Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

167. Freitagsbrief (vom 11. Mai 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Seine zweiter Brief.

Wladimir F. Tolkatsch
Belarus
Gebiet Witebsk.

Guten Tag!

Es schreibt Ihnen der ehemalige Offiziersschüler der Panzertruppenschule Wladimir Fomitsch Tolkatsch. In den ersten Kriegstagen bin ich in Gefangenschaft geraten, ich wurde bei Pruschany nicht weit von Brest verwundet. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sie uns zusammentrieben und dann ins Lager 304 [204?] hetzten, die Schikanen haften für immer im Gedächtnis: wie sie uns in die Waggons luden, und wie sie uns schlugen mit allem, was ihnen unter die Finger kam, wie wir dann dicht aneinander gedrängt in den Waggons standen, wir hielten lange am Bahnhof von Brest, wir baten um etwas zu Trinken, überall Stöhnen und Schreie. Dann entluden sie die Waggons und viele von uns waren nicht mehr am Leben, danach mussten wir auf dem offenen Feld liegen, und was machten sie dann, wenn einer aufstand, leuchteten sie mit einem Scheinwerfer auf ihn. Dann trieben sie uns Geschwächten weiter, gaben uns nicht einmal etwas Wasser, und ich weiß noch, was sie machten, wenn jemand zusammenbrach und nicht mehr aufstehen konnte. Dann bauten sie das Lager unter freiem Himmel, es war unterteilt in mehrere Abschnitte und Wachtürme.

Alles, was dort wuchs, aßen wir auf und übrig war nur die schwarze Erde, mit den Händen gruben wir nach Wasser, saugten am nassen Sand. Ich kann mich gut erinnern, wie wir in einer regnerischen und kalten Nacht versuchten, über den Zaun zu kommen, um uns in den Wald zu retten, das war am linken Rand des Lagers, aber dann entdeckten sie uns von den Wachtürmen mit ihrem Scheinwerfer. Und wie viele ließen dort ihr Leben, sogar noch halb Lebendige legten sie auf die Stapel und bestreuten sie, nach einem Fluchtversuch oder einem Aufstand. Einige Gefangene, natürlich nicht alle, hielten es nicht aus, sie wollten sich mit den Händen freigraben, bis sie bluteten. Wie sie dann schrien! Wer blutete, der bekam medizinische Hilfe. Auch ich, allerdings kam ich unters Dach auf gelben Sand, die Deutschen hatten Angst, dorthin zu gehen. Mir und noch einigen anderen rettete unser Arzt das Leben, er gab uns weiße Kittel und führte uns als Sanitäter dort hinaus. Aber was ist mit den anderen passiert …? Ich weiß noch, wie sie die Geschwächten, die wie durch ein Wunder am Leben geblieben waren, durch die Straßen von Leipzig hetzten, dann zum Lager IV B [Mühlberg/Elbe], sie schmierten uns mit etwas ein, das vor den Läusen schützen sollte, wie wir stundenlang stehen mussten, und wie unsere Jungs starben, die sie für den Fluchtversuch oder fürs Auflehnen an den Händen aufgehängt hatten.

Wir aßen einmal rohe Kartoffeln, und vor Wut, dass sie nichts gefunden hatten, schlugen sie uns. Dann wurden wir abgezählt, hergerichtet, angezogen und vorbereitet für den Arbeitseinsatz. Der Arbeitgeber nahm uns im Dorf Krostitz nicht weit von Leipzig in Empfang, wir mussten zugewachsene Kanäle säubern. Er sagte, wenn ihr gut arbeitet, werdet ihr auch gut essen, wir schliefen auf einfachen Brettern, arbeiten mussten wir von sechs Uhr morgens bis abends, und wir hatten einen Laib Brot auf sechs Personen und Kaffee-Ersatz ohne Zucker, abends dann einen Liter Suppe, mit ungeschälten Kartoffeln und Rübenkraut. Wir fanden kleine Fische im trüben Wasser, die wir an Ort und Stelle aufaßen, das rettete uns.

