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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

173. Freitagsbrief (vom November 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Grigorij Dmitriewitsch Schapka
Russland
Stawropolskij kraj.

An KONTAKTE-KOHTAKTbI.

Hiermit möchte ich auf Ihren Brief antworten.

1. In deutscher Gefangenschaft in der Ukraine.

Als ich in Gefangenschaft geriet, sperrte mich ein Deutscher in irgendeinen Schuppen. Ein paar Stunden später ließen sie mich heraus, ich kam zu einer Gruppe anderer Kriegsgefangener und man trieb uns zu Fuß Richtung Westen. Wir mussten mehrere Tage marschieren und unsere Kolonne wurde immer größer. Wir bekamen nichts zu essen, und ich blieb hinter den anderen zurück, ging am Ende der Kolonne. Wer so geschwächt war, dass er nicht mehr weitergehen konnte, wurde erschossen. Nachdem ich dieses schreckliche Schauspiel mitangesehen hatte, bemühte ich mich aus allen Kräften, weiterzugehen.

Wir wurden zu einem Lager für Kriegsgefangene gebracht und dort befahlen sie den Kommandanten, Politkommissaren und Juden, vorzutreten. Die Juden und die Politkommissare wurden sofort erschossen. Als sie unsere Kolonne dann ins Lager führten, wurden die Kommandanten von den einfachen Soldaten abgesondert und in einer Baracke eingesperrt. Wir bekamen im Lager eine Suppe aus verbranntem Weizen, und wenn jemand um eine Zulage oder um mehr Suppeneinlage bat, bekam er als Antwort mit der Schöpfkelle einen Schlag auf den Kopf.

Dann wurden wir mit dem Zug in Güterwaggons abtransportiert, wohin, das wussten wir nicht. Oberleutnant Titorenko, Unterleutnant Pusankow und ich wollten zusammen fliehen. Ich hatte noch ein Taschenmesser bei mir und so begannen wir, ein Loch in den Waggon zu schneiden, die anderen Kriegsgefangenen verboten es uns aber, da sie Angst hatten, mit uns erwischt zu werden. So beschlossen wir, nur in der Nacht zu arbeiten. Als die deutschen Wachleute das Loch im Waggon entdeckten, wurden wir alle in einen anderen Waggon gebracht und jeder von uns bekam mit dem Gewehrkolben einen Schlag auf den Rücken. Für das Loch im Waggon kamen wir alle drei ins Gefängnis von Dnepropetrowsk.

Während der ersten Tage in der Gefangenschaft wurden die Soldaten zur Arbeit getrieben, die Kommandanten aber nicht. Den Kommandeuren wurde das Geld weggenommen, sie ließen ihnen aber das Kleingeld. Für das Kleingeld haben wir bei den Soldaten Essbares gekauft. Als das Geld zu Ende war, tauschte ich meine neue Uniform gegen eine alte ein und konnte mir auf diese Weise etwas Kräftigendes besorgen.

2. In der Gefangenschaft in Deutschland.

Etwa einen Monat später kamen wir nach Deutschland in ein ständiges Lager in Moosburg [Stalag VIIA], wo sie uns eine große Nummer um den Hals hängten und fotografierten. Aus diesem Lager wurden wir weiter nach München überführt in ein Lager für Offiziere, dort mussten wir unter scharfer Bewachung (ein Wachmann für fünf Kriegsgefangene) schwerste Arbeiten ausführen. Unsere gesamte Kleidung und Wäsche wurde mit den großen Buchstaben SU gekennzeichnet, was Sowjetunion bedeutete, und der Kreis darum bedeutete Offizier.

Deutschland wurde von den Amerikanern sehr stark bombardiert sowie mit Maschinengewehren und Jagdflugzeugen beschossen. Als sich die Front Bayern näherte, also näher zu uns kam, und bereits die Artillerie zu hören war, wurden wir weiter in den Süden Deutschlands evakuiert.

Während der Evakuierung wurde unsere Kolonne von amerikanischen Flugzeugen beschossen. Im gleichen Moment floh ich in einer Gruppe von fünf Leuten in den Wald, damit retteten wir uns selbst das Leben, denn unsere Kolonne wurde ins KZ Dachau gebracht, wo die Kriegsgefangenen im Krematorium verbrannt wurden. Nach der Flucht gerieten wir zu den Amerikanern, die uns zu einem Sammelpunkt brachten. Dort formierten wir aus den Kriegsgefangenen ein Regiment, und gemeinsam mit den Soldaten versuchten wir, Plünderungen zu verhindern, wir griffen SS-Leute auf und übergaben sie an die Amerikaner.

