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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

171. Freitagsbrief (vom 2. Oktober 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Pensa
Bezirk Kolyschlejskij
Wasilij Semenowitsch Jermoschin.

Es schreibt die Tochter Nadeshda Wasiljewna Gordon.

Wir wussten keine Anrede für Sie. Wir haben Ihren Brief bekommen und danken Ihnen sehr, dass Sie unseren guten und geliebten Vater nicht vergessen haben. Leider ist unser Vater vor fünf Monaten gestorben, im Februar dieses Jahres. Deshalb antwortet Ihnen seine Tochter. Er hätte sich so sehr über Ihren Brief gefreut, wie ein kleines Kind hätte er sich gefreut. Jetzt, da ich Ihnen diesen Brief schreibe, treten mir immer mehr die Tränen in die Augen. Über all diese Jahre, die er in der Gefangenschaft, im Konzentrationslager, verbracht hat, wissen wir, seine Kinder – und er hatte fünf Kinder, jetzt sind noch vier am Leben – alles aus seinen Erzählungen über sein Leben und sein Schicksal. Er hat keine einzige Minute lang diese schrecklichen schweren Jahre vergessen und hat mit Tränen in den Augen von jedem Tag erzählt, den er im Lager verbracht hat.

Vater erzählte uns, wie sie zur Arbeit gezwungen wurden. Sie mussten auf Karren Schotter für den Straßenbau transportieren. Er erzählte, wie man sie mit dem Gewehrkolben auf die Hände geschlagen hat, wie sie die Hunde auf sie hetzten, wenn jemand zu wenig Schotter auf seinen Karren geladen hatte. Sie waren so jung und ausgehungert, sie wollten überleben und nach Hause zurückkehren.

Unser Vater kam 1946 nach Hause zurück. Nach der Befreiung aus der Gefangenschaft wurden sie 1945 alle nach Chalkin-Gol an die Front gebracht. Unser Vater blieb am Leben, obwohl er immer weinte und sagte, besser hätten sie mich getötet, so schwer war es. Für Chalkin-Gol hat er später eine Medaille bekommen. Er hat überhaupt sehr viele Medaillen. Und wissen Sie, trotz allem hat er nie den Lebensmut verloren, obwohl er und Mutter all die 90 Lebensjahre ein sehr schweres Leben hatten. Ihr ganzes Leben lang haben sie in der Kolchose und im Sowchos gearbeitet. Dank gab es dafür keinen, sie haben gearbeitet und gearbeitet. Mühten sich ab, um uns Kinder zu ernähren und uns auf eigene Beine zu stellen. (…) Unsere Eltern hatten eine kleine Rente. Und als Vater von dem Beschluss hörte, dass allen Kriegsgefangenen eine Entschädigung aus Deutschland zusteht, hat er sich sehr gefreut. Er hat geweint und gesagt, dass sie ihn doch nicht vergessen haben. Wir suchten alle Unterlagen zusammen und schickten sie nach Moskau. Als Antwort aber bekamen wir eine Absage.[*]

Bis zum letzten Tag hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man ihm doch noch etwas schicken wird, wenigstens ein bisschen Geld für den Notfall. Und nur um ein paar Monate hat er es nicht mehr erlebt. Unser lieber Vater, wenn er wüsste, dass sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, wenn wir ihm alles noch hätten erzählen können, dass all die Qualen und das Leid, was er durchmachen musste, nicht vergessen sind, und dass man an sie denkt. Alles ist so gekommen, wie er es sich gewünscht hat. Wir teilen mit ihm Schmerz und Freude. Wir können ihn aber nicht mehr zurückbringen. Wissen Sie, er hatte so viele Krankheiten, man kann gar nicht alle aufzählen, aber er hat ihnen getrotzt, wir Jungen sollten uns an ihm ein Beispiel fürs Leben nehmen. Er hat so viel Schreckliches erlitten und ist doch so ein guter Mensch gewesen, zu seinen Kindern und zu allen Menschen. Die Leute haben seine Güte sehr geschätzt und ihm mit der gleichen Güte geantwortet.

Als die Vergünstigungen für Medikamente eingeführt wurden, lebte er ein wenig auf, er dachte, sie werden ihm kostenlos gute Medikamente geben und die Rente kann er dann für bessere Lebensmittel verwenden. Aber leider wurde er auch hier enttäuscht, außer Korvalol und Analgin haben sie ihm nichts gegeben. Und immer haben sie ihm nur Vorwürfe gemacht, was wollen Sie denn, es gibt so viele Rentner wie Sie, und Sie leben so lang … (…)

Wir möchten so gerne viel von ihm schreiben und wenn Sie nichts dagegen haben, dann würden wir gerne den Kontakt zu Ihnen aufrecht erhalten und den Briefwechsel fortführen.

Mit größter Achtung vor Ihnen, die Kinder von Wasilij Semenowitsch Jermoschin:

Wladimir, Nikolaj, Nadeshda, Valentina, Galina.

Vielen Dank.

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[*] Gemeint sind die Leistungen der Bundesrepublik Deutschland und der deutschen Wirtschaft an zivile NS-Zwangsarbeiter. Die Absage lautete: „Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung“

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