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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

174. Freitagsbrief (vom 22. Februar 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Belarus Gebiet Mogilew Iwan Dmitrijewitsch Solonowitsch.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

vielen Dank, einen riesengroßen Dank für Ihre Achtung, (…) Ich kann meinen Dank nicht ausdrücken. Es fehlen einfach passende Worte. Ihr Brief ist ohne Tränen nicht zu lesen. Sie haben mich, einen einfachen Mann, mit Verständnis und Respekt behandelt.

Jetzt werde ich ein bisschen über meine Person berichten. Ich bin ich Jahre 1921 im Dorf Ljubonitschi, Bezirk Kirowskij, Gebiet Mogilew geboren. Im November 1940 wurde ich in die Armee eingezogen. Ich diente als einfacher Soldat in der 12. Schützenbrigade. Am 22. Juni 1941 begann der Krieg. Ich wurde an die Front geschickt. Im Juli 1941 wurde ich in der Ukraine schwer verletzt. Ich lag lange allein. Ich hatte großen Blutverlust. Endlich wurde ich abgeholt und zusammen mit anderen Verletzten mit einem Zug in die Stadt Kislowodsk gebracht. Dort wurde ich 9 Monate lang behandelt. Nach der Genesung schickte man mich wieder an die Front. Ich kam nach Kertsch auf der Krim. Gerade dort geriet ich in einen Kessel. Ich wurde von den Deutschen gefangen genommen und nach Hagen in Deutschland verschleppt. Dort befand ich mich in einem Kriegsgefangenenlager. Gerade im Lager begann für mich der Schrecken des Krieges.

Die Menschen waren dünn und entkräftet, mit weißen Gesichtern. Man musste auch noch arbeiten. Jeden Tag starben viele Menschen. Ich überlebte dank eines Wunders. Das Essen war kalorienarm, sehr bescheiden: es wurden ein bisschen Rüben geschnitten, dazu Wasser. Das wars. Das nannte man „Suppe“. Zusätzlich gab es 200 Gramm Spänebrot. So war das Essen für den ganzen Tag.

Ich arbeitete zuerst auf einer Baustelle in Hagen. Danach arbeitete ich im Werk von Schmidt. Ich bediente eine Fräse und fertigte Teile. In der Werkhalle arbeitete ein Vorarbeiter, ein Deutscher. Er war ein sehr guter Mensch, sehr menschlich. Er schrie nie, schimpfte auf keinen. Er zeigte Mitleid. Ich war sehr dünn. Der Vorarbeiter beauftragte mich, in der Küche zu arbeiten. Ich war für die Lebensmittelzufuhr zuständig. Ich weiß nicht, ob der Mann noch lebt. Ich habe seinen Name vergessen. Im Lager wurden wir dagegen regelmäßig erniedrigt und geschlagen. Das habe ich gut in Erinnerung. Es gab einen Polizaj. Er war Pole. Jeden Morgen beim Appell stand der mit einem Gummistock, manchmal auch mit einem Eisenstab, und schlug Menschen.

Es ist schwer, sich an das Ganze zu erinnern. Vieles habe ich nicht mehr im Kopf. Ich hielt mich in Deutschland bis 1945 auf. Danach wurde ich von amerikanischen Truppen befreit. Ich und andere Kriegsgefangene wurde mit Bahnwaggons nach Brest gebracht. Wir, schwache, kranke, arbeitsunfähige, wurden nach Sibirien geschickt. Die Station hieß Issa. Dort sollte ich zwei Jahre arbeiten. Ich durfte nicht heimkehren. Es kam der sofortige Arbeitseinsatz. Wir wurden als Vaterlandsverräter eingeordnet, nur aus einem einzigen Grund, dass wir in Kriegsgefangenschaft gerieten. Wir zerkleinerten große Tonstücke, stapelten sie. Danach wurde der Ton mit Wagen weggebracht. Ich verbrachte dort 1,5 Jahre. Ich wurde krank und bekam Urlaub. Ich kehrte nicht mehr zurück. Die Eltern waren schon tot. Ich hatte einen einzigen Verwandten, einen Bruder. Der zweite Bruder, Lokführer von Beruf, war an der Front gefallen.

Ich kam nach Hause ohne Ausweispapiere, weil ich noch ein halbes Jahr in Sibirien arbeiten musste. Die Arbeit war schwer. Ich konnte nicht studieren. Es fehlten Kleidung und Schuhe. Ich suchte meine Unterlagen. Ich brauchte eine Bescheinigung, dass ich in Kislowodsk verwundet war. Es ergab sich, dass meine Papiere nicht zu finden waren. Das Archiv war ausgebrannt. Ich erreichte nichts.

Heute bin ich 86 Jahre alt. Ich verwundere mich, dass ich damals überlebte, dass ich noch am Leben bin. Jetzt bin ich schwer krank. Meine Beine, Hände, mein Magen tun weh. Alles tut weh. Meine Seele tut auch weh.

Meine Rente ist klein. Ich lebe mit der Ehefrau Sofia zusammen. Wir haben zwei Kinder und zwei Enkel. Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll. Wenn ich in Erinnerungen versinke, habe ich Kopfschmerzen. Ich bin oft sehr nervös. Es ist schwer sich überhaupt vorzustellen, wie ich das Ganze überlebt habe. Ich höre schlecht. In der rechten Hand habe ich immer noch Splitterreste. Ich kann keine Unterlagen, keine Nachweise finden.

Damit beende ich mein Brief.

Mit besten Wünschen

Iwan Dmitrijewitsch Solonowitsch und seine Ehefrau Sofia Wasiljewna.

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