Als ich in Deutschland in der Gefangenschaft war, war ich in einem Lager für Offiziere in München, und wir wurden von dort zur Arbeit gebracht, wo wir mit Deutschen zusammentrafen. Einige von ihnen sagten stolz und laut: „Stalin kaputt!“, andere wieder flüsterten uns „Hitler kaputt!“ ins Ohr und die dritten sagten „Stalin und Hitler kaputt“ und noch etwas auf Deutsch.

An Hitlers Geburtstag, mir scheint am 22. April, hingen überall und an jedem Haus Flaggen mit dem Hakenkreuz. Trotzdem hatten die Deutschen alle unterschiedliche Ansichten.

Wir mussten auch draußen arbeiten. Die deutschen Frauen, die vorbeigingen, legten uns vorsichtig belegte Brote hin, so dass wir es sahen, und legten dabei mahnend den Zeigefinger an die Lippen.

Die Frau meines Chefs arbeitete in einem Restaurant und ihr Mann brachte mir jeden Tag Kippen mit, die ich dann rauchte. Die Gefangenen aus anderen Ländern – Franzosen, Engländer, Amerikaner, Jugoslawen und andere – bekamen Päckchen vom „Roten Kreuz“, die sowjetischen Gefangenen bekamen keine, weil wir Stalins Feinde waren und deshalb keine Päckchen vom Roten Kreuz bekamen.

Die Amerikaner schlugen mir vor, nach Amerika auszureisen und sie sagten, Sie wissen ja, was Sie in der Sowjetunion erwartet. Stalin hatte gesagt: „Bei mir gibt es keine Gefangenen, es gibt nur Vaterlandsverräter.“ Sogar seinen eigenen Sohn, der in Gefangenschaft war, betrachtete er als seinen Feind. Ich aber entschied mich für meine Heimat, so wie sie war. In diesem Krieg sind 55 Millionen Menschen ums Leben gekommen, von ihnen mehr als die Hälfte Russen.

Wie Sie sehen, war ich auf der anderen Seite des Lebens. Nur leider nicht im Paradies, sondern in der Hölle. So viel habe ich durchgemacht und bin doch am Leben geblieben und 87 Jahre alt geworden.

Ich danke Ihnen, dass Sie mich moralisch unterstützt und mir materielle Hilfe haben zukommen lassen. Bitte schreiben Sie mir, was Sie zur Verbesserung Ihrer Arbeit noch brauchen können und ich schicke es Ihnen zu.

3. Nach der Gefangenschaft in der Sowjetischen Zone in Deutschland.

Die Amerikaner übergaben uns den sowjetischen Truppen, die zu der Zeit in Deutschland waren. Dort durchliefen wir die Sonderprüfung, wir durften Briefe in die Heimat schicken, aber meine Eltern haben damals keinen meiner Briefe bekommen.

Wir äußerten den Wunsch, im Krieg gegen die Japaner zu kämpfen, und wir sollten auch dorthin geschickt werden, aber dann war der Krieg gegen Japan überraschend zu Ende.

4. Nach der Gefangenschaft bei Moskau.

Wir wurden aus Deutschland per Zug in ein Lager in der Nähe der Stadt Welikije Luki überführt, und dort wurden, wieder hinter Stacheldraht, die Verhöre fortgeführt. Wir, die Offiziere, wurden von der Abwehrabteilung „Smersch“ überprüft (das bedeutete: „Stalinsche Methode der Entlarvung von Spionen“).[Tatsächlich: Tod den Spionen].

„Die Verdienste der ‚Smersch‘ während der Kriegsjahre sind weithin bekannt, auf das Konto dieser Organisation gehen aber auch solche Taten, die einem die Haare auf dem Kopf zu Berge stehen lassen. Ihr Vater war stellvertretender Vorsitzender der ‚Smersch‘ …“

Ich wurde wie die anderen auch ins Büro gerufen. Ich habe erzählt, wie ich in Gefangenschaft geraten bin und was ich in der Gefangenschaft gemacht habe. Sie haben mich gefragt: „Warum hat man Sie nicht erschossen?“

Ich antwortete: „Ich wurde für mein Heimatland noch gebraucht.“

Als ich in der Gefangenschaft war, habe ich nicht in der Russischen Befreiungsarmee (ROA) gedient und war nicht bei der Polizaj.

Am 25.10.1945 wurde ich aus dem Lager entlassen. Danach wurde ich fast jedes Jahr beim KGB vorgeladen und wiederholt überprüft, bis 1968. Ich hatte mir aber nichts zuschulden kommen lassen und wurde deshalb keinen Repressalien unterzogen, obwohl viele ehemalige Kriegsgefangene Repressalien erleiden mussten.

Auf Wiedersehen!

G. D. Schapka.

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