Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

170. Freitagsbrief (vom 17. Oktober 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Region Krasnodar
Arwarmir
Andrej Wassiljewitsch Kitaschow.

(…) Sie wollten meine Meinung zur Zusammenarbeit von Kriegsgefangenen und Deutschen und über ihren Verrat hören. Meine Meinung ist die, wie Sie in Ihrem Brief schreiben: „Die menschliche Psychologie ist wirklich sehr elastisch. Besonders im Stresszustand. Der Mensch schafft sich eine Art Schutz, indem er seine Handlungen und oftmals auch die der anderen gut heißt“. Eben diese Handlungen, begriffene und nicht begriffene, kamen bei den Kriegsgefangenen voll zum tragen. Es gab natürlich auch Verräter, aber das waren wenige. Sie gingen offen auf die deutsche Seite über und schufen eine gewisse Verwirrung unter den zum Überleben verurteilten Gefangenen. Ein Teil schloss sich den Taten der Verräter unbewusst an. Andere suchten andere Wege, um dem Lager zu entkommen. Ein Beispiel: Ein Teil des Territoriums der UdSSR war von der Wehrmacht besetzt. Darunter auch die Ukraine. Die Deutschen hatten Sympathien zu den Ukrainern. Sie bemerkten, dass sie der Unabhängigkeit nicht abgeneigt waren. In diesem Falle nahmen die Deutschen unter den Gefangenen Ukrainer zum Dienst als Polizai in den eroberten Gebieten. So kamen einmal deutsche Offiziere in das Lager. Alle Ukrainer mussten in einer Reihe antreten. Das Unterfangen war allen Gefangenen klar. So hat mein Kamerad, ein Belorusse, zu mir gesagt: „Lass uns auch als Ukrainer in die Reihe treten, wenn es glückt, werden wir als Polizai genommen. Hauptsache wir entkommen aus dem Lager, danach laufen wir zu den Partisanen über. Und so reihten wir uns ein. Aber der deutsche Offizier sprach etwas ukrainisch. Er fragte den einen oder anderen, bist du Ukrainer, wenn er richtig antwortete, blieb er in der Reihe, wenn nicht wurde er weggejagt. Wie der Zufall es wollte, kam er auch zu mir und fragte „Ukrainer?“ Ja, antwortete ich. „Wo wohnst du?“ In Maikop, antwortete ich. Wie ist das Leben da so? Ich antwortete (choroscho – das ist russisch d.Ü.) gut. Er schlug mir mit ganzer Kraft ins Gesicht und schrie, dobre! (Das ist gut auf ukrainisch). Mein Kamerad kam durch. Offensichtlich waren in der Reihe viele solcher „Ukrainer“ wie ich. So kam die Anwerbung nicht zustande. Wir mussten wegtreten. Wenn wir erfolgreich durchgekommen wären, wie hätte sich unser Schicksal gestaltet? So wären wir schnell zu Verrätern geworden, wenn es nicht gelungen wäre, zu den Partisanen überzulaufen. Später ist mein Kamerad aus Belorussland, mit dem wir einen Fluchtversuch organisiert hatten, von der Wache bemerkt und beschossen worden, ich dagegen musste im Lager bleiben. Sein Schicksal kenne ich nicht.

Um sich vor dem Hunger und dem Tod zu retten, suchten die Gefangenen nach jeglichem Ausweg. Es gab auch solche Vorfälle: Einige, besonders aus den unteren Kommandeursrängen, haben ,um sich vor dem Hunger zu retten, so etwas wie Laienkunst organisiert: Lieder, Tänze, um so bei der deutschen Lagerleitung Aufmerksamkeit zu erregen, die ihnen dann etwas zu Essen zuteilte. Was war aber weiter? Sie sind dann organisiert gefördert und an die vorderste Frontlinie gebracht worden, wo man sie gezwungen hat, über Lautsprecher ihre Laienkunst der Sowjetarmee zu übertragen. So wurden sie ungewollt zu Verrätern.

Nicht alle Wlassow-Leute [1] waren offensichtliche Verräter. Die meisten von ihnen wollten sich vor Hunger retten und haben sich ohne nachzudenken angeschlossen und dachten bei beliebiger Möglichkeit, zu den Eigenen überzulaufen. Aber das ist leider auch Verrat. Ich habe auch folgende Episode gesehen. In Rastenburg, wo die Gefangenen unter grausamen Bedingungen arbeiteten und sie auf Schritt und Tritt verprügelt wurden. Eines Tages wurde ein groß gewachsener junger Mann in zerlumpter deutscher Uniform kaukasischer Nationalität in unser Lager hereingestoßen. Es war deutlich zu sehen, dass er krank war. Einmal, ich weiß nicht mehr aus welchem Grunde, blieb ich im Lager, um Kartoffeln für die Küche zu schälen. Dort traf ich diesen Menschen kaukasischer Nationalität. Aus dem Gespräch ging hervor, dass er in die Freiwilligenarmee zur Befreiung des Kaukasus [2] angeworben worden war. Für guten Dienst war er sogar zum Urlaub auf dem okkupierten Territorium geschickt worden und traf dort seine Verwandten. Nach der Rückkehr zu seiner Einheit erkrankte er an TBC. So hat man ihn jetzt in unser Lager geworfen. In diesem Lager wurde man jeden Morgen zur Arbeit gejagt. Wer nicht gehen konnte, wurde getötet. Und so wurde einmal dieser Mensch zu Tode geprügelt. Ich musste auf Befehl der Wachen den Toten in den Bunker schleppen.

