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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

177. Freitagsbrief (vom 12. Dezember 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Sankt Petersburg
Aleksandr Michajlowitsch Tschistow.

Guten Tag, sehr geehrte Herren Dr. Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski,

hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief bekommen habe. Ich danke Ihnen für das Geld.

Sie interessieren sich dafür, wie mein Leben verlaufen ist. Nach der Befreiung musste ich im Bergwerk arbeiten und mich der staatlichen Überprüfung unterziehen. Nach der Überprüfung wurde ich in ein Lager geschickt, in dem deutsche Kriegsgefangene gehalten wurden. Wir haben das Lager bewacht, haben die Gefangenen zur Arbeit gebracht. Im Herbst mussten wir sie zur Kartoffelernte in die Kolchose bringen, wo meine Schützlinge sich anständig die Taschen voll packten; in der Kolchose beschwerte sich aber keiner darüber, und ich erlaubte es ihnen, die Sachen mit ins Lager zu nehmen, was in Deutschland wohl kaum erlaubt worden wäre.

1946 wurde unsere Garnison aufgelöst, es kamen andere Kadereinheiten. Ich und eine Reihe anderer Kameraden blieben aber im Personalbestand des Lagers. Ich wurde Lagerverwalter, sorgte für die Lebensmittelversorgung des Lagers, gab das Essen an die Kantine aus, besorgte neue Uniformen, kurz: ich war für die Versorgung des Lagers zuständig. Ich musste alleine arbeiten, obwohl man mir Helfer zuwies, auf die konnte man sich aber nicht verlassen - sprich, sie ließen immer wieder etwas mitgehen. Bis dann eine Gruppe deutscher Gefangener aus Iwanow bei uns eintraf, unter ihnen war einer, der Russisch sprach, er war in der deutschen Armee Sanitätsinstrukteur gewesen, er hieß Adolf Laube und wurde zu meiner rechten Hand, ein überaus ehrlicher und anständiger Mensch. Die Zeiten waren schwer, oft bekamen wir Besuche von der Überprüfungskommission, geplante oder unangekündigte. Aber bei uns war immer alles in Ordnung. Es war sehr anstrengend, die Säcke und Fässer zu schleppen, und ich sagte zu ihm, nimm Dir doch einen Gehilfen, aber das wollte er nicht. Er sagte, er könne noch so gut aufpassen, sie würden doch irgendetwas mitgehen lassen. Als er das sagte, da wusste ich, dass bei uns immer alles in Ordnung sein würde und dass er Recht hatte. Mit Erlaubnis der Lagerleitung und auf meine Verantwortung ließ ich ihn sogar zur Brotfabrik fahren und das Brot abholen. Kurzum, er war ein grundanständiger und ehrlicher Mensch. Es gab auch ganz andere Schlaumeier, aber es lohnt sich nicht, von ihnen zu erzählen, ich würde Ihnen damit nur die Zeit stehlen.

Mit der Auflösung des Lagers 1949 kehrte ich nach Leningrad zurück; damit begann mein Leben nach der Armee. Erst war es schwer, aber mit der Zeit fügte sich alles, obwohl sich die Gefangenschaft natürlich bei der Arbeitssuche auswirkte.

Über das Leben unserer Kriegsgefangenen ist schon viel geschrieben und diskutiert worden. Deshalb möchte ich das Leben der Deutschen in unserem Lager beschreiben. Sie, die Kriegsgefangenen, hatten Bettwäsche, was wir dort nicht hatten. Verpflegt wurden sie nach der Norm, das waren 500 g Brot, 900 g Gemüse, Fleisch, Fisch, Fett, Reis oder Grieß und auch Tee, die Grammangaben weiß ich nicht mehr alle. Sie arbeiteten acht Stunden und die Offiziere, vom Major an aufwärts, waren ganz von der Arbeit befreit, sie hatten eine andere Verpflegungsnorm und ihren eigenen Koch. Zum Vergleich: ich selbst musste dort 12 Stunden und mehr arbeiten, Essensausgabe, Uniformen und Schuhe austauschen, etc. Aber nun genug vom Lagerleben.

(…) Jetzt wächst bereits die dritte Generation nach dem Krieg heran und man sollte ihnen keine Vorwürfe für die Taten der älteren Generation machen. Russland und Deutschland waren historisch verbunden, unter Peter dem Großen gab es bereits Ansiedlungen von Deutschen und unter Katharina der Großen kamen die Deutschen in Scharen. Als es möglich wurde, haben unsere Kinder Brieffreundschaften mit deutschen Kindern geschlossen, bei manchen hat die Freundschaft bis heute ins Erwachsenenalter gehalten. Jetzt wird die Gaspipeline „Nord Stream“ von Russland nach Deutschland gebaut, das ist auch ein Zeichen der Freundschaft.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht sofort geantwortet habe, aber meine Frau und ich leben den größten Teil des Jahres im Dorf, weil es besser für die Gesundheit ist. Bitte entschuldigen Sie auch, dass mein Brief so verworren ist, kaum habe ich den Stift zur Hand genommen, da kamen mir so viele Gedanken in den Kopf, der Kopf scheint mir zu zerspringen. Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass solche wie Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt und ich hoffe, in der Mehrheit sind es gute Menschen, und einer von ihnen war der Arbeiter in der Lagerkantine, er hieß Felix Kitzner, 1948 hat er für uns zur Hochzeit eine Torte gemacht, in die er sein ganzes Herz hineinlegte, das kann man daran sehen, dass meine Frau und ich jetzt schon 62 Jahre zusammenleben.

Mit freundlichen Grüßen,

Aleksandr Tschistow

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