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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

168. Freitagsbrief (vom 15. Juni 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
TaganrogRussland
Wiktor Grigorjewitsch Kriwowjazyj.

Herzliche Grüße, deutsche Kameraden![*]

Ich habe aus verschiedenen Gründen, die nicht von mir abhingen, nicht sofort antworten können. Das Geld, 300 Euro, habe ich bekommen. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Geschenk hat für mich nicht so viel Wert wie das Interesse. Wer die Vergangenheit vergisst, der wird keine Zukunft haben. Nun kurz zu mir.

Anfang Mai 1942 wurde ich bei Charkow verwundet und geriet in Gefangenschaft. Im Juni kam ich nach Deutschland nach Sagan ins Lager für russische Kriegsgefangene Stalag VIII C. Da Stalin die internationale Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen nicht unterschrieben hatte, wurde uns keine Hilfe vom Internationalen Roten Kreuz zuteil.

Die tägliche Lagerration bestand aus 150 Gramm Ersatzbrot und einem halben Liter Balanda aus Grünzeug, Silofutter, das mit Zellulose zubereitet wurde. Da zu dem Zeitpunkt sehr viele Russen gefangen genommen waren, wurden zur Aufnahme der neuen Gefangenen Schreibkommandos formiert, in denen Gefangene arbeiteten, die die lateinische Schrift beherrschten. Weil ich ein bisschen Deutsch sprach, wurde ich zum Leiter bestimmt. Da wir aber (im Unterschied zu den Aufräumern) keine körperliche Arbeit ausführten, stand uns keine Zulage[*] zu. Die Deutschen kalkulierten so, dass ein normaler gesunder Mensch mit der Lagerration etwa neun Monate überleben konnte. Zum Februar 1943 war ich so geschwächt, dass ich schon nicht mehr auf meine Pritsche klettern konnte und dass Essen mich nicht mehr interessierte. Schluss[*]! Zu der Zeit aber verloren die Deutschen die Schlacht um Stalingrad, es kamen sehr wenig neue Gefangene und so schickten sie mich in ein Arbeitskommando in Grünberg [Schlesien] in der Waggonbaufabrik „Beuchelt“. Ich überlebte.

Natürlich habe ich damit nur einen kleinen Teil dessen beschrieben, was ich durchlebt habe. Wenn Sie mir schreiben werden, schicken Sie die Briefe bitte an die Adresse auf dem Briefumschlag, weil ich möglicherweise umziehen werde.

Alte Schnauze 87 Jahre[*], Kriwowjazyj W. G.

Etzt geets alles forbei
und nach dem eine Dezember
kommt immer wieder ein Mai[*].

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[*] Mit * gekennzeichnete Stellen schrieb Herr Kriwowjazyj auf Deutsch.

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