So gab es auch solche Verräter und das Schicksal war ihnen nicht hold. 1944 jagte man die Gefangenen entlang der Ostsee nach Westen. In der Stadt Danzig waren im Winter die Wachen und die Patrouillen rings um die Stadt Russen in deutscher Uniform. Das waren auch Verräter. (…)

Ich sage voller Überzeugung, die große Masse der Gefangenen hat sich würdig verhalten und die Selbstbeherrschung nicht verloren. Es war zu bemerken, dass andere Kriegsgefangene, Franzosen, Italiener, Polen und sogar die Deutschen uns darum beneideten. Im „geliebten“ Dorf Langendorf beim Großgrundbesitzer habe ich 1943 den Deutschen gesagt, dass die Russen ganz bestimmt kommen und alle Deutschen verjagen werden. Viele haben das bezweifelt. (…) Würdig und patriotisch unter schweren, schwierigen Bedingungen unter allen Umständen haben sich gehalten Russen, Belorussen, Wolga-Tataren, Udmurten, Baschkiren, Tschuwaschen. Schwächer waren die Mittelasiaten, vorsichtig die Kaukasier und ein Teil der Ukrainer waren unsicher.

Aber allen war der Kriegsbeginn bekannt. Die an der Grenze gelegenen Truppen hatten unter schwierigsten Bedingungen erbittert Widerstand geleistet und große Verluste erlitten. Erschöpft und verwundet gerieten sie in großen Massen in Gefangenschaft, haben aber den Kampfgeist nicht verloren. Was sie konnten, haben sie getan, um ihre Grenzen zu verteidigen. Aber nachdem sie in Gefangenschaft geraten waren, fühlten sie sich in der Seele schuldig, aber nicht als Verräter.

Folgende Episode: Nach der Befreiung von uns Gefangenen durch die Engländer wurden wir gewaschen, desinfiziert und in deutsche Beuteuniformen der Marine gekleidet und den sowjetischen Truppen in der Stadt Parchim übergeben. Von dort ging es zu Fuß unter Begleitung bis zur sowjetischen Grenze. An einem großen Bahnhof war schon der Zug mit Personenwaggons bereitgestellt worden, in die wir gesetzt wurden. Viele von uns liefen noch neben den Waggons herum. Einige Gleise weiter stand ein Zug mit demobilisierten Soldaten mit Orden und Medaillen. Die Türen standen offen, es waren keine Passagierwaggons, auf dem Boden war Stroh zu sehen und das Gepäck der Frontkämpfer. In einem der Waggons an der offenen Tür saß ein junger Bursche, auf dessen Brust der Heldenstern glänzte. Dort bei den Waggons standen demobilisierte Soldaten und schauten auf uns mit Hohn und Hass. Sie hatten ihre Gründe. Sie waren in Uniformen gekleidet, die teilweise schäbig waren, aber Helden und Befreier. Vor ihnen in deutschen Uniformen, wenn auch ohne Schulterstücke, Repatriierte. Die Psychologie der Sieger konnte man verstehen, jedoch nicht in diesem Moment.

Voll Bosheit mit den Zähnen knirschend haben viele von ihnen giftige Worte an unsere Adresse gerichtet. Da sind sie ja, die Verräter in Uniformen und sauber. Und was sind wir – Sieger in Lumpen (so haben sie offenbar gedacht). Diese urplötzlich und bis zu Tränen kränkenden Worte erregten beide Seiten. Und beide Seiten stießen in einer Schlägerei aufeinander. Die Sieger-Helden und jener Bursche mit dem Heldenstern wurden in die Waggons gejagt. Der Sieg in dieser Schlacht ging an die bis zu Tränen gekränkten Veteranen der ersten Kriegstage. Hätte es nicht die Führung des Zuges der Demobilisierten gegeben, wäre es wahrscheinlich nicht ohne Opfer ausgegangen.

A.W. Kitaschow.

****

[1] „Wlassow-Leute“: Nach dem sowjetischen General Andrej A. Wlassow, der von der Wehrmacht gefangen genommen und 1944 Kommandant der von Hitler befohlenen „Russischen Befreiungsarmee“ (ROA) wurde. Die Rekrutierung von Freiwilligen in den „Russenlagern“ der Wehrmacht wurde begünstigt durch die lebensbedrohenden Lagerbedingungen, denen eine Minderheit der sowjetischen Kriegsgefangenen auf diesem Wege entkommen wollte.

[2] Dieser Kollaborateur war wahrscheinlich in der „Nordkaukasischen Legion“ gewesen, der Kriegsverbrechen nachgesagt werden.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.