Vor allem am Wochenende kamen betrunkene Soldaten und Offiziere mit Pistolen zu uns – wir waren etwa 30 Leute –, schrien „Stillgestanden!“ und schlugen diejenigen, die ihnen nicht gefielen. Im Winter arbeiteten wir bei verschiedenen Bauern, versuchten, irgendwie zu überleben, später trieben sie uns dann weiter, ins Dorf Riesa am Fluss Multa [Mulde], dort mussten wir Dämme bauen, ließen das Wasser von den überschwemmten Gebieten abfließen, führten alle möglichen Arbeiten aus, wir wurden auf verschiedene Arbeitgeber aufgeteilt. Im Herbst 1942 brachten sie uns in die Zuckerfabrik Zörbig, Kreis Bitterfeld. Die Hauptarbeit war das Entladen von Kohle, dann mussten wir die Asche aus den Öfen wegbringen, Kalkmilch herstellen, die Zuckerrüben ausladen und den Arbeitern alles bringen, was sie brauchten. In der Fabrik arbeiteten französische Kriegsgefangene, die uns unter Gefahr halfen und uns sogar Flugblätter brachten. Wir arbeiteten auch nachts. Ich musste als Schreiner arbeiten, habe Fenster eingesetzt und gestrichen, habe Rahmen gemacht und jegliche Arbeit sogar in der Fabrik. Mein Chef Otto Torenz war gut zu mir, aber das wusste ich. Ich danke ihm sehr, falls er noch am Leben ist, auch seiner Frau und seinen Kindern, sie haben mich Walda genannt. In der Werkstatt arbeitete nur ich. Sogar der Fabrikdirektor kam mal in die Werkstatt und legte mir eine Zigarre auf die Werkbank. Der Direktor hieß Plesing, ich habe für seinen Sohn ein Spielzeug gemacht (einen Spielzeugpanzer). Danke an sie, dass ich bis heute am Leben bin.

Im Februar 1945 kamen wir wieder ins Lager, und dort wurden wir am 27.4.1945 von unseren Soldaten befreit, bei Kriegsende war ich dann in Prag in der Tschechoslowakei. 1946 wurde ich aus der Armee entlassen und kehrte in die Heimat zurück, aber meine Mutter und meinen Bruder sah ich nie wieder. In Krasnoluki gab es ein Kinderheim, in dem ich dann arbeitete.

Die Weißrussen haben Leid erfahren, das sie schwer vergessen können. In meinem Geburtsort Krasnoluki wurden mehr als 300 Menschen erschossen. Es gibt jetzt ein Denkmal aus schwarzem Marmor mit der Aufschrift „Hier haben die Faschisten Kinder und Zivilbevölkerung bestialisch ermordet.“ (…) Wir Belorussen freuen uns über alle Menschen, die es mit uns gut meinen. Bei uns sind alle Nationen gleich. Unser Präsident Alexander Lukaschenko kümmert sich um uns und um alle. Vielen Dank für den Brief, den ich von den Mitgliedern des Vereins „Kontakte“, von Doktor Hilde Schramm und dem Projektleiter Eberhard Radczuweit bekommen habe.

Mit freundlichen Grüßen,

W. Tolkatsch

Bitte entschuldigen Sie, dass ich so schlecht schreibe, dass ich im Text nicht immer Punkte setze und manchmal Buchstaben vergesse. Aber was ich geschrieben habe, das ist genau das, was ich wirklich habe durchleben müssen. Ich habe nicht erwartet, dass man mich 68 Jahre später um Verzeihung bittet. Ich bin 85 Jahre alt. Das hat mich sehr ergriffen. Es gibt ein Sprichwort „Gute Samen fürchten das Unkraut nicht, sondern gedeihen und wachsen.“ Das ist gut.

Auf Wiedersehen aus Krasnoluki.

Tolkatsch W. F.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.