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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

178. Freitagsbrief (vom 2. Dezember 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Iwan Jakowlewitsch Antipow
Russland
Republik Tatarstan
Geb.: 3. November 1923.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI, ich habe Ihren Brief und die materielle Hilfe in Höhe von 13 498 Rubel erhalten, vielen Dank dafür. Danke für Ihre Aufmerksamkeit zu uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen. (…)

In Gefangenschaft geriet ich am 24. Juli 1942, die Kämpfe waren in der Stalingrader Richtung. Damals war ich nicht mal 19. Als man uns fasste, führten uns die Deutschen an einen Sammelpunkt in der Nähe des Bahnhofs von Millerowo Gebiet Rostow, danach kamen wir in ein Lager [Dulag 186 ?]. Auf dem Bahnhof verpflegte man uns mit angebranntem Weizen. Aus dem Lager wurden wir zur Arbeit über 7 km gejagt, wo eine direkte Eisenbahnverbindung zur Stadt Woronesh gebaut wurde. Man verpflegte uns schlecht, Brot gab es 200 gr., das zur Hälfte aus Sägespänen bestand. Auf dem Weg zur Arbeit versuchten wir von der Erde alles aufzuheben, was essbar entlang des Weges wuchs. Wir waren hungrig und riskierten den Tod, um zu essen. Es gab Fälle, wo auch getötet wurde. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich an der Eisenbahn gearbeitet habe. Die Kräfte verließen mich. Ich konnte die Erde nicht mehr auf die Loren schaufeln. Werfe eine Schaufel und stehe. Der Deutsche sah, dass ich stehe, kam zu mir und schlug mich mit dem Gewehrkolben. Das war mehrmals so. Dann hat er mich zum Lorenschieben eingeteilt. Dort war ein Gefälle, die Lore rollte schnell, die Beine versagten den Dienst auf den Schwellen und ich wurde an die Erdwand gedrückt. Man trug mich zur Seite und legte mich auf die Erde. Es kam ein Deutscher mit einem Stock und begann mich zu prügeln. Ich verlor das Bewusstsein, wachte erst zum Ende des Arbeitstages auf und sah neben mir Stücke des zerbrochenen Stocks. Nach Arbeitsende hob mich ein gefangener Soldat auf und führte mich ins Lager. Der Deutsche prügelte mich wieder mit dem Gewehrkolben. Ich wusste nicht mehr, wie man mich zum Lager geführt hatte. Ich kann mich heute noch an den Soldaten erinnern. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich nicht am Leben. Tausend Dank ihm.

Man überführte uns dann in Lager auf den Gebieten Poltawa [Stalag 357] und Kiew [Stalag 337]. Aus dem Lager in Belaja Zerkow [Stalag 334] brachte man uns nach Ostdeutschland. Dort war ich bis März im Lager, verpflegt wurden wir mit gekochten Kohlrüben. Dort sah ich eine Scheune, wo man die toten Gefangenen stapelte, entkleidet, nur mit der Gefangenennummer am Hals.

Danach kam ich in ein Arbeitskommando zur Arbeit bei einem Großgrundbesitzer. Die Kleidung war zerlumpt, man staffierte uns etwas aus, gab uns Kaltverpflegung. Führte uns in eine gesonderte Baracke, wir begannen, uns die Verpflegung zu teilen. Bald darauf kam ein Deutscher und fragte auf Russisch, wer die Toilette verschmutzt habe, auf die die Deutschen gehen. Niemand meldete sich. Da erfolgte der Befehl: „Alle auf, in Reihe antreten“. Ich war der erste in der Reihe. Der erste Knüppelschlag landete auf meinem Hals, wo Geschwüre, Furunkel waren. Der Schmerz war unerträglich. Die Toilette mussten wir mit nackten Händen säubern.

Man jagte uns in das Dorf Breitenfeld Gebiet Nowgrad [Breitenfelde Kreis Naugard/Pommern], zu einem Großgrundbesitzer. Wir hatten keine Kraft mehr. Waren nur noch Haut und Knochen. Man gab uns eine Woche zur Erholung. Gefangene, die man vorher hierher getrieben hatte, warnten uns, dass wir nicht viel essen sollten: „Sonst sterbt ihr“. In diesem Dorf war ich von März 1943 bis März 1945, genau zwei Jahre. Insgesamt war ich 2 Jahre und 8 Monate in Gefangenschaft. All die Jahre arbeitete ich unter Bewachung, ohne Arbeit sitzen gab es nicht. Ich erinnere mich, dass ich einen Korb Kartoffeln auf dem Feld gesammelt hatte, warte, dass der Traktor mit dem Hänger kommt, um ihn zu entleeren. Der Wachmann sah das, sagte auf Deutsch: ausschütten. Ich zeigte auf den Hänger. Er legte eine Patrone ein, brauchte nur noch auf den Abzug zu drücken. Ich schüttete alles aus. Dann kam der Hänger, ich begann die Kartoffeln wieder in den Korb einzusammeln.

Die Zeit verging, wir sahen, dass durch das Dorf, wo wir uns aufhielten deutsche Soldaten auf dem Rückzug nach Westen zogen. Es kam der Befehl zum Rückzug für die Bevölkerung zusammen mit den Gefangenen. Uns Gefangene führte man bis zur Hafenstadt Greifswald. Dort machten wir Rast. Dort verließen uns die Bewacher und entflohen. Uns befreite die russische Armee am 30. April 1945.

Aus den Gefangenen wurde ein Reserveregiment formiert. Nach Kriegsende diente ich bis März 1947 in der Armee. Nach Hause kehrte ich am 8. März 1947 zurück. Von zu Hause, meiner kleinen Heimat, bin ich nicht weit weg gefahren. Lebe in 16 km Entfernung von ihr. Gegenwärtig kann ich über mein Leben nicht klagen, aber die Jahre, die ich in der Gefangenschaft verbrachte, haben meiner Gesundheit geschadet. Ich bin Invalide der II. Kategorie mit allgemeinen Erkrankungen des Nervensystems, des Magen-Darmtraktes, höre und sehe schlecht. Bemühe mich, mich mehr zu bewegen. Im Februar diesen Jahres ist meine Frau gestorben. Gemeinsam haben wir über 57 Jahre zusammen gelebt. Ich lebe neben meiner Tochter und ihrer Familie in einem Aufgang auf einem Stockwerk.

Der Präsident und unsere Regierung widmet den Veteranen jenes grausamen Krieges viel Aufmerksamkeit. Ihnen vielen Dank.

Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen Erfolge in der Erziehung der Jugend, dass Frieden herrsche auf der Welt.

Hochachtungsvoll Antipow I. Ja.

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