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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

176. Freitagsbrief (vom September 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Pensa
Petr Michajlowitsch Sakidin.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich, Petr Michajlowitsch Sakidin, geb. 1919, Russe, wohnhaft in Semetschino, habe am 6.8.2009 Ihren Brief aus Berlin bekommen. Für mich kam der Brief sehr überraschend und ich habe mich sehr gefreut. Ich hätte nie damit gerechnet, ein Schreiben mit der Bitte um Entschuldigung und der Mitteilung einer finanziellen Unterstützung zu bekommen.

Für den Brief danke ich Ihnen, das Geld aber brauche ich nicht. Sie sollten es nicht von den einfachen Leuten sammeln. Wenn Ihr Land keine Entschädigung an die Kriegsgefangenen zahlen will, dann heißt das, dass es keine Schuld fühlt an dem entsetzlichen Leid, das uns zugefügt wurde.

Im Mai 1942 gerieten wir bei Smolensk in einen Kessel. Ich wurde verwundet und geriet in Gefangenschaft. Das Lager war in Freiberg.

Ich habe drei Jahre in einer Fabrik gearbeitet, im Zinkwerk Winberstahl [Freiberger Zinkwerk?]. Dort wurden Gasmuffen gegossen. Meine Lagernummer war 186886, die Arbeitsnummer 37. Diese Jahre, die ich im Lager verbracht habe, habe ich mein Leben lang nie vergessen; Hunger, Kälte, wie sie uns zur Arbeit trieben. Die Leute starben direkt an den Maschinen. Nach der Arbeit kehrten wir ins Lager auf unsere kalten, feuchten Pritschen zurück. Um nicht zu verhungern haben viele Katzen oder Ratten gegessen.

Ich bin jetzt 90 Jahre alt, in meiner Erinnerung ist vieles durcheinander gekommen, vieles habe ich vergessen, aber der Krieg und die Gefangenschaft sind bis heute wie frische Wunden geblieben.

Am 5. Mai 1945 wurden wir von der russischen Armee befreit. Sie wissen wahrscheinlich, wie man uns Gefangene nach der Heimkehr aus dem Krieg und aus der Gefangenschaft behandelt hat. Es gab alles, Erniedrigungen und Beleidigungen, sie gaben einem keine Arbeit, wir wurden von den anderen abgesondert. In unserer Siedlung gab es viele von uns Kriegsgefangenen. Alle waren in verschiedenen Lagern und für keinen von uns war die Gefangenschaft ein Paradies gewesen. Wenn ich an diese Jahre zurückdenke, zieht sich mir alles zusammen, meine Hände ballen sich zu Fäusten, Tränen treten mir in die Augen. So haben wir damals gelebt. Viele haben gesagt, na, du hast den Krieg ruhig in der Gefangenschaft abgesessen. Aber lieber noch an die vorderste Front als dorthin.

Jetzt sind wir anerkannt. Jedes Jahr bekomme ich zum Tag des Sieges viele Geschenke. Zum 60. Jahrestag hatten sie uns eine Renovierung unserer Wohnung versprochen. Ich bekomme eine Rente, sie ist hoch genug.

Ich bin jetzt Invalide ersten Grades. Vor drei Jahren hatte ich eine rechtsseitige Lähmung und war im Krankenhaus. Dank der Behandlung und Pflege kann ich mich jetzt einigermaßen fortbewegen.

Im Krieg wurde ich verwundet, hatte eine Verletzung von einem Splitter in der Hüfte. Ich lag im Lazarett, habe aber leider keine Bescheinigung darüber, dass ich damals verletzt war. Ich habe ein Gesuch ans Archiv geschrieben, aber natürlich haben sie mir nichts geschickt. Naja und jetzt macht es wahrscheinlich auch schon keinen Sinn mehr.

Hiermit möchte ich meinen Brief beenden, und richten Sie Ihren jungen Leuten aus, sie sollen kein fremdes Eigentum begehren, damit sie in Frieden und in Freundschaft leben können.

Voller Achtung vor Ihnen,

Auf Wiedersehen.

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