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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

169. Freitagsbrief (Aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandra Antonowna Kotschubej
Ukraine
Lwow.

Sehr geehrter Dmitri Stratievski!

Ich möchte Ihnen und Ihren Arbeitskollegen ein Frohes Neues Jahr und Frohe Weihnachten wünschen! Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, Glück, ein langes Leben und das Allerbeste in Ihrem Leben.

Als Antwort auf Ihren Brief möchte ich Ihnen ausführlicher erzählen, wie ich in Gefangenschaft geraten bin. Ich, A. A. Kotschubej, geb. 1922, habe 1940 die medizinische Fachschule in Leninsk-Kusnezkij im Gebiet Kemerowo abgeschlossen und wurde in den Bezirk Topki im gleichen Gebiet ins Krankenhaus von Ustsosnowo geschickt, wo ich als Hebamme gearbeitet habe. Am 22. Juni 1941 begann der Krieg mit Deutschland, ich wurde mit anderen Krankenschwestern sowie mit Polina Wasilenko (ihr Mädchenname war Terechina) in die Sowjetische Armee eingezogen, und Polina und ich kamen in den Nordwesten in die 2. Stoßarmee, 22. Division, 7. Sanitätsbataillon. Zu der Zeit wurde die Armee von General Wlassow befehligt. 1942 wurde unsere Armee von den Deutschen eingekesselt und der General ergab sich den Deutschen. Zu der Zeit fanden heftige Gefechte statt und ich wurde von Minensplittern an beiden Beinen verwundet, ich konnte nicht mehr laufen und lag vier Tage im Wald bei -40 Grad. Am fünften Tag fanden mich deutsche Soldaten, brachten mich ins Feldlazarett, wo ein Oberarzt erste Hilfe leistete. Dann schickte er mich weiter nach Nowgorod ins Krankenhaus, wo die Splitter entfernt wurden. Nach der Genesung brachten sie mich mit anderen Kriegsgefangenen, unter denen auch die Ärztin Frida Ibragimowa war, mit der ich im Sanitätsbataillon gearbeitet hatte, ins Konzentrationslager nach Narva (Estland). Dort traf ich meine Kollegin Polina wieder. Der Lageraufseher war ein Deutscher, Otto Blüm, vom Rang her Gefreiter. Im Lager wurden wir zu Straßenreparaturarbeiten eingesetzt von morgens 6 Uhr bis abends 7 Uhr. Ich blieb bis März 1944 in diesem Lager, dann wurde ich mit anderen Kriegsgefangenen in ein anderes Konzentrationslager gebracht, nach Lublin [Stalag 366](Polen), wo ich zwei Wochen und ein paar Tage war. Eines Tages oder besser: in einer Nacht gelang uns die Flucht aus der Gefangenschaft. Ein Pole half uns dabei, an seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern, er war freie Arbeitskraft im Lager, und er organisierte für uns Proviant. Wir waren fünf Leute, wir schlugen uns durch die Wälder, gingen auch in die Dörfer und baten dort um Essen, die Polen gaben uns immer etwas. So kamen wir in die Nähe der Front, d.h. zu den Partisanen. Ein Pole, er hieß Jakub, brachte uns zu einer Partisanengruppe, die sich der Mirkowskij-Partisaneneinheit anschloss. Dort waren wir von Mai bis August 1944, d.h. bis zur Auflösung der Einheit.

Ich konnte Ihnen sehr lange keine Kopien der Zeugenaussagen schicken, weil ich sie selbst nicht hatte. Ich habe dann einen Brief nach Kiew ins Archiv für ehemalige Partisanen des Großen Vaterländischen Krieges geschrieben, auf meine Bitte hin haben sie mir nach anderthalb Monaten Kopien der Zeugenaussagen geschickt, die ich an Sie weiterleite. Außerdem schicke ich Ihnen eine Kopie des Nachweises meiner Zugehörigkeit zur Partisaneneinheit, worum Sie mich ja gebeten hatten. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, aber das Leben ist eben so schwer, vor allem in meinem Alter.

Entschuldigen Sie bitte nochmals. Mit aufrichtiger Achtung vor Ihnen,

A. A. Kotschubej

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