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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

175. Freitagsbrief (vom 18. November 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kreis Krasnodar
Armawir
Michail Iwanowitsch Kosjakin.

Sehr geehrte Mitarbeiter der humanitären Hilfsaktion, guten Tag! Ich danke Ihnen sehr, und ich danke dem deutschen Volk für das gesammelte Geld, das ich bekommen habe.

Ich war drei Jahre in der Gefangenschaft, es war eine schreckliche Zeit, manchmal hatten wir 4–5 Tage weder Essen noch Wasser, die Nazis und die deutschen Soldaten waren brutal und schikanierten uns wie sie lustig waren. In den Lagerbaracken gab es nur einfache Pritschen, keine Decken oder Bettwäsche. Im Winter wurden die Baracken nicht geheizt, drei Jahre lang habe ich nie ein Bad genommen, wir arbeiteten 12 Stunden am Stück, an den Füßen hatten wir Holzschuhe, zum Essen bekamen wir nur Rüben, und auch davon nicht so viel, dass wir satt wurden. Brot bekamen wir selten und wenn ja, dann nur 200 Gramm und halb gebacken. Ich war völlig entkräftet, wog noch 30 Kilogramm. Nur Haut und Knochen, aber ich bin am Leben geblieben, ich war damals 25 Jahre alt, jetzt bin ich 93.

Liebes deutsches Volk, liebe junge Leute, ich wünsche Euch Freundschaft zwischen den Völkern und nie mehr Krieg.

Voller Achtung vor Ihnen,

M. I. Kosjakin.

(…)

Sehr geehrter Herr Eberle,

Es schreibt Ihnen Wasilij Michajlowitsch Kosjakin, der Sohn von Michail Iwanowitsch. Ich habe das erste Mal davon erfahren, dass mein Vater in Gefangenschaft war, nachdem ich 1969 die Schule abgeschlossen hatte, und zwar erzählte er es mir selbst. Das war für mich ein Schock und das Erste, was ich empfand, war Hass auf die Deutschen. Heute, nachdem so viele Jahre vergangen sind, sehe ich alles, was passiert ist, in einem anderen Licht. Darüber, was meinem Vater an der Front, in der Gefangenschaft und nach dem Krieg widerfahren ist, könnte man ein ganzes Buch schreiben. Für den Anfang werde ich versuchen, die Ereignisse kurz wiederzugeben. Mein Vater wurde am 19.11.1916 geboren, in der Nähe von Zarizyn, dass später Stalingrad und dann Wolgograd wurde. Nach der Schule zog er nach Stalingrad, machte eine Ausbildung zum Drechsler und arbeitete dann in der Fabrik „Barrikady“. Ende 1941 wurde er in die Armee eingezogen. Im Mai 1942 kam er an die Front. Am 10.6. geriet seine Einheit bei Charkow in einen Kessel, es folgte die Gefangenschaft. Erst war er in einem Durchgangslager in Polen, in dem die Lebensbedingungen unerträglich waren, einmal bekamen sie fünf Tage weder Wasser noch Brot. Dann Deutschland, ein Arbeitslager in der Nähe von Dresden. Er hatte insofern Glück, als dass die Gefangenen in dem Bereich, in den er kam, fast nicht arbeiten mussten. Einer der älteren deutschen Arbeiter sagte dort zu ihm: „Michel, Deutschland wird Russland niemals besiegen.“ Unter Ihren Landleuten gab es unterschiedliche Menschen, wie überall. Einer der Vorarbeiter brachte meinem Vater manchmal Birnen mit, führte ihn in ein extra Zimmer und sagte ihm, er solle schneller essen, da es ihnen verboten war, den Gefangenen Essen zu geben. Mein Vater erzählte, dass die russischen Gefangenen immer hungrig waren und deshalb oft Verzweiflungstaten begingen, sie flohen nachts aus dem Lager und gingen in die nah gelegenen Städte, um dort Lebensmittel zu stehlen. Mein Vater wog zu der Zeit nicht mehr als 30 Kilo.

Am 7.5.1945 wurde er in der Tschechoslowakei aus der Gefangenschaft befreit. Er diente noch ein weiteres Jahr in der Armee, dann kehrte er nach Hause zurück. Er lebte und arbeitete in der Nähe von Wolgograd und in Wolgograd. Heute leben wir in Armawir im Gebiet Krasnodar, wir haben ein eigenes Haus. Vater ist trotz seines hohen Alters noch gut auf den Beinen und kann arbeiten. Er pflanzt und zieht Gemüse, gräbt den Garten um.

Mit freundlichen Grüßen,

Wasilij Michajlowitsch Kosjakin.

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