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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

172. Freitagsbrief (vom 10. September 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wladimir Fedorowitsch Larionow
Russland
Gebiet Twer.

Guten Tag, sehr geehrter Dmitri Stratievski!

Ihren Brief und die humanitäre Hilfe habe ich bekommen, Vielen Dank. (…)

Ich nehme auch an Treffen mit der jungen Generation in Schulen, Instituten und Sportvereinen teil, wo wir Veranstaltungen für den Frieden und für die Völkerfreundschaft abhalten, damit niemand auf unserem Planeten mehr die Gräuel des Krieges kennen lernen muss.

Ohne dass ich es will, tauchen Erinnerungen an diese schrecklichen Tage und die Schrecken des Krieges in meinem Gedächtnis auf.

Im Lager von Millerowo, wo die Gefangenen unter freiem Himmel in Gruben ausharren mussten (früher wurde dort Lehm gewonnen), gaben sie uns Weizen und Ölkuchen zu essen, wovon den Leuten die Bäuche aufquollen, sie starben unter schrecklichen Qualen. Man muss das selbst durchlebt haben, um verstehen zu können, wie entsetzlich das alles war. In Wlodzimier-Wolynski (einem Offizierslager) [Stalag 365] war die ganze Fläche, auf der sich die Kriegsgefangenen befanden, gepflastert, zwischen den Steinen wuchs aber Gras, und das haben wir mit den Wurzeln gegessen. Davon erkrankten die Gefangenen reihenweise an Ruhr.

Ein Teil des Wachpersonals waren ukrainische und russische Polizai, die sehr brutal zu den Gefangenen waren, brutaler als die Deutschen. So etwas gab es auch.

Bei der Arbeit im Bergwerk Peine gaben uns die deutschen und marokkanischen Arbeiter belegte Brote oder Kartoffeln. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie uns geholfen haben. Die Lagerwachen machten sich jeden Tag ihren Spaß mit uns, z.B. zogen sie einen älteren Hauptmann nackt aus und bespritzten ihn mit dem Wasserschlauch; mit dieser Folter quälten sie ihn zu Tode. So haben sie die Menschen schikaniert. Es ist unmöglich, über all die Etappen, die ich in den schweren Jahren des Krieges durchmachen musste, zu schreiben. Es schmerzt, dass Ihre Regierung Vorurteile gegenüber den Kriegsgefangenen hat. Wir haben daran keine Schuld, wir haben unsere Heimat verteidigt, aber wir hätten nie gedacht, dass uns solche Qualen erwarten. Anscheinend schämen sie sich, ihre eigene Schuld einzugestehen. Möge Gott über sie richten.

Ich habe dann in Brandenburg in einer Filtrations-Armeeeinheit für Repatriierte gearbeitet, ich war stellvertretender Kommandeur des Bataillons zur Aussonderung der Verräter, der Angehörigen der Wlassow-Armee usw. Ich bekam meinen Offiziersgrad zurück, dann wurde ich in die Reserve entlassen. Ich habe einige militärische Auszeichnungen. Dann bin ich zu den Eltern heimgekehrt, habe begonnen zu arbeiten und gewissenhaft die schwere Arbeit ausgeführt, die der Staat mir anvertraute. Ich wurde mit Auszeichnung in den Ruhestand entlassen. Seit 1990 bin ich wegen meines Gesundheitszustandes Invalide zweiten Grades. Nach dem Krieg habe ich mich mit einem Kameraden aus dem Lager getroffen, mit dem ich zusammen im Bergwerk gearbeitet und all die Qualen durchgemacht habe; aber Sie sehen, wir haben durchgehalten. Er heißt Nikolaj Gister, lebt in Moskau, wir haben viele Jahre den Kontakt gehalten. Mittlerweile ist er erblindet. Auch mit Girtkewitsch Don Osipowitsch (Jude) war ich befreundet, er hat den ganzen schrecklichen Krieg in der Gefangenschaft verbracht.

Es würde mich interessieren, ob das Bergwerk in Peine noch in Betrieb ist und wem es gehört, wie die einfachen Leute heute leben usw. Schreiben Sie mir auch, was Sie gerne wissen möchten. Ich danke Ihnen nochmals für die Unterstützung und das Interesse.

Mit Hochachtung vor Ihnen und allen Mitarbeitern, (…)

Wladimir Fedorowotsch Larionow

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