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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

165. Freitagsbrief (vom 22. September 2009, aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler).

G. A. Kentschadze
Georgien
Kutaisi.

2. Brief.

Lieber Dmitri Stratievski!

Ich habe Ihren Brief bekommen und möchte Ihnen für Ihr Interesse danken. Ich möchte Ihnen gerne ausführlicher von meinem Leben erzählen. 1941 wurde ich während des Zweiten Weltkrieges an die Front geschickt. In der Ukraine musste unser Bataillon in Folge des ungleichen Kampfs in einem Tunnel Deckung suchen. Die Deutschen ließen Gas in den Tunnel ein. Wir waren gezwungen, uns zu ergeben und in Gefangenschaft zu begeben. Wir wurden nach Polen gebracht, nach Kruschnoj [Kruszino, Ausbildungslager der Georgischen Legion[*]], wo wir fast zwanzig Tage verhört wurden. Besonders grausam gingen sie mit den Soldaten um, die in der Kommunistischen Partei waren, und mit den Juden. Einer der Juden war mein Bekannter, Seplaschwili, der auf meinen Rat hin seinen Pass vernichtete und mich als Zeugen angab, der bestätigen konnte, dass er ein georgischer Soldat war; damit hat er sich das Leben gerettet. Nach Kriegsende blieben wir weiter im Kontakt, haben uns oft getroffen und über diesen Vorfall gesprochen. Ein Teil der Kriegsgefangenen wurde aus Polen nach Frankreich transportiert, in die Stadt Perev, dann nach Evleton, wo ich bei der Versorgung der Pferde arbeiten musste. Hier freundete ich mich mit Mischa Samcharadze an, er hatte eine französische Freundin, die Kontakt zu den Partisanen von der Internationalen Widerstandsbewegung in Frankreich hatte. Mit ihrer Hilfe gelang zehn Soldaten die Flucht. Einer der Soldaten ließ uns auf dem Weg im Stich und kehrte ins Lager zurück. Die Deutschen schlugen Alarm, wir waren aber schon weit weg und konnten uns in den Wäldern verstecken. Dann haben ich, Mischa Samcharadze, Wassilij Tschiteischwili, Mischa Dschariaschwili, Artschil Tabatadze, Pawle Masiaschwili und andere uns mit Hilfe dieser Frau der französischen internationalen Widerstandsbewegung angeschlossen. Der Anführer unserer Untereinheit war Disonder, sein Stellvertreter hieß Marcel, und zum Anführer unserer Gruppe wurde Mischa Samcharadze ernannt. Wir kämpften in Südfrankreich, bei einem Gefecht wurde Mischa Samcharadze am Kopf verwundet, es gelang mir, ihn auf dem Rücken vom Kampffeld zu schleppen. Nach Kriegsende haben wir den Kontakt gehalten, wir haben uns oft geschrieben. Er lebte im Dorf Saban.

Mit Hilfe der Partisanenbewegung konnte ganz Südfrankreich befreit werden, später kam von Paris die Armee de Gaulles, der wir uns anschlossen. Die Franzosen verliehen mir das Tapferkeitskreuz und vier Medaillen. Nach der Befreiung Frankreichs ernannten die Franzosen mich zum Kommandanten und zahlten mir Gehalt.

1945 war der Krieg zu Ende. Wir kehrten in die Heimat zurück. Wir dachten, dass unsere Regierung uns danken würde für den Mut und die Tapferkeit, die wir an den Tag gelegt hatten, aber im Gegenteil, kaum hatten wir die Grenze überschritten, da wurden wir gefasst, man nahm uns die Waffen und Medaillen, die uns die Franzosen geschenkt hatten, ab und verschickte uns in die Republik Komi [Nordrussland]. 1946 wurde ich frei gelassen, ich durfte zurück nach Georgien und nahm in meinem Bezirk eine Arbeit als Landwirtschaftsexperte auf. 1951 schickten sie mich von der Arbeit zu einem Fortbildungskurs nach Tiflis, und als ich weg war, drangen sie um 12 Uhr nachts in mein Haus ein und nahmen meine Frau und mein minderjähriges Kind mit, wovon ich rein zufällig erfuhr. Ich schaffte es noch, in den gleichen Zug einzusteigen, in dem meine Frau und mein Kind saßen. Wir wurden nach Mittelasien verschickt, in den Bezirk Ilitsch, wo ich bis 1953 blieb. Danach ließen sie uns gehen. 1971 erschien ein Sachbuch über die georgischen Partisanen in Paris auf der Basis von Informationen aus französischen Archiven und anderen Materialien, die der Schriftsteller Gudschabidze gefunden hatte, außerdem wurden einige Artikel über mich in der Zeitung abgedruckt. Ich wandte mich mit einem Antrag auf Rehabilitierung an die Regierung, an E. Schewardnadse, schließlich wurde ich endlich rehabilitiert und ich bekam eine Rente als Kriegsveteran. Später wurde meinen beiden Kindern, die zusammen mit mir in der Verbannung gewesen waren, auch eine Rente zugestanden (meine Frau war schon vorher verstorben).

2003 wurde mir die Rente aus mir unbekanntem Grund aberkannt. Ich bin 93 Jahre alt, habe nervlich bedingt ganz mein Augenlicht verloren. Ich möchte mich ans Internationale Gericht wenden und die Wahrheit ermitteln. (…)

Mit freundlichen Grüßen,

G. Kentschadze.

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[*] Die Georgische Legion wurde rekrutiert aus Exilgeorgiern, aus Kriegsgefangenenlagern und unterstand dem Kommando der Wehrmacht. Die Legion bestand aus 13 Battaillonen zu jeweils 800 Mann, die vorwiegend im besetzten Frankreich stationiert wurden. Viele sowjet-georgische Kriegsgefangene in der Legion nutzen die relative Bewegungsfreiheit zur Flucht und wurden Mitglieder der Résistance.

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