus guten Gesundheit und meinem Freund und Kollegen zu verdanken habe. Er war körperlich viel stärker als ich, deshalb musste er die Gräber für die Toten ausheben, und damit er genug Kraft für diese schwere physische Arbeit hatte, bekam er mehr Essen als die einfachen Häftlinge, und er brachte mir unter dem Hemd einen Teil seiner Ration.

Einmal haben mein Freund und ich versucht, aus der Gefangenschaft zu fliehen, aber an der Frontlinie wurden wir aufgegriffen und sie brachten uns zurück ins Lager, wo wir brutal verprügelt und in den Karzer gesperrt wurden. Sie hatten uns mit dem Bajonett so oft ins Gesäß gestochen, dass ich weder sitzen noch liegen konnte, ich bin fast gestorben, weil ich so viel Blut verloren habe. Kurz vor Kriegsende kamen wir in einen Rüstungsbetrieb, in dem Panzer repariert und Panzerersatzteile hergestellt wurden. Wir wurden als kostenlose Arbeitskräfte für verschiedene Handlangerdienste eingesetzt. Einmal konnte ich aufgrund meiner Entkräftung infolge des ständigen Hungerns ein Ersatzteil nicht halten und ließ es auf die Drehscheibe einer Maschine fallen, daraufhin verkeilte sich die Maschine, sie beschuldigten mich, vorsätzlich dem Betrieb schaden zu wollen, und ich wurde brutal verprügelt, blieb nur durch ein Wunder am Leben.

Auch im deutschen Hinterland, im von den Nazis besetzten Gebiet der Ukraine, war es übrigens kein Zuckerschlecken, wie meine Frau mir erzählt hat. Die Nazis zündeten das Dorf an, trieben das gesamte Vieh nach Deutschland, draußen waren es minus 35 Grad, im Dorf blieben nur Frauen mit kleinen Kindern und Greise zurück. Die Dorfbevölkerung grub sich Erdhöhlen im Wald und klaubte auf den Feldern die Reste von gefrorenen Kartoffeln und Weizen auf, die nach der Ernte übrig geblieben waren.

Ich danke unseren Verbündeten, den Amerikanern, dass sie uns rechtzeitig befreiten, bevor die Nazis uns alle zu Tode quälen konnten. Das war am Tag vor meinem 30. Geburtstag, ich wog etwa 35 kg, war ein mit Haut überzogenes Skelett, Muskeln hatte ich praktisch keine mehr. Von Mai bis Juli 1945 wurde ich von der Sonderabteilung der Roten Armee überprüft, man konnte mir nichts vorwerfen und erkannte an, dass ich nicht freiwillig in die Gefangenschaft gegangen war, sondern gegen meinen Willen. Im Herbst des Siegesjahres 1945 wurde ich mit einer Medaille für die Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg ausgezeichnet.

Dann begann die Friedens- und Aufbauzeit, die ganz im Zeichen des Wiederaufbaus meines von den Nazi-Besatzern zerstörten und vollständig abgebrannten Heimatdorfes im Gebiet Woronesh stand. Im Herbst des gleichen Jahres habe ich geheiratet. Ich habe zwei Söhne und zwei Töchter großgezogen, habe mit meinen eigenen Händen ein Haus aus Stroh und Lehm - den Materialien, die zur Hand waren – gebaut. Heute habe ich drei Enkel und drei Enkelinnen, fünf Urenkelinnen und zwei Urenkel. Mit meiner Frau habe ich 53 gemeinsame Lebensjahre verbracht, ich habe bis 70 Jahre im Betrieb gearbeitet. Vor zehn Jahren ist meine Frau gestorben. Unsere Regierung kümmert sich jetzt gut um die Kriegsveteranen, meine Rente als Veteran beträgt etwa 400 Euro, was ziemlich viel ist, denn die durchschnittliche Rente der russischen Rentner liegt bei etwa 100 Euro im Monat. Deshalb ist die Hilfe Ihrer Stiftung für mich nicht so wichtig, und außerdem kann sie natürlich die Erniedrigungen und Schikanen, die ich während der vier Jahre in Nazi-Gewahrsam erdulden musste, nicht aufwiegen. Erst wollte ich das Geld nicht annehmen, später habe ich aber erfahren, dass das Geld nicht von der deutschen Regierung kommt, die anscheinend meint, dass sie niemandem eine Wiedergutmachung für die Schikanen der deutschen Nazis schuldig ist, sondern von deutschen Bürgern, die selbst gar nicht am Krieg teilgenommen haben, aber trotzdem anscheinend irgendeine Verantwortung für die Taten ihrer Vorfahren empfinden, die so hinterrücks unser friedliches Russland angegriffen und so viel Leid und Schmach über uns und die meisten Völker Europas gebracht haben. Da habe ich beschlossen, das Geld anzunehmen, denn ich möchte die deutschen Bürger nicht kränken, deren Gewissen reiner ist als das der deutschen Regierung. Und wenn also die Deutschen eine Schuld empfinden gegenüber den Gefangenen in den Nazi-Lagern, dann besteht Hoffnung, dass sich so etwas nicht mehr wiederholen wird.

Mit den besten Grüßen an die Mitarbeiter der Stiftung und alle deutschen Bürger, die für die Häftlinge der Nazi-Lager gespendet haben, der russische Soldat Aleksandr Mitrofanowitsch Golowanew, Obersergeant der Roten Arbeiter- und Bauernarmee

(Anmerkung: Herr Golowanew wurde nicht von einer Stiftung, sondern vom Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer begünstigt.)

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